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„Wir haben den Neuanfang längst gemacht“

Im SZ-Interview erläutert die Linken-Kreisvorsitzende Antonia Mertsching aus Weißwasser Konsequenzen aus der Bundestagswahl.

Von Ingo Kramer
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Das ist der neu gewählte Görlitzer Kreisvorstand der Linkspartei. Vorn in der Mitte steht die Kreisvorsitzende Antonia Mertsching. Neu im Kreisvorstand sind lediglich Willi Ott (3.v.l.) als jugendpolitischer Sprecher und Jana Lübeck (2.v.r.).
Das ist der neu gewählte Görlitzer Kreisvorstand der Linkspartei. Vorn in der Mitte steht die Kreisvorsitzende Antonia Mertsching. Neu im Kreisvorstand sind lediglich Willi Ott (3.v.l.) als jugendpolitischer Sprecher und Jana Lübeck (2.v.r.). © Foto: Die Linke

Genau 7,8 Prozent bei den Erst- und 7,5 Prozent bei den Zweitstimmen im Landkreis Görlitz: Die Linkspartei hat ihre Ergebnisse bei der Bundestagswahl im Vergleich zu 2017 fast halbiert, gehört zu den Wahlverlierern. Das sieht sie auch selbst so. „Wir haben als Linke deutlich verloren, da gibt es nichts zu beschönigen“, teilte Kreisvorsitzende Antonia Mertsching direkt nach der Wahl mit. Das werde die Partei in den nächsten Wochen reflektieren.

Seither sind zweieinhalb Wochen vergangen. Deshalb fragt die SZ nun im Interview bei Antonia Mertsching nach. Die 36-Jährige wurde in Berlin geboren, ist aber bei Altdöbern im Landkreis Oberspreewald-Lausitz aufgewachsen. Nach 15 Jahren in Dresden kehrte sie 2019 in die Lausitz zurück und lebt seither in Weißwasser. Seit drei Jahren ist sie Parteimitglied, seit zwei Jahren Kreisvorsitzende.

Frau Mertsching, Sie wollten die Wahlniederlage reflektieren. Gibt es schon Ergebnisse?
Ja, wir haben innerparteilich festgestellt, dass das Bild, das wir als Partei nach außen abgeben, tatsächlich ein Problem ist: Wir wirken nicht geeint. Allerdings ist das ein Problem der Bundespartei, da können wir hier im Kreis Görlitz wenig tun.

Wirklich gar nichts?
Was wir auf Kreisebene jetzt tun müssen, ist, unsere Strukturen umzubauen, um mit weniger Mitteln dennoch präsent und ansprechbar zu sein. Wir wollen gute Angebote zum Mitmachen schaffen und unsere Neumitglieder einbinden. Das geht nicht von heute auf morgen, aber wir sind dran.

Sie haben auf lokaler Ebene ein Generationenproblem. Wie überaltert sind die Parteimitglieder im Kreis?

Von aktuell 502 Mitgliedern sind 358 über 60 Jahre alt, also mehr als 70 Prozent. Davon sind 254 sogar über 70 Jahre alt, das sind gut 50 Prozent. Und 100 sind 86 Jahre und älter, also 20 Prozent. Auf der anderen Seite haben wir aber auch 44 Mitglieder, die 30 Jahre und jünger sind.

Das heißt im Umkehrschluss, dass nur 20 Prozent ihrer Mitglieder zwischen 31 und 60 Jahren alt sind. Wenn in diesen wichtigen Generationen die Mitglieder fehlen: Können Sie dann deren Themen noch inhaltlich abbilden?
Ich denke, nicht nur das Alter ist ein Problem, sondern die Treffpunkte der Menschen. Gerade die 30- bis 50-Jährigen sind nicht so stark in Vereinen organisiert, sodass es schwierig ist, sie irgendwo zu erreichen. Andererseits: In Niesky haben wir einen Genossen, der in allen möglichen Vereinen sehr aktiv ist. Trotzdem werden wir dort nicht mehr gewählt als anderswo. Aber trotz allem denke ich nicht, dass wir die Probleme der Berufstätigen nicht kennen oder abbilden können. Wir wissen, was die Probleme in der Pflege oder in kleinen Handwerksbetrieben sind. Das wird an uns herangetragen, und wir unterhalten uns ja auch mit Menschen jeden Alters.

Haben Sie dennoch im Wahlkampf die falschen Themen gesetzt?
Nein. Wir sind die Partei der sozialen Gerechtigkeit. Bezahlbares Wohnen, Pflege und soziale Absicherung sind unsere Themen. All das haben wir angesprochen.

In Görlitz hatte die Linke lange Jahre Stadträte wie Margit Bätz, die sich um die Probleme der Leute aus ihrem Viertel gekümmert haben. Heute sind sie nicht mehr da, stattdessen dominieren oft Themen wie das Gendern. Verlieren Sie das Image der Kümmerer-Partei?
Wir kümmern uns nach wie vor, wenn Dinge an uns herangetragen werden. Wir sind ansprechbar. Ein Problem aber ist: Wir haben heute weniger Räte als früher. Dadurch müssen die anderen mehr Arbeit wegtragen. Aber die klassischen Kümmerer gibt es immer noch. Und ja: Wir beschäftigen uns auch mit dem Gendern, aber weniger, als es nach außen ausgestrahlt wird. Das steht nicht im Zentrum unserer politischen Arbeit.

Welche Rolle soll die Linke künftig ausfüllen?
Für uns ist jetzt spannend, ob die Ampel zustande kommt. Wenn die SPD für das Soziale steht, die Grünen für den Klimaschutz und wir beides auch wollen, nur radikaler, dann haben wir tatsächlich ein Legitimationsproblem. Das muss man so sagen. Aber andererseits: Wir sind die einzige Partei, die den Kapitalismus infrage stellt. Ich denke, das ist das Profil, das wir schärfen müssen. Mit dem Sozialismus aber haben die Menschen vor 1989 negative Erfahrungen gemacht. An dieser Stelle positive Visionen zu bauen, muss unsere Aufgabe sein.

Schmerzt es Sie, dass die Linke den Ruf als Ost-Partei an die AfD verloren hat?
Früher galten wir auch als Protestpartei und wurden dafür gewählt, das ist richtig. Bei der AfD erkenne ich nicht, wie sie die Probleme der Leute im Osten lösen kann. Das ist eine originäre West-Partei. Wir hingegen sind eine originäre Ost-Partei. Wir sind von hier und verstehen, wie es hier läuft. Das sollten wir stärker betonen. Ich selbst bin Jahrgang 1985, aber auch ich bin gern aus dem Osten und kann als Ossi für Ossis sprechen. Das werde ich gern tun.

Wie sehr hat Sahra Wagenknecht der Linken im Wahlkampf geschadet?
In der Tat macht sie uns das Leben nicht leichter. Sie hat vor der Wahl ein Buch herausgebracht, das eine Abrechnung mit der eigenen Partei ist. Andererseits stellt sie sich innerparteilichen Diskussionen nicht. Ich verstehe nicht, was das der Partei bringen soll. Am Ende kostet sie uns doppelt Wähler: Die einen wählen uns ihretwegen nicht mehr, die anderen wegen unserem angeblichen Umgang mit ihr. Aber hier haben wir wieder den Fall, dass das ein Bundesproblem ist, auf das wir wenig Einfluss haben.

Das heißt, vor Ort wird sich wenig ändern? Der Kreisvorstand wurde fast 1:1 wiedergewählt.
Ja, neu dabei sind nur Willi Ott als jugendpolitischer Sprecher sowie Jana Lübeck. Aber wir haben den Neuanfang längst gemacht. Die Verjüngung hat bei uns bei der vorigen Wahl vor zwei Jahren stattgefunden. Die Zeit seither war viel zu kurz, um viel zu verändern. Die Veränderungen, die wir anstoßen müssen, dauern länger. Es gibt also für uns keinen Grund, jetzt den Vorstand auszuwechseln.

Nächstes Jahr wird im Kreis Görlitz ein neuer Landrat gewählt. Stellen Sie einen eigenen Kandidaten auf oder unterstützen Sie den CDU-Bewerber, um einen AfD-Landrat für Görlitz zu verhindern?
Es darf nicht nur einen konservativen und einen rechtskonservativen Kandidaten geben, sondern es braucht auch einen progressiven Bewerber. Wir werden uns also nicht hinter den CDU-Kandidaten stellen, aber möglich wäre ein parteiübergreifender Kandidat, mit dem wir größere Schnittmengen haben. Sollte es zu einem zweiten Wahlgang kommen, müssen wir neu darüber reden, wen wir unterstützen können.

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