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Verfolgungsjagd noch immer ein Fall fürs Gericht

Ein Gablenzer soll sich wegen seines besonders rücksichtslosen Verhaltens vor dem Amtsgericht verantworten. Jetzt gab es eine Strafe – für zwei Zeugen.

© dpa/David-Wolfgang Ebener

Weißwasser. Dass in Verkehrsstrafsachen Prozessbeteiligte nicht vor Gericht auftauchen, ist so selten nicht. Im Amtsgericht Weißwasser scheint es „gefühlt“ aber besonders ausgeprägt zu sein, wie der Fall eines Gablenzers belegt. Der Beschuldigte soll sich am 29. Mai 2019 eine wilde Verfolgungsjagd mit der Polizei geliefert haben. Bei schätzungsweise 90 bis 100 km/h soll er als Fahrer eines Audi A6 gegen 19.32 Uhr an der Kreuzung Kromlauer Weg/Ecke Feldweg in Gablenz mit seinem Verhalten ein kleines Kind in üble Gefahr gebracht haben. Das konnte nicht ohne Konsequenzen bleiben.

Wegen grob fahrlässigem und rücksichtslosem Verhalten bei einem verbotenen Kraftfahrzeugrennen hatte sich der nicht vorbestrafte Beschuldigte am 16. November 2020 vor dem Amtsgericht Weißwasser zu verantworten. Richter, Staatsanwalt und Verteidiger waren an jenem Tag anwesend wie auch die Mutter des Kindes als Zeugin und zwei Polizeibeamte, die gleichfalls als Zeugen gehört werden sollten. Wer nicht kam, war der Angeklagte.

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Wie es hieß, hatte dieser wohl seit einem halben Jahr keinen Kontakt mehr zu seinem Verteidiger. Dem Anwalt war das Fernbleiben seines Mandanten aufgrund einer kurzfristig von einer Hausärztin bescheinigten Reise- und Verhandlungsunfähigkeit „völlig unverständlich“. Noch „mysteriöser“ gestaltete sich die Sache, da sich auch ein Entlastungszeuge mit einer Krankschreibung kurzfristig abgemeldet hatte. Für Richter Christoph Pietryka, Direktor des Amtsgerichts Weißwasser, ließ das seinerzeit nur einen Schluss zu, dass der Angeklagte simuliere. Aus Sicht des Gerichts galt sein Nichterscheinen als nicht entschuldigt. Der Richter hielt die Verhandlungsunfähigkeit für vorgetäuscht und ordnete seine Vorführung durch Beamte des Polizeireviers Weißwasser an, da er ja „nur um die Ecke“ wohne.

Die Polizeibeamten trafen ihn nicht an. Wie für den Richter hatten auch für den Staatsanwalt die Krankenbescheinigungen für den Angeklagten und seinen Entlastungszeugen ein gewisses „Geschmäckle“. Er sah aber auch ohne die Anwesenheit des Beschuldigten den „Tatbestand nach Aktenlage erfüllt“. Er beantragte den Erlass eines Strafbefehls: 60 Tagessätze à 30 Euro, also 1.800 Euro Geldstrafe, sowie das für drei Monate geltende Verbot, im Straßenverkehr Kraftfahrzeuge aller Art zu führen.

Der Angeklagte hatte 14 Tage Zeit, dagegen Einspruch zu erheben. Von diesem Recht machte er Gebrauch, weshalb eine neue Verhandlung für den 18. Januar 2021 angesetzt wurde. Bei diesem Termin wurden nun die beiden Polizeibeamten als Zeugen vernommen, die schon im November geladen waren. Gleichfalls aussagen sollte jener Entlastungszeuge. Doch von ihm war weit und breit nichts zu sehen.

So beraumte Richter Christoph Pietryka einen Fortsetzungstermin für den 26. Januar an. Zu einem Ergebnis führte auch das nicht. Diesmal hatte sich der neue Verteidiger, Andreas M. Kohn aus Chemnitz, krankheitsbedingt entschuldigt, als Grund eine starke Erkältung mit vielen unangenehmen Symptomen geltend gemacht und um Terminverlegung gebeten.

Gleichfalls – und damit zum wiederholten Mal – nicht erschienen war der Entlastungszeuge. Er hatte eine Krankschreibung geschickt, die vom Vortag bis zum Tag nach der Verhandlung reichte. Seine Freundin als weitere Zeugin sandte ebenfalls eine Krankschreibung. Reichlich merkwürdig kam Staatsanwalt und Richter die Tatsache vor, dass die Krankenscheine von einem Berliner Arzt ausgestellt waren, wo doch beide Zeugen in Bad Muskau wohnen. Zudem war daraus nicht ersichtlich, aus welchen gesundheitlichen Gründen das Fernbleiben entschuldigt wurde. Um der Sache Nachdruck zu verleihen, beantragte der Staatsanwalt für diese zwei Zeugen ein (durchaus heftiges) Ordnungsgeld von jeweils 100 Euro oder ersatzweise je zwei Tage Haft. Darüber wird noch entschieden.

Der Angeklagte konnte sich keinen Reim drauf machen, wo die Zeugen abgeblieben waren. Er selber möchte die Sache endlich hinter sich lassen. In der nächsten Woche soll weiter verhandelt werden, sofern sein Anwalt dann wieder gesund ist.

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