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Sie brennt für die Feuerwehr

Irene Schreiner war Wehrleiterin im Kraftwerk Boxberg, blickt auf 50 Jahre Feuerwehr-Frau zurück – und macht weiter.

Irene Schreiner ist seit 50 Jahren bei der Freiwilligen Feuerwehr. Stationen waren die Wehren in Krauschwitz-West, das Kraftwerk Boxberg, wo sie einst Wehrleiterin war, und Weißwasser. Hier ist sie heute in der Alters- und Ehrenabteilung und noch immer a
Irene Schreiner ist seit 50 Jahren bei der Freiwilligen Feuerwehr. Stationen waren die Wehren in Krauschwitz-West, das Kraftwerk Boxberg, wo sie einst Wehrleiterin war, und Weißwasser. Hier ist sie heute in der Alters- und Ehrenabteilung und noch immer a © Sabine Larbig

Ab dem Frühjahr bis in den Herbst ist Irene Schreiner tagsüber in ihrem Garten in Weißwasser. Hier, zwischen Obstbäumen, Gemüse- und Blumenbeeten, fühlt sie sich wohl, hat sie ihr Gartenhäuschen mit Terrasse, wo sie sich ausruht, Familie und Freunde trifft und wo sie oft von Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr Weißwasser „einfach mal“ besucht wird.

So, wie von Hans-Dieter Fuchs, der gerade zu Gast im Garten ist, als Irene Schreiner schon samt Fotoalben voller Erinnerungen auf das TAGEBLATT-Gespräch wartet.„Ein Leben ohne Feuerwehr? Das möchte ich mir nicht vorstellen. Ich will in Bewegung sein, helfen und gebraucht werden“, ist das erste, was mir die (Un-)Ruheständlerin erzählt. Deswegen helfe sie ehrenamtlich beim DRK-Blutspendedienst und bei der Freiwilligen Feuerwehr (FFW) Weißwasser. Bei der Wehr ist die 69-Jährige Mitglied der Alters- und Ehrenabteilung und engagiert sich im „rückwärtigen Dienst“, der vom Frühjahrsputz in der Feuerwache bis zur Versorgung der Kameraden bei Lehrgängen oder Einsätzen reicht. „Und Irene stellt regelmäßig frische Blumen oder Pflanzschalen am Gedenkstein auf dem Gelände der Feuerwache hin. Das schätzen wir alle sehr“, erzählt Hans-Dieter Fuchs, während Irene abwinkt und erklärt, sie wolle sich nur „irgendwie“ einbringen.

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Alarm zur Hochzeit

„Ach, wo ist die Zeit hin? Ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, als Truppführerin bei Wettkämpfen mit dem Schlauch herumzulaufen“, meint sie kurz darauf beim Durchblättern alter Fotos. Die Fotografien zeigen sie umringt von jungen Frauen, die klobige Stiefel und eine Art Arbeitsjacken und -hosen tragen. Aber auch als Braut mit Mann und Familie unter einer Girlande. „Unsere Hochzeit 1976. Stellen Sie sich vor: Als wir Polterabend feierten, ging plötzlich Feueralarm los und ganz viele Gäste mussten zum Waldbrandeinsatz bei Rietschen. Erst am nächsten Tagen kamen sie vom Feuer zurück zu uns auf den Hof in Krauschwitz. Da wurde einfach das zweite Mal Polterabend und am Tag darauf Hochzeit gefeiert“, erzählt Irene Schreiner.

In Krauschwitz, ihrem Heimatort, fand sie 1971 zur Freiwilligen Feuerwehr West, weil sie Feuerwehrsport faszinierte. „In einem Dorf kennt man sich. Und als man mich ansprach, ob ich nicht bei der Frauenmannschaft mitmachen wolle, damit sie an Wettkämpfen teilnehmen kann, sagte ich zu.“ Fast zehn Jahre waren die Kameradinnen unterwegs. „Wir Krauschwitzer waren gut. Manchmal auch Sieger“, erzählt die einstige Truppführerin von der Zeit, als die Mädels mit uralten Klamotten ausgerüstet waren, die sie selber waschen mussten, und beim Ausrücken hinten ins Auto zu kriechen hatten. Dafür revanchierten sich die männlichen Kameraden, indem sie so lange an den Spritzdüsen herum feilten, bis der Wasserstrahl kraftvoll und zielgenau in kleine Löcher traf, was den Mädels half, Wettkampfpunkte zu bekommen.

Ein Foto von den Anfängen bei der Feuerwehr von Krauschwitz-West.
Ein Foto von den Anfängen bei der Feuerwehr von Krauschwitz-West. ©  privat

„Zwischen damals und heute liegen Welten“, sagt Irene Schreiner. Sie freut sich, dass heutige Feuerwehrfrauen ganz andere und bessere Voraussetzungen haben. Zumindest, was Kleidung und Technik betrifft. Denn noch heute fällt es den Ehefrauen und Müttern nicht leicht, Familie sowie Ausbildung und Einsätze als Lebensretter zu vereinen.Irene Schreiner kennt den Spagat. Nicht nur, weil ihr Mann Schichtarbeiter und aktiver Feuerwehrmann war. Noch dazu in dem Betrieb, wo sie ebenfalls arbeitete, sich bei der Freiwilligen Wehr engagierte und fünf Jahre nach der Hochzeit sogar Wehrleiterin wurde. Eine ungewöhnliche Konstellation. Bevor es jedoch so weit war, zog die junge Familie von Krauschwitz nach Weißwasser. „Der Weg ins Kraftwerk Boxberg war für uns beide kürzer. Das war gut, da inzwischen unser Sohn geboren war.“ Beruflich war Irene Schreiner im Kraftwerk als Sachbearbeiterin für Feuerlöschgeräte eingesetzt. Ihr Chef war der Wehrleiter der Freiwilligen Betriebsfeuerwehr, in die die junge Mutter aus Zeitgründen ebenfalls übergewechselt war. Und sie absolvierte ein zweijähriges Feuerwehr-Selbststudium, da man sie gefragt hatte, ob sie Wehrleiterin werden wolle. Irene Schreiner sagte zu, nachdem sie schon drei Vorgänger erlebt hatte. „Die Entscheidung war nicht leicht und ohne Unterstützung meines Mannes und der Familie wäre es gar nicht gegangen“, bekennt sie.

Als Frau in einer Männerdomäne

Ihr Mut und ihr Willen überzeugten jedoch. Nicht nur die Kameraden der Freiwilligen Betriebsfeuerwehr vom Kraftwerk Boxberg – auch DDR-Medien. Denn trotz der im Land propagierten Gleichstellung von Mann und Frau war es eine Sensation, dass eine junge Frau und Mutter von 1981 bis 1985 bei einer großen und von Männern dominierten Wehr in einem der größten und wichtigsten Betriebe der Region und Republik das Sagen hatte. Dies ließ aufhorchen, machte Wehrleiterin Irene Schreiner bekannt, weshalb sich sogar die Redaktion der Feuerwehrzeitung „Unser Brandschutz“ um ein Porträt bemühte. Das blieb erfolglos. Zum einen, weil es die Wehrleiterin nicht wollte. Zum anderen, weil sie vom Kraftwerk in die Oberlausitzer Glaswerke (OLG) wechselte, um wieder Vollzeit arbeiten zu können.

Irene Schreiner und ihr Team nach der Frauen-Meisterschaft 1971.
Irene Schreiner und ihr Team nach der Frauen-Meisterschaft 1971. ©  privat

Die Leidenschaft für die Feuerwehr aber blieb, weshalb Irene auch bei der OLG in die Wehr eintrat, wo sie unter anderem für Brandschutzkontrollen in Betriebswohnungen und Kinderferienlagern zuständig war – bis zur Wende. Dann war Schluss mit Freiwilligen Betriebsfeuerwehren. Irene wechselte wieder. Diesmal zur Freiwilligen Feuerwehr in Weißwasser, wo sie blieb.Große Katastrophen, wie Hochwasser, Waldbrände oder Naturereignisse erlebte Wehrleiterin Irene Schreiner nach eigener Aussage „glücklicherweise nicht“. Auch später musste sie bei derartigen Einsätzen nicht an vorderster Front sein. Die Faszination für Feuerwehrarbeit, durch die sie einst auch ihren Mann kennenlernte, aber blieb. So brennt Irene Schreiner seit nunmehr 50 Jahren für die Feuerwehr.

Am 1. Januar 2021 war das besondere Jubiläum. Wegen Corona gab es bislang aber keine offizielle Ehrung und Feierstunde durch den Landkreis Görlitz. Doch das wird nachgeholt, weiß die langjährige Feuerwehrfrau, die sich bereits riesig darauf freut. Nicht nur, weil eine so lange Mitgliedschaft selten ist. Insbesondere bei Frauen. Vor allem, weil Irene Schreiner noch nie eine Ehrung miterlebte, da sie viele Jahre ihren Mann pflegte und nirgendwo hinkonnte. Nun aber wird sie teilnehmen. Selbst ihrem Enkel, mit dem sie manchmal hoch in die Feuerwache von Weißwasser zum „Autos gucken und erklären“ fährt, hat sie davon und von ihren Erlebnissen bei der Feuerwehr erzählt– aus Stolz. Und weil sie es schön findet, Wissen und Begeisterung an die nächste Generation weiterzugeben. „So ist sie eben, unsere Irene“, meint Hans-Dieter Fuchs schmunzelnd, bei der Verabschiedung von den beiden im Garten.

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