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Wie Flüchtlingshilfe in Corona-Zeiten funktioniert

Corona erschwert alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens. Auch die Arbeit mit Flüchtlingen und ihre Integration.

Ute Sprejz (3.v.l.) muss derzeit viel improvisieren, Flüchtlingssozialarbeit sogar auf der Straße machen. Corona belastet sie und ihre Klienten sehr.
Ute Sprejz (3.v.l.) muss derzeit viel improvisieren, Flüchtlingssozialarbeit sogar auf der Straße machen. Corona belastet sie und ihre Klienten sehr. © Sabine Larbig

Mit Mund-Nasen-Maske und Unterlagen in der Hand steht sie vorm Hauseingang in Weißwasser und klingelt. „Guten Tag. Ich bin‘s, Frau Sprejz. Kommen Sie doch bitte mal runter an die Tür. Ich habe einige Dokumente für Sie und etwas zu besprechen“, erklärt die Frau in roter Jacke mit DRK-Emblem in die Sprechanlage.

Rückschlag für die Deutschkenntnisse

Die Flüchtlingssozialarbeiterin vom DRK-Kreisverband Weißwasser ist zum Hausbesuch angemeldet. Wegen Corona darf sie aber nicht in die Wohnung ihrer Klienten. Überhaupt erfolgt Kommunikation zwischen Ute Sprejz und den von ihr zu Betreuenden derzeit nur per Telefon, per Mail – falls möglich – oder „auf der Straße“. Die Corona-Einschränkungen sind für ihre Arbeit sehr hinderlich. „Aber viel mehr leiden meine Klienten. In allen Bereichen“, sagt Sprejz, die aktuell 87 Asylbewerber von Niesky, Weißwasser bis Schleife und Boxberg bis Bad Muskau betreut. Darunter viele Familien mit insgesamt 47 Kindern. Die Asylbewerber kommen aus dem Libanon, Syrien, Afghanistan, Georgien, Indien, Irak, Pakistan, Venezuela und Tschetschenien. Meist sind sie schon seit zwei oder drei Jahren in Deutschland, warten auf Genehmigung oder Ablehnung ihres Asylantrags.

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In dieser Zeit werden sie von Ute Sprejz unterstützt. Zu ihren Aufgaben gehören Behördengänge mit den Asylbewerbern, Hilfe bei Antragstellungen, der Anmeldung für Sprachkurse, in Schule oder Kita oder bei der Integration durch Sportvereine oder Musikschule. Durch Corona gibt es aber seit einem Jahr keine Kurse. Selbst bereits Erlerntes sei oft wieder „verschüttet“, so dass bei Besuchen von Ärzten oder Behörden oft ein Muttersprachler aus einer anderen Familie, der bereits gut Deutsch kann, oder ein Dolmetscher nötig ist. Auch die Sorge um die Gesundheit ihrer Angehörigen und das Homeschooling seien durch die Pandemie für Ausländer eine besondere Belastung. „Zum Glück sind die meisten meiner Leute sprachlich schon gut. Jene, die über technische Voraussetzungen verfügen, nutzen sogar Online-Lernangebote der Volkshochschule.“

Toleranz für andere Kulturen erforderlich

Trotz aller Möglichkeiten, gegenseitiger Unterstützung und engen Zusammenhalts sei die Lage durch die Pandemie noch schwieriger, müsse selbst Flüchtlingssozialarbeit ohne Angebote, Bürozeiten und mit Hausbesuchen vor der Tür erfolgen. Und ja, Gespräche mit sich beschwerenden Nachbarn seien nötig. „Es gab Anrufe, da wurde sich über lautes Singen beschwert, dabei hatten die ausländischen Nachbarn gebetet.“ Große Schwierigkeiten gäbe es im Allgemeinen aber nicht, meint Ute Sprejz. Vielmehr würden Erklärungen, dass in Deutschland die Einhaltung von Ruhezeiten oder Hausordnung zu den Mieterpflichten gehören, ständige Aufgaben sein. Ebenso das Werben um gegenseitige Akzeptanz. „Klar stören mitten in der Nacht aus der Küche dringende Geräusche oder Gerüche, weil im Ramadan erst nach Sonnenuntergang gegessen werden darf.“

Das sei verständlich, müsse aber eben auch erklärt werden in einer Kleinstadt wie Weißwasser, in der sich erst an Toleranz und andere Kulturen gewöhnt werden müsse. „Da muss man schon mal mit den deutschen Nachbarn sprechen, ihnen Schicksale, Fluchtgründe und Kultur erzählen, damit sie Verständnis haben und im besten Fall irgendwann mit den ausländischen Nachbarn Tee trinken.“ Was Ute Sprejz ärgert sind jedoch allgemeine Aussagen wie: „Die sollen arbeiten!“ Die Familienväter, sagt sie, würden es gerne tun, dürften wegen des fehlenden Aufenthaltsstatus aber nicht. Obwohl man in Deutschland die Maler, Lehrer, Kraftfahrer oder Autoschlosser gut brauchen könne, wie Arbeitsangebote zeigen. „Aber rechtliche Hürden stehen dem entgegen.“

Unsichere Zukunft für tschetschenische Rückkehrer

Einer, der in einem regionalen Autohaus eine Festanstellung als Automechaniker hatte, ist Herr Murtazaliev. Seit fünf Jahren lebt seine achtköpfige Familie in Deutschland und Weißwasser. Vor sechs Monaten entschieden sich Murtazalievs zur freiwilligen Rückkehr in die Heimat Tschetschenien. Weil es durch Corona keine Flüge gibt, warten sie seither auf einen Termin, sitzen auf gepackten Koffern. „So etwas ist für Betroffene und selbst mich zermürbend. Immer wieder muss ich alle motivieren und erzählen, wie wichtig der Besuch von Schule und Kita ist. Alle wissen ja, dass sie irgendwann plötzlich ihr bisheriges Leben, Freunde, die neue Heimat – Tschetschenien kennen die Kinder kaum – verlieren“, erzählt Ute Sprejz. Dass gerade diese Familie zurück muss, schmerzt die Flüchtlingssozialarbeiterin, weil der Vater, ein Jurist, einen Job hatte, die Kinder gut lernen und integriert sind. „Wenn wir zurückkommen, weiß ich nicht, was uns erwartet“, erzählt das Familienoberhaupt. „Wir haben keine Wohnung, keine Arbeit, werden wieder politisch verfolgt. Wir stehen vor dem Nichts und müssen von Verwandten aufgenommen werden.“

Ute Sprejz hat schon viele solcher Schicksale miterlebt. Sie weiß, wie Asylbewerber sich bei Ablehnung oder während des Asylverfahrens fühlen. „Stete Ungewissheit, immer um den Aufenthaltsstatus kämpfen oder auf Abschiebung warten ist emotional schwierig und sehr belastend. Selbst bei Rückkehrern gehen die Probleme weiter, weil sie als Versager dastehen.“

Venezuelanische Familie hat Angst um ihr Leben

Während die tschetschenische Familie auf den Rückflug wartet, hoffen ihre venezulanischen Nachbarn Henry Alexander (Flugzeugmechniker), sein 20-jähriger Sohn Henry Aleiber – er studierte vor der Flucht Verwaltungswissenschaften – die Mutter, eine Lehrerin, und zwei Töchter (14 und 10 Jahre) noch auf die Genehmigung des Asylantrags. Die Familie, die vor Repressalien des Militärs und der Regierung flüchtete, ist seit einem Jahr in Deutschland. Die Hälfte davon in Weißwasser. „Müssen wir zurück, werden wir wohl getötet. Wir hoffen inständig, bleiben zu können“, verrät Henry Aleiber, der fleißig deutsch per PC lernt und inzwischen Familiendolmetscher ist. Durch Corona konnten auch sie keine Kurse belegen, gab es kaum Kontakte, ist keine Arbeit in Sicht weiß Ute Sprejz. Ihr Arbeitstag endet nicht erst seit Corona nur selten an der eigenen Haustür. „Ich bin nicht rund um die Uhr, außer in Notsituationen, für meine Klienten da. Das wissen sie, hat viel Erziehungsarbeit erfordert“, bekennt die Flüchtlingssozialarbeiterin. Doch es funktioniere, sei notwendig für ein eigenständiges Leben.

Und wie alle Menschen hoffen sie und ihre Schützlinge darauf, dass man bald wieder gemeinsam lernen, feiern, sich treffen, in Vereinen mitmachen kann.

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