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Wie sich behinderte Menschen mutig einmischen können

Die Diakonie St. Martin startet das Projekt "Zeit.Zeichen". Das Ziel: Demokratie lebendig und engagiert mitgestalten. So kann das aussehen.

Ansprechpartner vor Ort sind Laura Hirche und Andreas Drese.
Ansprechpartner vor Ort sind Laura Hirche und Andreas Drese. © Andreas Kirschke

Rothenburg. Der Martinshof in Rothenburg ist ein Ort mit bewegender Geschichte. „Ihr fühlen wir uns verpflichtet“, sagt Andreas Drese. Der Leiter des Bereiches Bildungsarbeit der Diakonie St. Martin steht mit Mitarbeiterin Laura Hirche am Gedenkplatz, der an die NS-Diktatur und ihre Auswirkungen an dieser Stelle erinnert.

Der Zoar-Martinshof war keine Insel der Seligen. Die 1898 gegründete Brüderschaft erlebte in der NS-Diktatur Zwangssterilisationen und Euthanasie. Im Juni 1941 wurden über 100 Bewohner mit geistiger Behinderung deportiert. Nur ganz wenige entgingen dem Gas-Tod. Kurze Zeit später war der Martinshof zum Ghetto jüdischer Familien geworden. Zusammengepfercht lebten zeitweise bis zu 700 Menschen aus Schlesien auf engstem Raum. „Rothenburg war mit einem Mal Durchgangslager“, berichtet Andreas Drese. Diese Juden wurden später deportiert und in den Konzentrationslagern Auschwitz und Treblinka ermordet. „Nur sieben von ihnen sollen überlebt haben.“ Der darin erinnernde Gedenkort im Martinshof ist Ausgangspunkt für das Modellprojekt „Zeit.Zeichen“, das die Diakonie von 2021 bis 2023 umsetzt. Ob Gemeinderat, Feuerwehr oder Fußballverein: Menschen mit Handicap sollen sich mutig einmischen in die Demokratie, sie lebendig und kreativ mitgestalten. „Wir wollen die Gesellschaft dafür sensibilisieren“, sagt Laura Hirche. Das Projekt soll Talente, Fähigkeiten und Chancen der Teilnehmer erkennen helfen und Möglichkeiten der Mitwirkung ausloten. „Das ist ein Mehrwert für diese Gremien und eröffnet neue Perspektiven.“

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Der Denkort im Gelände der Diakonie St. Martin in Rothenburg erinnert an die bewegende Geschichte während der Zeit der NS-Diktatur.
Der Denkort im Gelände der Diakonie St. Martin in Rothenburg erinnert an die bewegende Geschichte während der Zeit der NS-Diktatur. © Andreas Kirschke

Seit über zehn Jahren besteht das jährliche Bildungsprojekt „Sag es selbst“. Jährlich nehmen mehr als 80 Menschen mit Handicap sachsenweit teil. Wie wollen Menschen mit Behinderung heute wohnen? Wie wollen sie Liebe, Partnerschaft und Sexualität leben? Wie finden sie ihren Traumberuf und darin Erfüllung? Um all diese Themen geht es. „Zeit.Zeichen“ knüpft gezielt daran an. Die Organisatoren stellen es bis Ende August in acht Orten in Ostsachsen vor. Das Ziel: 15 Teilnehmer gewinnen. Im September startet die erste Workshop-Reihe mit dem Titel „Nur mit uns“. Im ersten Workshop geht es um das Kennenlernen. Dann reden die Teilnehmer über ihre Erfahrungen im Alltag, Wohnumfeld, Beruf, aber auch Erlebnisse mit Diskriminierung, Ausgrenzung, Ignoranz und Benachteiligung im Leben. Die dritte Workshop-Reihe unter dem Titel „AkzeptiertZuWerden“ folgt 2023. Dafür werden vier Modellkommunen ausgewählt, in denen die Teilnehmer Projekte zur demokratischen Beteiligung von Menschen mit Behinderung umsetzen „Wir wollen sie dabei begleiten“, sagt Laura Hirche. Zum Beispiel könnten in Rothenburg praktische Ideen zu Barrierefreiheit und Fußgänger-Überwegen für Menschen mit Handicap entstehen.

Ein Beirat soll das Projekt begleiten. Dazu gehören voraussichtlich Generalsuperintendentin Theresa Rinecker, Katrin Bartsch (Geschäftsführerin der Stadtwerke Weißwasser GmbH), Frank Richter (Theologe und von 2009 bis 2016 Leiter der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung), Tom Quaas (Schauspieler in Dresden), Stephan Pöhler (Behindertenbeauftragter des Freistaates Sachsen) und zwei Menschen mit Lernbehinderung.

Zum Projekt „Zeit.Zeichen“ sucht die Diakonie St. Martin bis zu 15 Teilnehmer. Ansprechpartner sind Laura Hirche und Andreas Drese unter 035891 380 oder
[email protected]

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