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Sprachführer setzt Jubiläumsjahr die Krone auf

Zum Schleifer Sorbisch gibt es jetzt ein dickes Buch – ein Kompendium aus Grammatik, Wortschatz, Liedern, Rezepten.

Von Constanze Knappe
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Die Sprachwissenschaftler Simon Blum (li.) und Juliana Kaulfürst sind die Autoren des jetzt herausgegebenen Schleifer Sprachführers. Unterstützt wurden sie vom 89-jährigen Trebendorfer Hanzo Mrosk. Der Großvater von Simon Blum kennt den Schleifer Dialekt
Die Sprachwissenschaftler Simon Blum (li.) und Juliana Kaulfürst sind die Autoren des jetzt herausgegebenen Schleifer Sprachführers. Unterstützt wurden sie vom 89-jährigen Trebendorfer Hanzo Mrosk. Der Großvater von Simon Blum kennt den Schleifer Dialekt © Constanze Knappe

Kurz vor Ende des Jubiläums „750 Jahre Schleife“ wurde den Einwohnern des Ortes und ebenso des ganzen Kirchspiels noch „ein wahres Schatzkästchen“ zuteil: ein eigener Sprachführer, der „Slepjanski rozprajak“. Auf 343 Seiten beinhaltet das Buch in 14 Kapiteln einen Informationsteil zur Schleifer Sprachlandschaft, Schleifer Grammatik, ein Wörterbuch mit fast 3.700 Eintragungen sowie ein Kapitel mit Dialogen im Schleifer Sorbisch, wie sie für die Unterhaltung im Alltag typisch sind. Ergänzt wird dies durch Kochrezepte, Spiele, Reime, Lieder und eine Übersicht zu weiterführender Literatur. Das ein Kilogramm schwere Buch ist als „geballtes Wissen zum Schleifer Sorbisch“ auch inhaltlich ein echtes Schwergewicht. Herausgegeben wurde es vom Verein Kólesko in Zusammenarbeit mit dem Sorbischen Institut in Bautzen.

Das an sich ist durchaus bemerkenswert. Denn welcher Ort kann sonst schon von sich behaupten, einen eigenen Sprachführer zu haben? Bedeutsam ist das Vorhaben aber aus verschiedener Sicht. „Regionale Sprachvarianten fördern mehr als die großen Schriftsprachen das Zusammengehörigkeitsgefühl“, betonte Laudator Dr. Fabian Kaulfürst. Miteinander reden und singen, das gehörte in den Dörfern des Schleifer Kirchspiels schon immer zusammen. Doch inzwischen gebe es immer weniger Menschen, die der Sprache im aktiven Gebrauch tatsächlich noch mächtig sind. Der Sprachforscher Dr. Hync Rychtar schätzt deren Zahl auf gerade noch 100. Diese werden früher oder später ausgestorben sein. Umso wichtiger sei es, deren Wissen zu bewahren. Rychtar ist einer der Paten des Buches, von denen es eine ganze Reihe gibt.

Die Idee zu einem Sprachführer hatte der Schleifer Hartmut Hantscho. Er besorgte über den Sächsischen Mitmachfonds auch finanzielle Mittel für Druck und Herstellung. „Er hat wie ein Kutscher die Zügel fest in den Händen gehalten und die Pferde angetrieben“, hieß es in der Laudatio. Beim Verein Kólesko und beim Sorbischen Institut habe man die Chance erkannt, sodass aus der beabsichtigten kleinen Broschüre ein richtig dickes Buch werden konnte.

Offiziell gilt der Schleifer Sprachführer als Paket Nr. 9 von zehn mehrjährigen Arbeitsprojekten des Sorbischen Instituts zur Schleifer Sprachlandschaft. Ermöglicht wird dies durch eine Zuwendung von 260.000 Euro aus der Sächsischen Wissenschaftsförderung. „Das ist nicht wenig, deshalb können wir aus Schleifer und aus sorbischer Sicht nur dankbar sein“, stellte Laudator Dr. Kaulfürst fest. Autoren des Buches sind seine Schwester Juliana Kaulfürst und Simon Blum, die beide als Projektmitarbeiter beim Sorbischen Institut beschäftigt sind. Sie konnten auf umfangreiche Vorarbeiten, etwa von Hync Rychtar, zurückgreifen. Die studierte Kunstgeschichtlerin war einst von Manfred Herrmasch „zur Förderung des Sorbischen“ nach Schleife geholt worden. Dort war sie vom Dudelsackfestival fasziniert – und ebenso von Hantschos Idee einer kleinen Sprachbroschüre. Fortan habe sie sich „regelrecht reingekniet“.

Der gebürtige Potsdamer Simon Blum hatte enge familiäre Bindungen in die Schleifer Region. Wissenschaftlich in die Tiefen der Sprache einzutauchen, dafür gab 2014 ein Sommerkurs der Sorabistik in Bautzen den Anstoß. Ihm oblag der grammatische Teil des Sprachführers. „Viele Leute denken, dass Grammatik eine langweilige Angelegenheit und die Schleifer Grammatik besonders komplex ist“, erklärte er jetzt.

Als Beispiel benannte er das Wort Dorf (sorbisch: wjes), wofür es im Deutschen vier Formen, im Schleifer Sorbisch sogar 17 gäbe. Das sei „zugegeben manchmal echt knifflig, aber alles andere als langweilig“. Es mache den Charakter einer Sprache aus, wenn sie auch Ecken, Kanten und Schnörkel hat, sagte Simon Blum.

Es klang wie eine Anekdote, als davon die Rede war, dass Simon Blum „einen Freifahrtschein hatte, seinen Opa Hanzo Mrosk Tag und Nacht anzurufen“. Der 89-jährige Trebendorfer kennt den Schleifer Dialekt wie kaum ein Anderer – und steckte seinen Enkel mit der Begeisterung dafür an. So dürfte es Hanzo Mrosk zu Herzen gehen, dass Simon Blum mittlerweile perfekt Sorbisch spricht und obendrein Anderen Mut machen möchte, sich mit dem Sorbischen zu befassen. Der Schleifer Dialekt sei dabei eine Brücke zwischen dem Nieder- und dem Obersorbischen. Das Buch sei keine abstrakte wissenschaftliche Abhandlung, sondern modern aufbereitet und somit eine alltagstaugliche Hilfe, hieß es.

Schleifer Sprachführer „Ho zachopjonku jo bylo to slowo – Im Anfang war das Wort“. ISBN 978-3-9819636-4-9. Preis: 20 Euro. Erhältlich im Sorbischen Kulturzentrum Schleife, in den Kulturinformationen in Cottbus und Bautzen sowie beim Verein Kólesko e.V.