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Welterbe-Titel für Landschaft nach dem Tagebau?

Ein Plus für den Tourismus, sagen die einen. Womöglich ein Hemmnis für die weitere Entwicklung, befürchten andere.

Der Tagebau Nochten – bis Ende des Jahrhunderts wird sich die Tagebaulandschaft in der Lausitz weiterentwickeln. Und dieser Landschaftswandel soll auch mit einem Welterbe-Titel möglich sein.
Der Tagebau Nochten – bis Ende des Jahrhunderts wird sich die Tagebaulandschaft in der Lausitz weiterentwickeln. Und dieser Landschaftswandel soll auch mit einem Welterbe-Titel möglich sein. © Gernot Menzel

Kaum irgendwo sonst sind die Auswirkungen des Braunkohlentagebaus so direkt zu spüren wie im Kirchspiel Schleife. Da ist einerseits der aktive Tagebau Nochten mit seinen Belastungen durch Staub und Lärm, aber andererseits die rekultivierte Landschaft. Die Einzigartigkeit des Lausitzer Reviers besteht aber nicht nur darin, dass es sich um das weltweit größte zusammenhängende Kohleabbaugebiet handelt. Seit über 120 Jahren machen sich die Menschen hier intensiv Gedanken über die Gestaltung der Landschaft nach der Kohle.

Somit kommt der Tagebaufolgelandschaft in der Lausitz eine Vorbildfunktion zu. Warum nicht auch ein Welterbe-Titel? Das jedenfalls befanden Wissenschaftler und Planer, die gegenwärtig einen Antrag auf die Unesco-Auszeichnung erarbeiten.Beteiligt sind das Institute for Heritage Management GmbH (IHM), der Lehrstuhl für Industriefolgelandschaften der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg (BTU) sowie das Sorbische Institut in Bautzen. Sachsen fördert das Projekt seit 2019. Ende Oktober sind unter Federführung von Brandenburg die Unterlagen bei der Kultusministerkonferenz einzureichen, die sich die Evaluierung der Anträge bis 2024 vorbehält, um dann zu entscheiden, welche Projekte als deutsche Bewerbung bei der Unesco in Paris eingereicht werden. Entschieden wird über den Welterbe-Status nicht vor 2030.

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Welterbe vor der Haustür

Egal, ob wiederaufgeforstete Wälder, wieder nutzbar gemachte landwirtschaftliche Flächen, Kulturstätten, Naherholungsgebiete und sorbische Traditionen – die Tagebaufolgelandschaften in der Lausitz sind vielfältig. Betrachtet wurde der Landschaftswandel in 30 Kommunen in fünf Landkreisen auf einer Fläche von insgesamt 31.500 Hektar. Welterbe soll aber nicht das ganze Lausitzer Revier werden, sondern nur „kompakte Bestandteile“, wobei man nach Aussage von Lea Brönner (IHM) „nur das, was man heute noch sieht, auch einbeziehen kann“.

Die Verwaltungsgemeinschaft Schleife betrifft das unter anderem mit dem Njepilahof (Rohne) und dem Schusterhof (Trebendorf). Nach der internen Präsentationen in diversen Gremien wurde das Projekt Anfang September im Gemeinderat Schleife und damit erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt – mit der Botschaft, dass der Welterbe-Titel für die Region mehr als nur einen Imagegewinn bedeuten würde. Zumal sich mit dem Muskauer Park, dem Muskauer Faltenbogen und dem Biosphärenreservat Oberlausitzer Heide- und Teichlandschaft mehrere Unesco-Welterbe-Stätten in der Nachbarschaft befinden.

In der Oktober-Sitzung sollten sich die Schleifer Räte nun zur Unterstützung des Antrags „Lausitzer Tagebaufolgelandschaften als Unesco-Welterbe“ bekennen – in diesem Stadium des Projekts ohne Kosten. Nach Ansicht von Thomas Schwarz (CDU) bringt der Welterbe-Prozess „positive Aufmerksamkeit, die wir zwischendurch mal brauchen könnten“. Zugleich sei es ein Anreiz, sich mit dem Welterbe vor der Haustür intensiver zu befassen. Marco Jainsch (CDU) findet die Idee zwar schön, befürchtet aber, dass ein Welterbe-Titel Auswirkungen auf das Baurecht haben könnte.

Strukturwandel nicht ausbremsen

„Inwieweit das Unterschutzstellen einer ganzen Landschaft von vornherein mögliche Investoren oder Bau-Vorhaben des Strukturwandels ausbremst“, das ist auch die Sorge von Bauamtsleiter Steffen Seidlich. Wie Lea Brönner betonte, soll der Welterbetitel den Strukturwandel aber nicht behindern oder ihm entgegenstehen. Vielmehr werde versucht, großflächige leere Areale auszuklammern, wo mit späterer Entwicklung im Strukturwandel zu rechnen sei. Letztlich wurde der Beschluss auf November vertagt. Wie es hieß, steht Schleife der Sache „wohlwollend gegenüber, möchte sich aber nicht die Entwicklungschancen für die Zukunft verbauen“.

Nach der Präsentation in Trebendorf betonte Bürgermeister Waldemar Locke (CDU), man sollte „die Daumen drücken, damit das Projekt auf die Vorschlagsliste aufgenommen wird“. Birgit Seyfahrt (WV Wir für Trebedorf) hätte sich angesichts der „vielen Fragezeichen“ von Anfang an eine Bürgerbeteiligung gewünscht. Dem stimmte Lea Brönner auch zu. Jedoch arbeite man erst seit anderthalb Jahren an dem Projekt. Normalerweise hätte man vier Jahre Zeit und würde die Bürger gleich mit einbeziehen. „Aber wir standen vor der Frage, uns jetzt zu beteiligen, oder zehn Jahre zu warten, bis die Liste das nächste Mal geöffnet wird“, begründete sie. Selbstverständlich würden, wenn es zu einer Nominierung kommt, die Bürger einbezogen.

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Auch Boxberger Räte befürchten eventuelle Restriktionen mit einem solchen Titel. Der Bärwalder See sei in die Kategorie Naherholung/Freizeit eingeordnet. „Alles, was in dieser Kategorie passiert, kann sich entwickeln“, so Lea Brönner. Außerdem interessierte die Boxberger: Wenn es zur Nominierung kommt, müsste ein Zweckverband gegründet werden. Aber jetzt zu sagen, wie dieser und seine Finanzierung aussehen, das sei rein spekulativ, hieß es.

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