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Warum Boxberger Gurken so besonders sind

Der Gartenbaubetrieb kann nicht auf seine polnischen Mitarbeiter verzichten. Daran ändert auch die Testpflicht nichts.

In der Gärtnerei in Boxberg bereitet Dorotha Paprika zur Auspflanzung in den Gewächshäusern vor.
In der Gärtnerei in Boxberg bereitet Dorotha Paprika zur Auspflanzung in den Gewächshäusern vor. © Joachim Rehle

Dem für Grenzpendler vorgeschriebenen wöchentlichen Corona-Test unterzogen sich gestern in Weißwasser die Mitarbeiterinnen der Boxberger Gartenbau- und Beteiligungsgesellschaft mbH (GBT). Schon zum zweiten Mal. Geschäftsführer Frederik Rink beschleicht dabei jedes Mal „ein mulmiges Gefühl“. Denn das Ergebnis könnte den ganzen Betrieb lahmlegen. Weil die Gärtnerei nicht auf ihr polnisches Personal verzichten kann, bezahlt sie diese Tests. Dafür könnte sie sich 10 Euro pro Person vom Freistaat zurückholen. Kurze Zeit später dann die Entwarnung: „Alle negativ und damit alles gut“, freut sich der GBT-Chef.

Zwar war die Gärtnerei in Boxberg 2020 von Corona nicht direkt betroffen, weil keiner der Mitarbeiter erkrankt war oder in Quarantäne musste, aber die Auswirkungen der Pandemie bekam der Betrieb sehr wohl zu spüren. Beim Absatz der Minigurken zum Beispiel. Wegen der Schulschließungen wurden diese für die Brotbüchsen der Schüler nicht mehr gebraucht.

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Anne-Marlen Koschkar, Inhaberin der Flamingo-Apotheke in Weißwasser, bittet die polnischen Mitarbeiterinnen der Boxberger Gartenbaufirma zum Corona-Test. Negativ hieß es kurz darauf – sehr zur Erleichterung der Frauen wie auch ihres Chefs.
Anne-Marlen Koschkar, Inhaberin der Flamingo-Apotheke in Weißwasser, bittet die polnischen Mitarbeiterinnen der Boxberger Gartenbaufirma zum Corona-Test. Negativ hieß es kurz darauf – sehr zur Erleichterung der Frauen wie auch ihres Chefs. © Joachim Rehle

Angst vor neuer Grenzschließung

Große Probleme bekam Frederik Rink, als im ersten Lockdown für sechs Wochen die Grenzen dicht waren und seine polnischen Mitarbeiter nicht mehr kommen konnten. Mit gutem Stammpersonal aus dem Hauptsitz in Thüringen habe er das ausgleichen können. 2021 geht das nicht. „Dafür müssen die Mitarbeiter aus Polen jetzt wöchentlich zum Corona-Test. Und wer weiß, was dann noch kommt“, sagt er. Die Unsicherheit ist groß. Nicht nur bei ihm.

Die Gärtnerei musste ein Hygienekonzept vorlegen. Mindestabstände sind beim Arbeiten in den großflächigen Gewächshäusern automatisch gegeben. Am Stammsitz in Thüringen hatten sie einen positiven Fall im Verkauf, in der Gärtnerei in Boxberg noch keinen einzigen. Sollte ein solcher jetzt eintreten, wäre es „noch nicht so dramatisch“. Dann würden andere Saisonarbeiter halt eher kommen. Schwierig würde es, wenn die Grenzen zu Polen womöglich wieder ganz geschlossen werden.

Aktuell beschäftigt die Gärtnerei fünf polnische Frauen, die seit vier Jahren dabei sind. Danach wechselt die Truppe. Alle Grenzpendler bei GBT kriegen Drei-Monats-Verträge – für zweieinhalb Monate Arbeit, der Rest ist bezahlter Urlaub. Verstärkung kommt, wenn ab Mitte Februar auch die kleinen Gewächshäuser bepflanzt und die ersten Gurken geerntet werden.

Gosia und Angelika bringen Rankhilfen für die Pflanzen an.
Gosia und Angelika bringen Rankhilfen für die Pflanzen an. © Joachim Rehle

Gärtnerberuf zu wenig geschätzt

Mittlerweile sind 8.000 Töpfe mit je zwei Trieben Schlangengurken gesetzt und fast genauso viele Minigurken. Tomaten- und Paprikapflanzen stehen bereit, die sollen nächste Woche in die Erde. Gezogen werden kleine Snacktomaten und etwas größere Früchte für Salat, dazu große rote Paprika. Bekommen wird man das Gemüse dann im Hofladen der Gärtnerei, doch sei der Abverkauf schwer zu steuern.Der Gemüseanbau in Boxberg ist reine Handarbeit. Jede Gurkenpflanze wird angebunden, um einen Draht gewickelt, bis sie in zwei Meter Höhe gewachsen ist, dann geköpft und die Seitentriebe ausgebrochen. Von unten werden einige Blüten entfernt, damit die Pflanzen kräftiger werden. Dafür braucht man Routine, muss man zupacken können.

Frederik Rink weiß, dass selbst immer weniger Polen diese Arbeit in der Gärtnerei machen wollen. Das mag auch daran liegen, dass die meisten Betriebe nicht mehr als den seit 2020 im Gartenbau geltenden Mindestlohn von 9,35 Euro zahlen können. Anderswo beschäftigt man deswegen schon Rumänen. Im Grenzgebiet gehe es noch, weil die polnischen Mitarbeiter jeden Tag nach Hause fahren können. Deshalb kommen nach Boxberg auch polnische Schüler und andere junge Leute, die körperlich fit sind. Deutsche würden sich hingegen kaum für diese Arbeit interessieren. „Weil der Beruf des Gärtners kaum noch geschätzt wird“, vermutet Frederik Rink. Dabei müsse man Ahnung von Pflanzen und Technik haben. Er selber ist seit 15 Jahren Gärtner, hatte in der Zeit „noch nie einen deutschen Mitarbeiter, der von Anfang bis Ende durchgehalten hat“.

Energieschirm soll sparen helfen

In den beiden Vorjahren war kein richtiger Winter, unter Null fielen die Temperaturen kaum. Deshalb entschloss sich Frederik Rink, 2021 zeitig zu pflanzen. Die ersten Gurken wurden am 4. Januar gesetzt. Jetzt ärgert er sich. Wegen des doch eingetretenen Winters musste er mehr heizen und brauchte, da die Tage gar nicht richtig hell wurden, auch mehr Licht. Im vorigen Jahr ließ er Anfang Februar pflanzen und Ende des Monats ernten. „Diesmal haben wir Anfang Januar gepflanzt, aber man sieht noch nicht eine einzige Gurke. Es ist wie ein Glücksspiel – und am Ende des Jahres wird abgerechnet“, erklärt er.

Investiert hat die GBT 60.000 Euro in eine Eisenentzugsanlage, um das eisenhaltige braune Tagebauwasser aus dem Brunnen in gutes Wasser für die Pflanzen umzuwandeln. Die Gurken brauchen viel davon. Ende 2021 will Rink den Energieschirm über dem großen Gewächshaus erneuern. Dieser fährt dann automatisch auf und zu und hilft so, Energie und Wärme zu sparen. Bei GBT hofft man auf bis zu 40 Prozent Fördermittel für diese 150.000 Euro teure Umweltinvestition. Nachgedacht hat der Geschäftsführer auch über LED-Licht sowie eine Zusatzbeleuchtung von unten. Damit könnte man dann das ganze Jahr über Gemüse ernten. Das aber sei noch Zukunftsmusik. Die Wärme für die Gewächshäuser kommt aus dem Kraftwerk Boxberg. Noch. Ein eigenes Holzkraftwerk für die Gärtnerei würde 1,7 Millionen Euro kosten. Dann hätte der Gartenbaubetrieb zwar eine neue Heizung, aber noch kein neues Gewächshaus. 15 Jahre schaut Frederik Rink voraus. So viel will er nicht investieren. „Falls es danach nicht weitergeht“, begründet er.

Der schnellste Weg zum Kunden

Um regelmäßig große Ketten zu beliefern, ist die Boxberger Gärtnerei zu klein. Zudem hat sie unter den Preisen der zumeist spanischen Konkurrenz zu leiden. „Man muss zuversichtlich sein“, ist dennoch die Devise von Frederik Rink. Beim Überleben hilft dem Betrieb, „dass die Boxberger Gurke zählt, dass die Leute nach Qualität fragen und die muss man schmecken“. Für die Großmärkte müsse eine Gurke um die 350 Gramm wiegen. Im Hofladen der Gärtnerei hingegen fragt niemand danach, ob es mehr oder weniger ist. Hier zählt nur das Motto: „Heute geerntet, heute verkauft.

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