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Mountainbike-Klau war plötzlich Nebensache

Eine überraschende Wendung nahm jetzt eine Strafsache vor dem Amtsgericht Weißwasser. Der Staatsanwalt interessierte sich sehr für die Entlastungszeugin.

© dpa/David-Wolfgang Ebener

Weißwasser. Wie eng müssen Verlobte miteinander sein? Diese Frage stellte sich jetzt Richter Christoph Pietryka in einer Strafsache vor dem Amtsgericht Weißwasser. Er sei diesbezüglich etwas altmodisch, gab er zu. Der Angeklagte sieht Beziehungen wohl weitaus lockerer, was nicht allein seinem geringeren Alter zuzuschreiben ist.

Aus einem Hinterhof in der Bautzener Straße in Niesky soll der Beschuldigte am 8. Juni 2020 gegen 12.15 Uhr ein Mountainbike gestohlen haben. Weil er die fremde Sache, die noch dazu extra durch ein Schloss gesichert war, entwendet und für sich behalten hat, warf ihm der Staatsanwalt nun besonders schweren Diebstahl vor. Der 33-Jährige gab an, dass er mit seiner Lebensgefährtin dort in einer Pension gewesen sei, um ein paar schöne Tage zu verbringen, dass er auf einer Bank im Hof gesessen und geraucht hätte. Es könne gut sein, dass da ein Rad gestanden hat, geklaut aber habe er es nicht. Er sei den ganzen Tag mit seiner Freundin unterwegs gewesen.

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Diese hätte das als Entlastungszeugin womöglich bestätigen können und der Fall wäre erledigt gewesen, nur war sie vor Gericht nicht erschienen. Dem Angeklagten war offenbar sehr wohl klar, warum nicht.

Entlastungszeugin nicht auffindbar

Wie sich herausstellte, wird seine Freundin wegen Handels mit Betäubungsmitteln gesucht. Allerdings habe man ihr wegen ihres unbekannten Aufenthalts die Unterlagen nicht zustellen und sie bisher nicht ausfindig machen können. Laut Aktenlage sei sie zuletzt über den Angeklagten postalisch zu erreichen gewesen, so der Amtsgerichtsdirektor. Das dürfte schon eine Weile her sein. Denn der gebürtige Bautzener, der bei seinen Eltern in Königsbrück polizeilich gemeldet ist, verbüßt noch bis August eine einjährige Haftstrafe in der JVA Leipzig. Von dort aus war er durch zwei Beamte zur Verhandlung nach Weißwasser vorgeführt worden. Er habe seit 20 Jahren ein Drogenproblem mit Alkohol und Crystal, räumte er ein, käme im geschützten Raum der JVA damit aber nicht in Berührung.

Infolge eines schweren Motorradunfalls im Juni 2020 kann sich der Angeklagte nach 16 Operationen noch immer nur mit Gehstützen fortbewegen. Dass ihn die Freundin noch nie in der Haft und auch nicht zuvor im Krankenhaus besucht hatte, kam dem Richter äußerst merkwürdig vor. Da könne es mit der Zuverlässigkeit dieser Freundin nicht weither sein. Dass es sich um seine Verlobte handelt, betonte der Angeklagte. Im Sommer/Herbst 2018 habe man sich verlobt. So genau wusste er das nicht mehr. Zu jener Zeit hätte er noch in Weißwasser gewohnt. „Wenn ich sie anrufe, ist sie da“, wollte er dem Gericht glaubhaft machen. Das Angebot des Richters, dies mit dem Telefon des Gerichts sofort zu tun, lehnte er ab. Mit der Begründung, er habe die Handynummer nicht im Kopf.

Durchsuchung der Zelle angedroht

Manchmal schreibe er ihr über die Adresse eines Dritten. Die Androhung des Staatsanwalts, eine Postausgangskontrolle in der JVA vornehmen zu lassen, konnte ihn nicht dazu bewegen, die Adresse zu nennen. Somit kam für den Staatsanwalt in Betracht, die Haftzelle nach Kontaktdaten durchsuchen zu lassen. Dem widersprach der Verteidiger. Die Durchsuchung sei nicht angemessen, da der Angeklagte nicht Beschuldigter in der Strafsache der Zeugin sei.

Auf Antrag des Staatsanwalts zogen sich die Juristen ins Richterzimmer zurück. Eine Absprache kam aber nicht zustande, verkündete Amtsgerichtsdirektor Pietryka nach der Unterbrechung. „Von einem Verlobten kann man verlangen, dass er dazu beiträgt, dass die Verlobte sich meldet“, wandte er sich an den Angeklagten. Worauf der Verteidiger entgegnete, dass sie ja nicht ihrem Verlobten aus dem Wege gehe, sondern der Strafverfolgung.

Der Staatsanwalt schlussfolgerte daraus, dass die Zeugin auf der Flucht sei. Er würde dem Angeklagten entgegenkommen, wenn dieser zur Tataufklärung beiträgt. Andersherum könne der Verteidiger seinen Mandanten beraten, welche Strafe auf Strafvereitelung steht. Der Amtsgerichtsdirektor ließ in der Verhandlung offen, ob er die Durchsuchung der Zelle anordnet. Wenn ja, werde das geschehen, bevor der Angeklagte zurück in der JVA ist.

Zuguterletzt ging es dann aber doch noch um das in Niesky gestohlene Mountainbike. Richter Pietryka zeigte dem Angeklagten ein Foto des Rads und fragte ihn abermals, ob er damit etwas zu tun habe. Der schüttelte nur den Kopf. Ob dem tatsächlich so ist, wird bei einem Fortsetzungstermin in zwei Wochen zu klären sein. Dazu soll dann auch die Besitzerin des Fahrrads als Geschädigte geladen werden.

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