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Viel Bewegung bei der Lebenshilfe

Im 30. Jahr ihres Bestehens haben die Werkstätten für Behinderte in Weißwasser große Pläne. Trotz Corona.

Auch im Speiseraum der Werkstätten der Lebenshilfe ist Abstand geboten. Dass wegen Corona aktuell nur wenige Beschäftigte arbeiten dürfen, erleichtert das Ganze. Absperrbänder helfen bei der Orientierung.
Auch im Speiseraum der Werkstätten der Lebenshilfe ist Abstand geboten. Dass wegen Corona aktuell nur wenige Beschäftigte arbeiten dürfen, erleichtert das Ganze. Absperrbänder helfen bei der Orientierung. © Joachim Rehle

Weißwasser. Der Ordner mit den Corona-Verfügungen ist mittlerweile ein echtes Schwergewicht. Mehrmals täglich nimmt ihn Sascha Melcher, der Geschäftsführer der Werkstätten der Lebenshilfe Weißwasser gGmbH, als eine seiner wichtigsten Arbeitsgrundlagen zur Hand. Für die Einrichtung gilt noch bis 7. März ein Betretungsverbot, da die in den Werkstätten arbeitenden Menschen mit Handicap zu den Risikogruppen gehören. Der Lebenshilfe-Chef geht aber davon aus, dass es wohl noch länger dauern wird. Wegen Corona dürfen die behinderten Beschäftigten nur dann einer Arbeit in den Werkstätten nachgehen, wenn dies aus wirtschaftlichen Gründen unbedingt vonnöten ist.

In dieser Woche betrifft das einige im Bereich Landschaftspflege. Sie wurden eher zurückbeordert, um das seit 2009 im Besitz der Lebenshilfe befindliche Betriebsgelände an der Industriestraße West für eine weitere Bebauung vorzubereiten. Dafür mussten Kiefern gefällt werden, was allerdings nur bis 28. Februar erlaubt ist.

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Im 30. Jahr ihres Bestehens planen die 1991 gegründeten gemeinnützigen Lebenshilfe-Werkstätten den Neubau eines Sozialtrakts und eines Lagers. Beide Gebäude sollen über Verbindungsgänge mit der bestehenden Werkhalle verbunden werden. Ursprünglich waren Sozialtrakt und Lager unter einem Dach vorgesehen. Die Trennung beider Bereiche in separate Bauten erleichtert die Ausweisung der Fluchtwege. Ohnehin sei beim Bauen für Menschen mit Handicap viel zu beachten. So habe man sich von vornherein auf einstöckige Bauweise geeinigt, um auf einen Fahrstuhl verzichten zu können. Nicht nur hinsichtlich der Baukosten eine wichtige Entscheidung, wie Sascha Melcher betont.

Der Ordner mit den Bauunterlagen ist inzwischen fast noch dicker als der mit den Corona-Anweisungen. In dieser Woche sitze man mit den regionalen Fachplanern für die Bereiche Elektrik sowie Heizung/Lüftung und Sanitär zusammen. Dann müsse noch der Werkstattrat, also die Interessenvertretung der Behinderten, gehört werden, der bei Erweiterungen dieser Größenordnung das Recht auf Mitwirkung hat, ebenso der Betriebsrat. Mitte März sind die Pläne bei der Sächsischen Aufbaubank einzureichen. Finanziert wird der Neubau zu einem großen Teil vom Kommunalverband Sachsen (KVS). Mit einem Eigenanteil von zehn Prozent sind die Werkstätten der Lebenshilfe Weißwasser gGmbH beteiligt.

Dritter Standort wird aufgelöst

Gebaut werden soll parallel zur Fertigung in den Werkstätten. Womöglich finden die ersten Gründungsarbeiten noch in diesem Herbst statt. Auf einen Zeitplan will sich Sascha Melcher aber noch nicht festlegen. Die bestehende Werkhalle wird normalerweise von 14 Beschäftigten und ihren Gruppenleitern für Aufgaben der Landschaftspflege und Holzbearbeitung genutzt. Im vorderen Bereich sind Umkleide- und Sanitärräume untergebracht. Nach deren Verlegung in den Neubau wird der vordere Teil der Halle entkernt und ebenfalls zur Werkstatt umgebaut. Weitere 24 Beschäftigte und zwei Gruppenleiter sollen dort ein neues Betätigungsfeld erhalten. Man sei mit einem Hersteller von Badmöbeln in Verbindung, so Sascha Melcher.

Mit der Fertigstellung Ende 2023 werden 48 Leute aus Bad Muskau in die Betriebsstätte West nach Weißwasser verlegt. Damit wird der seit 2003 in einem Mietobjekt in Bad Muskau betriebene Standort aufgelöst. Auf längere Sicht verspreche man sich davon eine Kostenentlastung. „Zwei Betriebsstätten nebeneinander lassen sich besser führen, beispielsweise wenn es um Urlaub, Krankheitsvertretung oder Wartungsarbeiten geht“, begründet der Lebenshilfe-Chef. Sascha Melcher verweist auf die demografische Entwicklung. Zwar wird es das gesetzlich verankerte Angebot der Werkstätten für Behinderte auch künftig geben, aber der Bedarf an Plätzen werde langfristig sinken, weil die Bevölkerung auch insgesamt schrumpft. Deshalb brauche man dann auch keine drei Betriebsstätten mehr, sagt er.

Einige der jungen Grünanlagenbauer aus den Werkstätten der Lebenshilfe in Weißwasser haben in den Wintermonaten Nistkästen gebaut. Und sie haben sich qualifiziert, um vielseitiger einsetzbar zu sein. So ist eine besondere Ausbildung notwendig, um selber B
Einige der jungen Grünanlagenbauer aus den Werkstätten der Lebenshilfe in Weißwasser haben in den Wintermonaten Nistkästen gebaut. Und sie haben sich qualifiziert, um vielseitiger einsetzbar zu sein. So ist eine besondere Ausbildung notwendig, um selber B © Joachim Rehle

Neuer Auftrag füllt Lücke

Am Hauptsitz der Lebenshilfe-Werkstätten auf der Industriestraße Ost in Weißwasser geht es ziemlich ruhig zu. Was nicht nur daran liegt, dass wegen der Corona-Vorgaben momentan nur 25 der 175 Beschäftigten mit Handicap arbeiten dürfen. Es gibt nur wenig Arbeitsangebote von Firmen. Das sei zwar im Januar und Februar generell so, sagt Sascha Melcher, aber man spüre schon, „dass die Wirtschaft wegen Corona mit angezogener Handbremse läuft“. Da wirkt es sich umso mehr aus, dass ein großer Auftraggeber weggefallen ist.

In anderen Werkstätten sieht es offenbar weit besser aus, wie sich bei einem (virtuellen) Treffen der Regionalgruppe Ost der Landesarbeitsgemeinschaft der Behindertenwerkstätten (LAG) vor zwei Wochen zeigte. Die meisten hätten so viel zu tun, dass sie es gar nicht schaffen, alle Aufträge abzuarbeiten. Durch Vermittlung der LAG landete einer davon nun in Weißwasser. 120.000 Einzelteile müssen für Süßwarenverpackungen zusammengesteckt werden. Sascha Melcher ist froh darüber. „Es ist eine schöne Arbeit für die Schwächeren, weil die Anforderungen nicht so komplex sind“, begründet er. Aktuell sind sechs Beschäftigte damit befasst, 24 sollen es einmal sein.

Für den Neustart gerüstet

Gemäß der aktuellen Corona-Verfügungen könnte jeder Beschäftigte in der Einrichtung zweimal die Woche einen Schnelltest machen. „Anfangs haben das auch einige genutzt. Aber die Nachfrage ist überschaubar“, so der Lebenshilfe-Chef. Wohl auch, weil die Tests freiwillig sind und keine Verpflichtung dazu besteht. Beim Regionaltreffen der LAG bekam Sascha Melcher einen Tipp, wie man zu einem sehr guten Einkaufspreis an die FFP2-Masken kommt. Daraufhin habe er in Rheinland-Pfalz ein großes Kontingent abgefasst. „So können wir sicherstellen, dass jeder Beschäftigte Masken kriegt und auch mit nach Hause nehmen kann“, erklärt er.

Außerdem wurden mittlerweile die anfänglichen provisorischen Absperrwände durch professionelle Wände ersetzt, wie es sie zuvor nur in der Wäscherei gab. Um solche Corona-Schutzwände auch in der Betriebsstätte in Bad Muskau aufzustellen, werde noch einmal Geld in die Hand genommen. Danach sei man vorbereitet, dass es „in großem Stil wieder losgehen kann“. Nach und nach wolle man mehr Beschäftigte zurückholen, die ohne regelmäßige Aufgabe zu Hause in ein tiefes Loch fallen.

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