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Mit einer Heißmangel fing alles an

Reich sind René und Antje Just in Weißwasser damit nicht geworden. Ihre Wäscherei betreiben sie gern – seit 30 Jahren.

René und Antje Just blicken in diesen Wochen auf das 30-jährige Bestehen ihrer Wäscherei in Weißwasser zurück.
Die Corona-Pandemie war für ihr kleines Unternehmen eine schwere Krise – und ist auch privat nicht spurlos an ihnen vorbeigegangen. Umso
René und Antje Just blicken in diesen Wochen auf das 30-jährige Bestehen ihrer Wäscherei in Weißwasser zurück. Die Corona-Pandemie war für ihr kleines Unternehmen eine schwere Krise – und ist auch privat nicht spurlos an ihnen vorbeigegangen. Umso © Joachim Rehle

Um die 45 Grad und eine Luftfeuchtigkeit von 60 Prozent – nicht viele Menschen würden sich so ihren Arbeitsplatz wünschen. René Just winkt ab. Es gebe doch so viele andere Berufe, in denen die Leute mit Wärme klarkommen müssten, sagt er. An die Temperaturen hätten er und seine Frau sich längst gewöhnt. „Wenn man aus dem Wäschekeller raus an die Luft kommt, dann ist es direkt angenehm“, fügt Antje Just hinzu. Und das trotz der tropischen Hitzegrade draußen. In Weißwasser blicken die beiden auf das 30-jährige Bestehen ihres Wäscheservices zurück.

Corona nur mit Hilfe überstanden

Nach den erfolgreichen Jahren 2017 bis 2019 brachte Corona ihrem kleinen Unternehmen die schwerste Krise. „Von Jetzt auf Null“ ging das Auftragsvolumen im harten Lockdown 2020 zurück. Nachdem Gaststätten und Hotels schließen mussten, gab es auch für ihre Wäscherei kaum etwas zu tun. Maximal zehn Stunden pro Woche, sagen sie. Leben kann man davon nicht, schon gar nicht zu zweit. Deshalb sind sie dankbar für die Corona-Hilfen. Ohne das Überbrückungsgeld hätten sie den Sommer 2020 wohl kaum überstanden. Mit den Lockerungen folgten bis zum Herbst wieder Aufträge. Doch im November war wegen eines weiteren Corona-Lockdowns schon wieder Schluss – mit Arbeit und mit Einkommen.

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Erfahrung, Wissen und ein super Team. Bis zum heutigen Erfolg war es eine lange, lehrreiche Reise, die sich nun in verschiedenen Abteilungen widerspiegelt und seinen Kunden Einrichtungs- und Wohnträume verwirklicht.

Mal abgesehen von der finanziellen Seite, so räumt René Just ein, könne man sich daran gewöhnen: an das späte Aufstehen und das gemütliche Frühstück auch unter der Woche. So ist es für das Ehepaar schon eine gehörige Umstellung, dass es jetzt wieder losgeht. Es bedeutet für sie, nun wieder täglich zwölf Stunden in ihrer Wäscherei zu schwitzen. Trotzdem freuen sie sich darauf. Nachdem in der Vorwoche die Lockerungen für Hotellerie und Gastronomie in Kraft traten, riefen die ersten Kunden an.

Ihre Mitarbeiterin war 2020 in den Ruhestand gegangen. Wenn sie wüssten, wie es anläuft, würden sie ja wieder jemanden einstellen. Aber das sei zu ungewiss. „Wer weiß schon, ob es nicht doch eine vierte Corona-Welle gibt“, ist René Just ratlos. Zumal die Saison in den Hotels zumeist nur bis 31. Oktober geht. Von November bis März fällt dann ohnehin nur die Hälfte an Aufträgen an. Auch seien die Folgen der Corona-Pandemie noch nicht absehbar. Etliche ihrer Kunden, die eine Gaststätte führen, sind 60 Jahre und älter. „Ob sie nach Corona wieder aufmachen, das weiß doch keiner so genau“, begründet René Just.

Die Anfänge waren mühsam

Angefangen hat alles mit einer Heißmangel. Die gelernte Verkäuferin Anje Just war in den letzten Jahren der DDR Hausfrau. 1991 besuchten sie und ihr Mann Verwandte im Westen, bei denen zu Hause eine Heißmangel stand. Ein paar Gespräche hin und her und die Heißmangel ging auf die Reise nach Weißwasser. Dass sie damit reich werden würden, haben Just‘s damals gehofft. „Zumindest ein kleines bisschen“, geben sie heute lachend zu. Doch es war, wie René und Antje Just recht schnell erkannten, „eine Milchmädchenrechnung.“ Die Anfänge waren mühsam. Im Osten Deutschlands und besonders um Weißwasser herum war es die Zeit der großen Arbeitslosigkeit. Viele Frauen saßen ohne Job zu Hause und hatten genug Zeit, sich selber um die Wäsche zu kümmern. Eigentlich hätte Antje Just ihren Ausflug in die Selbstständigkeit an dieser Stelle beenden können. Doch die Anfrage eines kleinen Hotels aus Weißwasser brachte sie und ihren Mann dazu, für den Wäscheservice auch noch eine Waschmaschine anzuschaffen.

Der gelernte Kfz-Schlosser hatte nach der Wende hier und da zu tun, fuhr parallel die Wäsche aus. Doch die Jobs waren nicht von Dauer. Deshalb wurde 2008 aus dem Wäscheservice die Wäscherei Just. Sie hat den größten Teil ihrer Kunden in Niesky, Rothenburg und Görlitz. Einmal die Woche fährt René Just die Annahmestellen ab, holt die Schmutzwäsche und bringt die saubere Wäsche hin – meist sogenannte Flachwäsche, also Bett- und Tischwäsche, mitunter auch Unterwäsche, Bekleidung.

Über Jahre haben Just’s für eine Textilreinigungsfirma in Niesky die Wäsche der Privatkunden gewaschen. Als das Unternehmen 2017 in Insolvenz ging, blieb ein Teil der Kunden quasi bei Just‘s hängen. Weitere kamen in Görlitz hinzu. Und das, obwohl die kleine Wäscherei in Weißwasser mit den Preisen von Großwäschereien nicht mithalten kann. Die Großen haben einen Tagesdurchlauf von mehreren Tonnen Wäsche. Bei Just’s geht es dafür individueller zu, wie in einer Manufaktur. Manche halten als Kunden der ersten Stunde deshalb nach 30 Jahren noch die Treue.

Kleidung mit Lebensgeschichte

Bei nicht wenigen Kunden kennt Antje Just die Wäsche aus dem Effeff, könnte sie auch ohne Kennzeichnung problemlos zuordnen. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich nur um ein Tafeltuch oder um einen ganzen Korb voll Wäsche handelt. Während sie nicht besonders gern bügelt, gehört das Legen von Kleinteilen nicht gerade zu den liebsten Tätigkeiten ihres Mannes. Mitunter hänge an manchem Kleidungsstück eine Lebensgeschichte. Etwa an jener Bluse, die eine Kundin von ihrem verstorbenen Mann geschenkt bekam.

In den guten Jahren vor Corona waren Just’s drauf und dran, eine größere Wäscherei zu bauen. Heute sind sie froh darüber, es nicht getan zu haben. „Ohne Nachfolger macht es wenig Sinn“, begründet René Just. Sohn und Tochter, die mit ihren Familien in Berlin und Leipzig leben, werden wohl nicht zurückkommen. Womöglich der Jüngste, der ein Nachzügler ist. Aber Ambitionen, den elterlichen Betrieb zu übernehmen, die hat auch er nicht.

Durch Virus auch privat getroffen

Corona bekamen die zwei 57-Jährigen nicht nur beruflich und finanziell zu spüren. Das Virus hat sie auch selber voll erwischt. René Just, der seine Eltern pflegte, hadert noch immer damit, dass er sich von seinem an Corona verstorbenen Vater nicht einmal verabschieden durfte. Während er sich inzwischen wieder gut erholt hat, kämpft seine Frau noch immer mit den Folgen, ist bei der kleinsten körperlichen Anstrengung gleich erschöpft. Um wieder zu Kräften zu kommen, geht sie walken. Ohnehin ist Sport für beide ein wichtiger Ausgleich: Volleyball, Leichtathletik und Badminton in der TSG Kraftwerk Boxberg/Weißwasser. Weil das in der Pandemie so gut wie gar nicht möglich war, fuhren sie viel mit dem Rad. Aber die beste Erholung finden sie im eigenen Garten.

„Wenn es keinen Spaß machen würde, hätten wir schon lange geschlossen“, darin sind sich René und Antje Just einig. Eine Feier zum 30-jährigen Bestehen am 4. Juni gab es wegen Corona (noch) nicht. Jetzt hoffen sie darauf, dass die Krise bald zu Ende ist, sie wieder Arbeit und Auskommen haben und auch ihre Kinder und Enkelkinder wieder sehen können.

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