merken
PLUS Weißwasser

Mit schusssicherer Weste zum Gassigehen?

Um einen unglaublichen Fall ging es vor dem Amtsgericht Weißwasser. Dass der Angeklagte bei seiner Tat betrunken war, mildert die Strafe jedoch nicht.

Schnell mal den Hund ausführen, endete in Weißwasser in einem Drama.
Schnell mal den Hund ausführen, endete in Weißwasser in einem Drama. ©  pixabay.com (Symbolfoto)

Weißwasser. Das möchte man als Hundebesitzer nicht erleben: Am 4. November 2019 gegen 18.30 Uhr, es war bereits dunkel, ging eine Weißwasseranerin auf der Wolfgangstraße mit ihrem Hund Gassi. Der schon 17-jährige Pudel schnuffelte hier und schnüffelte da. Plötzlich vernahm die heute 61-Jährige einen Knall und ihr Hund Fränki jaulte laut auf. Sie dachte zuerst, der Hund habe sich erschreckt.

In einem Küchenfenster im Erdgeschoss sah sie Licht, und kurz darauf wurde die Jalousie heruntergelassen. Da sich sonst nirgendwo etwas bewegte, kam ihr das komisch vor. Stunden später bemerkte sie zu Hause, dass sich der Hund ständig am Bauch leckte und die Stelle blutig war. Weil es schon spät war, ging sie erst am nächsten Tag zum Tierarzt. Dieser brachte ein Diabolo zum Vorschein. Somit war klar: Auf den Hund war geschossen worden! Seine Besitzerin erstattete daraufhin Strafanzeige bei der Polizei.

August Holder GmbH
Zuverlässigkeit und Erfahrung
Zuverlässigkeit und Erfahrung

Kettensäge kaputt oder Profi-Gerät für´s Wochenende gesucht? Bei HOLDER kein Problem: Onlineshop, Werkstatt und Leihservice sorgen für funktionierendes und passendes Gerät.

Vor Gericht kam die Sache erst jetzt, da sich der Angeklagte (38) seit einem halben Jahr einer Alkohol- und Drogentherapie unterzieht. Seine Mutter hatte bei Amtsgerichtsdirektor Christoph Pietryka um Verschiebung ersucht, um den Erfolg der Therapie nicht zu gefährden. Bei der Polizei hatte die Hundebesitzerin seinerzeit geäußert, dass es nur Herr M. gewesen sein konnte, dessen Jalousie sich ja bewegt hatte.

Wie ein nun als Zeuge geladener Beamter des Polizeireviers Weißwasser bestätigte, fand man bei einer Hausdurchsuchung auf dem Küchentisch des Verdächtigen eine Luftdruckpistole samt Diabolos. Weil damit ganz offensichtlich geschossen worden war, räumte die Staatsanwaltschaft Görlitz der Klärung ein öffentliches Interesse ein und verfolgte die Sache von Amtswegen.

Waffe in Polen gekauft

In der Verhandlung vor dem Amtsgericht Weißwasser warf der Staatsanwalt dem Beschuldigten Tierquälerei vor, weil er einem Wirbeltier aus Rohheit erheblichen Schmerz zugeführt und zudem eine Waffe ohne Erlaubnis benutzt hatte. Somit war er wegen Verstößen gegen das Tierschutz- und gegen das Waffengesetz anzuklagen.

Seit 1998 lebt der in Russland geborene Angeklagte in Weißwasser. Nach der abgebrochenen Lehre als Metallbauer und einer Arbeitsbeschaffungs-Maßnahme lernte er Tischler und arbeitete elf Jahre im Beruf. Das Leben hätte für den Vater zweier Söhne (16 und 12 Jahre) ganz normal verlaufen können – ohne sein Alkoholproblem. Mit „drei Bier und eine halbe Flasche Schnaps“ beschrieb er seine tägliche Ration.

Die Luftdruckpistole hatte er für 50 Euro in Polen erworben. Dass diese in Deutschland erlaubt sei, habe ihm der Händler gesagt. „Das ist tatsächlich so, gilt aber nur für den Besitz“, erklärte ihm der Staatsanwalt nun. Denn benutzen darf man sie in der Öffentlichkeit nicht. Es sei denn, man hat eine Erlaubnis dafür. Pech für den Angeklagten überdies: Die Waffe hatte keine in Deutschland vorgeschriebene Kennzeichnung eingraviert. Es könnte sich also um einen illegalen China-Import handelte. Die Waffe samt Munition wurde inzwischen eingezogen und bleibt das.

An dem betreffenden Abend muss der Angeklagte nach eigener Aussage stark betrunken gewesen sein. Jedenfalls schoss er auf einen Strauch vor dem Haus. „Ich weiß nicht, was mir da im Kopf rumging“, erklärte er jetzt vor Gericht. Dass dort ein weißer und deshalb wohl auch im Dunkeln erkennbarer Hund herumschnüffelte, das will er nicht bemerkt haben. Etwas später fügte er hinzu, dass es nicht seine Absicht gewesen sei, den Hund zu verletzen. Er habe ihn nur erschrecken wollen. „Es war eine betrunkene schlechte Idee“, sagte er. Mehrfach wiederholte er vor Gericht, dass es ihm leidtue und er sich entschuldige.

Verletzung ist juristisch eine Sachbeschädigung

Dass er auf den Strauch schoss und nicht auf den Hund, sei als Schutzbehauptung widerlegt, so der Staatsanwalt. Denn dann wäre der Schuss daneben gegangen. Er ließ auch keine Strafmilderung wegen Alkohol gelten, da der Angeklagte erhebliche Mengen Alkohol gewöhnt war und deshalb so benebelt offenbar nicht gewesen ist.

Glück für den Angeklagten, dass das Diabolo ohne Narkose entfernt werden konnte und es dem Hund wieder gut geht. Dass das Tier Schmerzen hatte, sei klar, ob die aber im Sinne des Tierschutzgesetzes erheblich waren, lässt sich nicht mehr feststellen, so Richter Christoph Pietryka. Nach dem Grundsatz „Im Zweifel für den Angeklagten“ ließen Richter und Staatsanwalt den Vorwurf der Tierquälerei fallen.

Da ein Tier zwar eine Seele hat, wie es Pietryka betonte, juristisch betrachtet aber eine Sache ist, blieben immerhin noch Sachbeschädigung und unerlaubtes Benutzen einer Waffe. Außerdem sei die Zeugin aus Angst, es könnte noch mal jemand schießen, umgezogen. Der Staatsanwalt forderte 80 Tagessätze. Unter Einbeziehung der noch offenen Vorstrafen wegen Gefährdung des Straßenverkehrs durch Trunkenheit wurde daraus eine Gesamtstrafe von 200 Tagessätzen zu je 15 Euro. Der Staatsanwalt hielt dem Angeklagten zugute, dass dessen Familie die Tierarztkosten erstattet und der Hundehalterin einen Gutschein für Leckerlis geschenkt hat. Auch sei das Waffenrecht sehr kompliziert.

Richter Pietryka bezog in sein Urteil ein, dass sich der Angeklagte sehr verändert habe, mit einer freiwilligen Therapie bemühe, ein anderer Mensch zu werden, Kontakt zu seinen Kindern halte und etwa die Hälfte seiner Vorstrafe abgearbeitet habe. Er verurteilte ihn zu einer Gesamtstrafe von 200 Tagessätzen à 25 Euro. Auch muss er die Kosten des Verfahrens tragen. Bis Montag besteht Möglichkeit auf Berufung.

Mehr Nachrichten aus Weißwasser und Umland lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Weißwasser