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Offene Türen beim VdK in Weißwasser

Nach der Corona bedingten Zwangspause ist die Beratungsstelle des Sozialverbands wieder für Jedermann geöffnet.

Endlich wieder zusammen, freuten sich Ortsverbandsvorsitzende Kerstin Jekusch (2.v.l.) und Schatzmeisterin Petra Jegl (2.v.r.) beim Tag der offenen Tür. Seit Juli finden beim VdK in Weißwasser wieder regelmäßig Sprechstunden statt.
Endlich wieder zusammen, freuten sich Ortsverbandsvorsitzende Kerstin Jekusch (2.v.l.) und Schatzmeisterin Petra Jegl (2.v.r.) beim Tag der offenen Tür. Seit Juli finden beim VdK in Weißwasser wieder regelmäßig Sprechstunden statt. © Joachim Rehle

Mit so viel Zuspruch hatte Kerstin Reckusch gar nicht gerechnet. Als der Ortsverband des VdK Weißwasser jetzt zum Tag der offenen Tür anlässlich des fünfjährigen Bestehens seiner Geschäftsstelle am Boulevard einlud, gaben sich Besucher geradezu die Klinke in die Hand. Kein Wunder, war es doch nach der langen Coronabedingten Pause die erste öffentliche Veranstaltung des VdK überhaupt. Dennoch war die Vorsitzende des Ortsverbandes von dem großen Interesse überrascht. Während die einen Glückwünsche loswerden wollten, kamen andere in der Hoffnung, dass ihnen gleich an Ort und Stelle geholfen werden kann. So wurde an dem Nachmittag nicht nur ans Feiern gedacht.

Gemäß der Vorgaben des Landesverbands war die Beratungsstelle in Weißwasser während der Corona-Pandemie für den Besucherverkehr geschlossen. Zu tun gab es für die ehrenamtlichen Mitarbeiter trotzdem genug. „Die vielen Anfragen haben uns gerade in der Corona-Zeit gezeigt, wie sehr wir gebraucht werden“, sagt Kerstin Reckusch. Seit 2019 steht sie als Jüngste von fünf Mitgliedern dem Vorstand des Ortsverbands vor. Im Oktober vor fast zwei Jahren waren sie, Petra Jegl, Elke Vogt, Gunter Müller und Klaus-Dieter Krüger gewählt worden. Mit neuem Vorstand und neuem Elan wollte man durchstarten. Doch dann kam Corona. Mittels Telefon habe man versucht, das Ehrenamt aufrechtzuerhalten. „Die Beratung gestaltete sich schwierig. Das geht besser, wenn man sich gegenübersitzt“, weiß Kerstin Reckusch.

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Zur Mitarbeit kam sie wie Schatzmeisterin Petra Jegl durch eigene Betroffenheit. „Es steht ja niemandem auf der Stirn, dass und wie krank er ist“, sagt sie. Die Rietschenerin ist gelernte Krankenschwester, kann ihren Beruf nicht mehr ausüben, aus gesundheitlichen Gründen auch keiner anderen Arbeit mehr nachgehen. Sie könne aber nicht zu Hause sitzen und jeden Tag über die eigene Krankheit nachdenken, so die 55-Jährige. Der Kontakt mit anderen Menschen in der VdK-Beratungsstelle helfe ihr darüber hinweg. Ein großer Vorteil des Ehrenamts sei, dass sie sich jederzeit ausklinken könne, wenn es mal gar nicht geht.

Betroffenen den Rücken stärken

Andererseits, und darin ist sie sich mit der 63-jährigen Petra Jegl einig, müsse man dranbleiben, wenn man ein solches Ehrenamt übernimmt. Die Weißwasseranerin hat 19 Jahre in einem Dorf im Schwarzwald gelebt, sich um einsame und hilfsbedürftige Senioren gekümmert. Wegen ihrer (inzwischen verstorbenen) Mutter war sie 2011 zurückgekehrt – und hat sich wie schon dort, nun auch hier im VdK engagiert. Dass sie mehr als 20 Jahre an derselben Krankheit leidet wie jüngst ein Ratsuchender, konnte dieser gar nicht glauben. Aus eigenen Erfahrungen heraus geben die beiden Frauen viele wertvolle Tipps.

Manchmal fühle sie sich wie eine Psychologin, sagt Kerstin Reckusch. Sie hört den Ratsuchenden zu, die froh sind, dass sich jemand ihrer Sorgen annimmt. Sie sieht ihre Aufgabe darin, „die Menschen auf den richtigen Weg zu bringen“, etwa bei der Beantragung von Sozialleistungen zu helfen oder auch Mut zu machen, wenn es um den Widerspruch gegen einen ablehnenden Bescheid geht. Viele Betroffene würden zu schnell resignieren, hat sie festgestellt. Beim VdK kennt man die bürokratischen Mühlen nur zu gut. Manchmal, so sagt sie, sei es nur eine Frage der Formulierung, woran ein Antrag scheitern könnte. Zwar würden sich die Formulare hin und wieder ändern, aber sie und Petra Jegl wissen um die Stolperfallen. Lachend bekennen sich die beiden Frauen zu ihrem „Helfer-Syndrom“. Sie sagen übereinstimmend: „Wenn jemand lächelnd geht, der traurig zu uns kam, dann beflügelt das.“

Ihre Motivation erwächst aus der Ungerechtigkeit, die Alten und Schwachen in unserer Gesellschaft leider noch allzu häufig widerfährt. „Wir sehen doch, wie viel Schlimmes es gibt und wie viele auf der Strecke bleiben, weil sie sich allein gelassen fühlen“, so Kerstin Reckusch. Weil sie selber wissen, wie es ist, wenn man zum Gutachter muss und wie man dabei mitunter behandelt wird, sagen sie den Betreffenden aber auch, was auf sie zukommt – und bestärken sie, um ihre Rechte zu kämpfen.Eigentlich hätte der VdK Ortsverband Weißwasser 2020 sein 30-jähriges Bestehen gefeiert. Doch wegen Corona wurde (noch) nichts daraus. Der Tag der offenen Tür war jetzt gewissermaßen die Rückkehr in die Öffentlichkeit. Bis 2016 hatte der VdK sein Domizil im Rathaus der Stadt, in einem kleinen Besprechungsraum unterm Dach. „Die Räume am Boulevard sind größer und einladender“, betont Petra Jegl. Ebenerdig und barrierefrei zugängig verfügt der VdK seither über einen großen Veranstaltungsraum und zwei Büros.

Ratsuchende werden immer jünger

Als Verband der Kriegsbeschädigten, Kriegshinterbliebenen und Sozialrentner Deutschlands war der VdK 1950 gegründet worden. Vom ehemaligen Kriegsopferverband wurde er im Laufe der Zeit zum Sozialverband VdK und setzt sich für soziale Gerechtigkeit ein. Bundesweit zählt der VdK etwa zwei Millionen Mitglieder.

Dem Ortsverband Weißwasser gehören 188 Frauen und Männer an. Viele Kriegsversehrte gebe es nicht mehr, weiß Kerstin Reckusch. Stattdessen würden die Hilfesuchenden immer jünger. Sie stünden häufig kurz vor dem Übergang zur Altersrente, seien zum Teil aber auch erst 30 Jahre oder noch jünger. Der VdK berät zum Renten- und Behindertenrecht, zur Gesetzlichen Kranken-, Pflege- und Unfallversicherung, zur Arbeitslosenversicherung und Grundsicherung. Für eine Beratung ist eine Stunde Zeit eingeplant. Es könne aber auch länger dauern oder mehrere Termine vonnöten sein. In Einzelfällen fahren Kerstin Reckusch oder Petra Jegl zu dem oder der Betreffenden nach Hause. Für eine allgemeine Beratung muss man kein Mitglied sein. Rechtlicher Beistand zur Durchsetzung von Ansprüchen bei Ämtern und Behörden wird aber nur Verbandsmitgliedern zuteil. Seit Juli 2021 sind die Sprechstunden in der Beratungsstelle wieder erlaubt. „Sie werden wunderbar angenommen“, freut sich die Vorsitzende des Ortsverbands.

Während der Corona-Pause wurde der Veranstaltungsraum gestrichen. Das fiel einigen Besuchern zum Tag der offenen Tür sofort ins Auge. Inzwischen sind die Vorbereitungen für das Herbstfest am 13. Oktober wie auch für die Weihnachtsfeier angelaufen. „Aber alles noch unter Vorbehalt“, dämpft Kerstin Reckusch die Vorfreude.

Ehrenamtssprechstunden des VdK jeden 1. und 3. Donnerstag 10 bis 13 Uhr, am 2. und 4. Donnerstag 14 bis 17 Uhr, Rosa-Luxemburg-Straße 20 in Weißwasser. Terminvergabe unter Telefon 03576 2529986 oder außerhalb dieser Zeit unter 035772 40957.

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