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So will Krauschwitz den Strukturwandel schaffen

Der Gemeinderat Krauschwitz hat ein Konzept beschlossen, wie der Ort fit für die Zukunft werden soll. Ein starres Korsett ist es nicht.

Tristan Mühl, Bürgermeister von Krauschwitz, hat sich mit vielen Mitstreitern um ein Strukturwandelkonzept für seinen Ort bemüht.
Tristan Mühl, Bürgermeister von Krauschwitz, hat sich mit vielen Mitstreitern um ein Strukturwandelkonzept für seinen Ort bemüht. © Archivfoto: Sabine Larbig

Krauschwitz. Seit DDR-Zeiten hieß es offiziell, dass die Orte Pechern, Werdeck, Skerbersdorf und Sagar-Süd bis 2048 der Kohle weichen müssen. Für die Dörfer bedeutete dies Stillstand und Investitionsstau in allen Bereichen. Nun ist der Kohleausstieg da, die Abbaggerung vom Tisch, gibt es Geld von Bund, EU und Ländern für den Strukturwandel. Eine Chance und Herausforderung, die Krauschwitz meistern will.

Mit vielen Akteuren wurde ein Konzept entwickelt, mit dem alle sieben Ortsteile fit für die Zukunft gemacht und attraktiver werden sollen. „Das Konzept ist nicht das Ende der Fahnenstange. Es ist ein roter Faden, der zeigt, wo wir hinwollen“, erklärte Bürgermeister Tristan Mühl vor der einstimmigen Beschlussfassung am Dienstag im Rat. „Wir wissen, dass es Bürgerbeteiligung geben muss, was durch Corona unmöglich war. Aber alles ist kein Sprint, sondern Marathon, so haben wir noch Zeit.“

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Neun Einzelprojekte will Krauschwitz mit Geld aus dem Strukturwandel-Fonds umsetzen. Vier davon sind eingereicht. Insgesamt visiert die Gemeinde mit rund 3.500 Einwohnern 44,5 Millionen Euro an.

Das sind die neun Krauschwitzer Projekte:

Ausbau Oberschule und Jugendtreff: Unter dem Motto „Kinder und Jugendliche von heute, sind Zukunft und Fachkräfte von morgen“ soll die Schule erhalten und endlich fertig saniert werden. Und sie soll durch neue pädagogische Konzeptionen, Spezialisierung des Ganztagsangebotes auf Informationstechnik, spezielle Kooperationen mit regionaler Wirtschaft zur modellhaften Bildungseinrichtung werden.

Da die Schülerzahlen weiter steigen, es bislang aber keinen Treffpunkt für die Altersgruppen gibt, soll das Vereinsheim von Stahl Krauschwitz zum Jugendtreff ausgebaut werden.

Geschätzte Kosten: 10,4 Millionen Euro.

Neubau eines Multifunktionsgebäudes: Um das Verwaltungsgebäude in der Geschwister-Scholl-Straße weiter nutzen zu können, wären räumliche und technische Sanierungen nötig, deren Umfang und Kosten die eines Neubaus übersteigen. Hinzu kommt die dezentrale Lage. Krauschwitz plant daher den Verkauf der Immobilie und die Errichtung des Verwaltungssitzes in einem neuen, klimaneutralen Niedrigenergie-Multifunktionsgebäude im Zentrum. Dort sollen ebenfalls die örtlichen Arztpraxen einziehen, die noch in einem nicht barrierefreien, historischen, sanierungsbedürftigen Gebäudekomplex sind.

Im Neubau Praxisräume vorhalten ist zudem nötig, um bei Übergaben der bisherigen Praxen an Nachfolger den Anforderungen der Genehmigungsverfahren standhalten, gleichzeitig Platz für Tele-Medizin bieten und so die medizinische Versorgung im Ort langfristig sichern zu können.Weitere Räume sind für Jungunternehmen, die keine eigenen Büros finanzieren können und auf Anmietung moderner, bezahlbarer Büroflächen angewiesen sind. Solche Möglichkeiten hat Krauschwitz, trotz steigender Nachfrage noch nicht.

Geschätzte Kosten: 3 Millionen Euro (Grundstückserwerb und Umbau).

Umstellung der Straßenlampen: Weil die Gasentladungslampen veraltet sind und zu hohe Energiekosten verursachen, brennen sie nur stundenweise. Künftig sollen LED-Lampen leuchten. Das ist ökologischer, billiger – selbst wenn sie, wie geplant, die ganze Nacht brennen – und bringt mehr Sicherheit für Bürger. Aufgestellt werden sollen auch Solarbäume/Solarblumen, die Sonnenenergie in Strom umwandeln, wodurch beispielsweise Ladestationen für E-Bikes an öffentlichen Radwegen, Gebäuden, touristischen Einrichtungen, gespeist werden können.

Geschätzte Kosten: rund 500.000 Euro.

Erschließung eines Mischgebietes: Krauschwitz ist als Wohn-, Gewerbe- und Arbeitsort gefragt. Geplant ist daher die Erweiterung des bestehenden Mischgebietes sowie die Erschließung eines neuen Standortes, der die Ansiedlung emissionsneutraler Firmen und Wohnbebauung zulässt. Die Nutzung der Infrastruktur für Teilaufgaben der Bundeswehr ist denkbar. Gebaut beziehungsweise saniert werden müssen dafür auch Zuwegungen und Straßennetz, eine Ortsumfahrung soll kommen.

Geschätzte Kosten (ohne Ortsumfahrung): 5 Millionen Euro.

Zwei Forschungseinrichtungen: Ob Eisenguss oder Metallverarbeitung; Forschung und Wissenschaft; Klima- und Umweltschutz. Die Möglichkeiten für Kooperationen, neue Produkte und Materialien sind in allen Bereichen gegeben. Da in Krauschwitz bereits zwei entsprechende Traditionsfirmen ansässig sind, könnten diesbezügliche Innovationszentren für die Erprobung neuer Technologien und digitaler Strukturen gebaut werden, wodurch gleichzeitig Arbeits-, Ausbildungs- und Studienplätze erhalten werden.

Geschätzte Kosten: 4 Millionen Euro.

Das Rechenzentrum Krauschwitz: Intelligente Produkte für öffentliche Einrichtungen, Kommunen, Gewerbe und Industrie anbieten, ist ein Ziel im Rahmen der Digitalisierung. In Krauschwitz könnte man sich eine von Kommunen, privaten Investoren sowie Kreis und Freistaat gegründete Gesellschaft vorstellen, die das bietet. Denn bisher, sagt Tristan Mühl, erfüllen Massensystemlösungen nicht die Anforderungen an moderne und schlanke Prozessabläufe in der Verwaltung, da klaffen wirklicher Bedarf und Angebote auseinander.

Ein entsprechendes Rechenzentrum als zentralen Dienstleistungsbetrieb in Krauschwitz zu realisieren und es nutzbringend mit Oberschule, Kommunen, Industrie und Gewerbetreiben zu vernetzen, ist in Krauschwitz daher ein großes Ziel. Zudem soll das Rechenzentrum das Herzstück der Gewerbeansiedlung im neuen Mischgebiet werden und ebenfalls einen Technologietransfer in Verbindung mit betrieblicher Aus- und Weiterbildung ermöglichen. Das es funktioniere könne, so Tristan Mühl weiter, zeige die Region Magdeburg bereits.

Geschätzte Kosten: 13 Millionen Euro.

Sanierung Mehrzweckhalle Sagar: Nachdem in den letzten drei Jahren die Grundschule saniert wurde, fehlt nur noch die energetische Sanierung der Mehrzweckhalle, welche Schule, Kita, Hort und örtliche Vereine nutzen, sowie der Versorgungstrakt im Nebengebäude der Schule, der auch für Ganztagsangebote und als Seniorentreff offen ist. Für die Verbesserung des baulichen und energetischen Zustandes beider Gebäude müssen jeweils Dach, Fassadendämmung und die Fenster erneuert werden.

Geschätzte Kosten: 600.000 Euro.

Erneuerung Rad- und Gehwege: Sowohl Einwohner als auch Touristen brauchen eine intakte Infrastruktur. Dazu gehören auch örtliche Zubringer- und Verbindungsstraßen, Radwander- und Gehwege, deren Ausbau geplant ist.

Geschätzte Kosten: 5,3 Millionen Euro.

Bergbaudorf Pechern: Im Zuge der Dorfentwicklung und des Kohleausstieges sollen im Ort Tradition und Moderne, Vergangenheit und Zukunft in Form eines kleinen Museums in einem Dorfgemeinschaftshaus am Dorfplatz errichtet werden.

Geschätzte Kosten: 2,7 Millionen Euro.

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Welche Vorhaben letztlich wahr werden, in welcher Reihenfolge und ob sie von Bürgern gewollt sind oder ob es bessere Vorschläge gibt, bleibt abzuwarten. Tatsache ist aber, dass Krauschwitz erstmals ein Konzept hat. „Unabhängig von der gigantischen Summe ist es positiv, dass wir nun eine Strategie und einen Leitfaden für die Ortsentwicklung haben“, lobte Gemeinderat Mario Mackowiak (CDU). „Wenn es jetzt noch gelingt, die Umgehungsstraße zu bekommen, ist das ein Riesenfortschritt.“ Auch Heike Krahl (Linke) lobte das Konzept. „Am besten gefällt mir, dass es was für die Jugend geben soll.“ Dan Striese (AfD) fragte nach, wann das Konzept den Bürgern bekannt gemacht wird. Das soll, laut Bürgermeister, über die Gemeinde-Homepage und im Gemeindeboten erfolgen.

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