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Naturschutzzone contra Tourismus

Für die Gemeinde Boxberg geht es am Bärwalder See um alles oder nichts. Dabei planen zwei Investoren ein Hotel und die Schifffahrt.

Still ruht der (Bärwalder) See – wie anscheinend auch das Verfahren zur Ausweitung der Naturschutzzone inmitten des Gewässers. Doch in der Gemeinde Boxberg befürchtet man, von einer Allgemeinverfügung der Landesdirektion kalt überrascht zu werden.
Still ruht der (Bärwalder) See – wie anscheinend auch das Verfahren zur Ausweitung der Naturschutzzone inmitten des Gewässers. Doch in der Gemeinde Boxberg befürchtet man, von einer Allgemeinverfügung der Landesdirektion kalt überrascht zu werden. © Joachim Rehle

Mit einer Wasserfläche von 1.200 Hektar ist der Bärwalder See Sachsens größtes Binnengewässer – und seit die touristische Entwicklung dort vorangeht, eines der beliebtesten noch dazu. In die Frage der Fahrgastschifffahrt kommt Bewegung, seit die Lux-Werft, die auf dem Brombachsee im Fränkischen Seenland aktiv ist, ihr Angebot für den Bärwalder See abgegeben hat. Und der seit Jahren geplante Hotelneubau am Boxberger Ufer rückt – wenn auch mit neuem Investor – in greifbare Nähe. Für zehn Millionen Euro soll dort ein Elldus Familotel Lausitzer Seenland in den nächsten fünf Jahren entstehen. Den Weg dafür hat der Gemeinderat Boxberg am Montagabend mit seinem einstimmigen Beschluss zum Verkauf der Flächen freigemacht.

Doch all das könnte auf einen Schlag vergessen sein, noch bevor es so richtig begann. Die Landesdirektion Sachsen stellt die touristischen Aktivitäten gründlich infrage – mit ihren Plänen zur Ausweitung einer Naturschutzzone inmitten des Sees. Demnach soll künftig nicht nur eine kreisrunde Verbotszone mit einem Radius von 1.000 Metern für jeglichen Bootsverkehr tabu sein, sondern darüber hinaus eine trapezförmige Sperrfläche von mindestens zwei Kilometern gleich noch mit.

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Widerstand gegen Verbotszone

Dagegen hatte sich 2020 erheblicher Widerstand formiert. Zwar war man in der Gemeinde Boxberg froh, dass nach jahrelangem Stillstand das Verwaltungsverfahren zur Schiffbarkeit auf dem Bärwalder See endlich wieder in Gang gekommen war, doch so hatten es sich die Touristiker in Boxberg und anderswo ganz und gar nicht vorgestellt. „Die Umsetzung dieser Pläne macht 15 Jahre touristische Nutzung des Bärwalder Sees mit einem Schlag zunichte“, argumentierte die Gemeinde Boxberg in ihrer Stellungnahme. Sie lehnt die Verbotszone strikt ab. Zumal der Tourismus bisher die einzige (greifbare) Form der Strukturentwicklung sei. Rückenwind kam von Vereinen und Verbänden bis hin zum Tourismusverband Lausitzer Seenland sowie von privaten Betreibern touristischer buchbarer Angebote. Sie alle haben „kein Verständnis für eine scheinbar willkürliche und erneute Ausweitung der naturschutzrechtlichen Schutzzone“.

Im Juli 2008 hatte eine erste allgemeine Genehmigung die Befahrung des Bärwalder Sees für Boote mit Verbrennungsmotor, für Segel- und Ruderboote sowie Wasserski, Jetski und das Kitesurfen erlaubt. Weitere rechtskräftige wasserrechtliche Genehmigungen erteilte der Landkreis 2016 und 2019. Sie waren Grundlage für einen „Status quo“ und ermöglichten kommunale, gemeinnützige und private Investitionen auf und am See.

Bisherige Genehmigungen in Gefahr

Bei der Landesdirektion sind zwei Verfahren anhängig: Zum einen geht es um die Schiffbarkeit und zum anderen um die temporäre Begrenzung der Nutzung. Mit Abschluss beider Verfahren würden alle bisherigen Genehmigungen zum Bootsverkehr ersetzt und damit null und nichtig.

In einem Zwischenbescheid war bereits 2014 die Rede von der Ausweisung einer neuen Verbotszone inmitten des Sees, um diverse Vogelarten zu schützen. In seinem Widerspruch vom Dezember 2014 charakterisierte der Anglerverband Elbflorenz dieses Ansinnen als „praxisferne Regelung“. Ohnehin sei der Schwarzhalstaucher nachweislich nicht mehr da. Im Zwischenbescheid an die Gemeinde Boxberg wurde im Sommer 2015 die wasserrechtliche Genehmigung angepasst – mit der Bestimmung, dass eine saisonale Bootsnutzung nur vom 1. April bis zum 31. Oktober und auch nur zwischen 8 und 21 Uhr gestattet sei. Sie gilt für maximal 40 Boote, die der Hafenmeister zählen müsste. Für die Begrenzung der Sperrzone seien 82 Tonnen erforderlich und durch Gemeinde sowie Anglerverband zu finanzieren.

Im Februar 2020 waren im Rahmen einer öffentlichen Anhörung Stellungnahmen abgefragt worden. „Wir waren geschockt über die beabsichtigte Ausweitung der Naturschutzzone“, fasste der für den Bärwalder See zuständige Amtsleiter der Gemeinde am Montag im Gemeinderat die Situation noch einmal zusammen. „Unsere Aufgabe ist es, den See attraktiv zu halten. Wir brauchen die Schiffbarkeit, und die ist noch immer nicht erklärt. Die Bedingungen sind für die Gemeinde Boxberg nicht akzeptabel und auch für die Vereine nicht hinnehmbar“, erklärte Roman Krautz. Um die beiden Verfahren sei es verdächtig ruhig geworden. „Zu ruhig“, wie man in Boxberg findet. Man habe die Befürchtung, dass von der Landesdirektion Allgemeinverfügungen erlassen werden, wodurch die Gemeinde mit allen Partnern am See kalt erwischt wird. „Wir wollen die Sache noch einmal neu angehen, damit der See attraktiv bleibt und nicht zum Naturschutzgebiet verkommt“, so Roman Krautz.

Die Gemeinde Boxberg hatte sich mit der Bitte um Unterstützung an Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) gewandt. Auf dessen Betreiben soll es am 15. April eine erneute Diskussion in der Landesdirektion geben. Im Vorfeld bekräftigte die Gemeinde Boxberg – untermauert durch einstimmigen Beschluss der Räte am Montag – noch einmal ihre Forderungen aus der Stellungnahme von 2020. Unterstützung kommt von starken Partnern: dem Anglerverband Elbflorenz mit 40.000 Mitgliedern sowie dem Sächsischen Seglerverband mit 4.500 Mitgliedern.

Verbände empört über Behörde

„Das runde Ding inmitten des Sees ist für uns nicht akzeptierbar“, erklärte Manfred Dahms. Durch das Schutzgebiet in der Mitte des Sees werde dieser zersplittert und sei für den Segelsport nicht mehr nutzbar, so der Obmann Umwelt/Recht im Sächsischen Seglerverband. Als Beispiel benannte er den Segelverein, der für 450.000 Euro am Ufer investiert habe und plötzlich nichts mehr dürfe. „Wir sind absolut empört. Es kann nicht sein, dass die Landesdirektion nach Gutdünken handelt.“ Manfred Dahms verwies auf den Sanierungsrahmenplan von 1998. Darin heißt es: „Der Restsee wird neben seiner Funktion als Wasserspeicher auch für Freizeit- und Erholungsnutzung zur Verfügung stehen.“ Dieser Plan im Range eines Landesgesetzes biete Investoren Sicherheit, betonte er.

Noch drastischere Worte fand Jürgen Steinert, Vizepräsident des Anglerverbands Elbflorenz: „Es kann nicht sein, dass jetzt Fanatiker alles kippen, nur um ihre Lieblingsvögel zu zählen“. Der Verband sieht die fischereilichen Belange in den Plänen der Landesdirektion in keinster Weise berücksichtigt. Angestrebt werde sanfter Angeltourimus für Zeiten, wenn die Strände geschlossen sind. Damit wolle man auch Arbeitsplätze schaffen. Auf der Insel Rügen sei das bereits zu einem kleinen Wirtschaftszweig geworden. Nach Aussage von Steinert habe der Anglerverband auf ein Schreiben an den Ministerpräsidenten die Antwort erhalten, dass „eine bürgerfreundliche Lösung gefunden wird“. Die aber sei ganz und gar nicht erkennbar.

Investoren einbeziehen

Der Anglerverband hat für 300.000 Euro Fischbesatz in den Bärwalder See eingesetzt – ohne einen einzigen Euro Fördermittel, lediglich aus Beiträgen der Mitglieder finanziert. „So schlecht kann unsere Arbeit nicht sein. Denn die Vögel kommen und holen unsere Fische“, sagte er. Alternativ zu der Naturschutzzone im Bärwalder See könnte im Speicherbecken Lohsa II ein Vogelparadies geschaffen werden. Auch dort würde sich der Anglerverband um den Fischbesatz kümmern.

Jürgen Steinert kündigte an, dass der Anglerverband den rechtlichen Weg beschreitet, sollte die Verbotszone nicht wegfallen. „Da sollten sich unsere Anwälte zusammentun“, wandte er sich an Bürgermeister Achim Junker (CDU). Es sei wichtig, jetzt Druck aufzubauen, befand Gunna Sock (WV Boxberg). Er fühle sich von der Behörde „nur noch verscheißert“, begründete er. Und Armin Hofmann (WV Kringelsdorf) ergänzte, dass man die neuen Investoren, etwa für die Fahrgastschifffahrt, ins Boot holen sollte, die sich bei solchen Themen auf anderen Seen auskennen. „Wir kämpfen seit sieben Jahren. Jetzt gibt es nur noch «Entweder-oder»“, bekräftigte er.

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