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Die Zukunfts-Baustellen von Weißwasser

Strukturwandel ist Chance und Herausforderung. Die Stadt arbeitet am erfolgreichen Umbau. Ein schwieriger Prozess.

Weißwasser will unbedingt den Bahnhof sanieren, weil er auch für Einpendler immer wichtiger wird.
Weißwasser will unbedingt den Bahnhof sanieren, weil er auch für Einpendler immer wichtiger wird. © Joachim Rehle

Moderne Architektur zwischen Wahrzeichen wie Wasserturm und Waldeisenbahn – Letztere fährt umweltfreundlich als Verkehrsmittel durch die Stadt – und Energiesegeln inmitten einer lebendig-grünen Stadt Weißwasser. So sieht Jens Harder, international bekannter Comiczeichner und Illustrator, seine einstige Heimatstadt. „Oase im Outback“ beschreibt er seine Utopie. Es ist eine von vielen Vorstellungen der Menschen darüber, wie Weißwasser einmal aussehen soll und kann. Schwerpunkte, Handlungsempfehlungen und Umsetzungsvorschläge dazu gibt es. 

Zusammengefasst in einem rund 80-seitigen Papier mit Titel „Vision Weißwasser 2035“. Erarbeitet wurde es 2016 mit Experten, Bürgern, Kommunalpolitikern, Wissenschaftlern im Rahmen des Bundeswettbewerbs „Zukunftsstadt“. Nun, da der Strukturwandel begonnen hat, können Inhalte mehr als Vision werden. Nämlich Leitfaden und Arbeitsgrundlage einer unverwechselbaren, selbstbewussten, kreativen, klugen und unverwechselbaren Stadtentwicklung. Soweit die Theorie. Praktisch hat Weißwasser gerade erst mit dem schwierigen Prozess eines erfolgreichen Umbaus begonnen. Die Problemfelder sind mannigfaltig, behindert durch leere Stadtkasse und schrumpfende Bevölkerung.

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Problem 1: Infrastruktur und Bahnhof

Einst erlebte Weißwasser seinen wirtschaftlichen Boom auch durch den Bau der Eisenbahntrasse. Im Zuge des Strukturwandels soll sie wieder für Aufschwung sorgen. Durch eine Schnellbahnverbindung zwischen Berlin-Görlitz über Weißwasser. Die Entwicklung des maroden und brachliegenden Bahnhofs ist daher ein städtischer Schwerpunkt. Bisher scheiterte das über drei Millionen Euro teure Sanierungsvorhaben stets daran, dass Eigentümerin Weißwasser nicht das Geld für den Eigenateil einer Bahnhofsanierung über Förderprogramme aufbringen konnte. „Mit dem Strukturwandel gibt es nun eine neue und vielleicht einzigartige Chance, den Eigenanteil auf 10 Prozent oder darunter zu bekommen. 

Gespräche des Oberbürgermeisters mit allen Gremien und Entscheidungsebenen ergaben durchaus positive Signale“, blickt Stadtsprecher Wulf Stibenz optimistisch voraus. Zudem sei es gelungen, den Bahnhof auf die Prioritätenliste zu setzen, über die Strukturwandelprojekte zeitnah umgesetzt werden sollen. „Durch den Einzug des Bundesamtes für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle gleich gegenüber dem Bahnhof sind die künftig über 100 Mitarbeiter ebenfalls auf gute Bahnanbindungen und einen funktionierenden Bahnhof angewiesen“, unterstreicht Stibenz die Notwendigkeit der Objektsanierung für die wirtschaftliche und touristische Gegenwart und Zukunft von Weißwasser.

Problem 2: Neubelebung von Brachen

Mitten in der Stadt soll ein autarkes Vorzeigeprojekt in Form eines Wohngebiets entstehen. Noch ruht die „Entwicklung der Brache Innenstadt II (Allbau/Ziegelei)“. Aber sie sei, heißt es aus dem Rathaus, über den Strukturwandel und damit verbundene Finanzierungsmöglichkeiten auf gutem Weg. „In der Kombination mit einem sanierten und genutzten Bahnhof soll die Innenstadt einen ganz neuen Charakter erhalten und Potenziale freisetzen, die in Kombination mit anderen Entwicklungen für die Stadt positiv sind, sagt Wulf Stibenz. Diese „anderen Entwicklungen“ umfassen beispielsweise Sanierung und Belebung der Glasfachschule. Hier sei, laut Stibenz, die Stadt mit mehreren Bildungseinrichtungen, Staatskanzlei, Strukturwandelorganisatoren, Bundes- und Landespolitikern – wie Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer und Bundestagsabgeordneter Thomas Jurk (SPD) ) – zur Thematik Bildung/Wissenschaft in Weißwasser in engem Kontakt. Auch und konkret mit Blick auf eine Helmholtz-Einrichtung.„Natürlich wäre es für Weißwasser ein wichtiges und positives Signal, wenn die Helmholtz-Gemeinschaft vor Ort wäre und auf dem Bildungs- und Wissenschaftssektor den Strukturwandel in der kernbetroffenen Region weiterbringt. Wir wollen gerne ein Helmholtz-Zentrum“, erklärt Oberbürgermeister (OB) Torsten Pötzsch. Noch gibt es keine Entscheidungen. Parallel laufen, laut OB, aber auch Gespräche mit anderen Bildungsträgern wie der TU Freiberg, weil in Weisswasser „neben dem Strukturwandel natürlich Potenziale durch Tagebau, Energiewirtschaft, Tourismus und vieles mehr genutzt werden können“. Fest steht: Die Thematik ist komplex, weil der Aufbau eines Hochschulstandorts oder Campus viel planerisches Geschick, Ideen, Kraft, Zeit und Geld beansprucht. Dies gilt ebenfalls für die erhoffte Reaktivierung von Traditionsobjekten wie Volkshaus, Neufert-Bau, ehemalige Schnitterbrauerei und Gelsdorfhütte.

Problem 3: Wegzug und Leerstand

Noch sind aufgrund des demografischen Wandels und anhaltenden Einwohnerrückgangs kommunale und private Wohnungswirtschaft gezwungen, Wohnraum durch Rück-, Teilrück-, Umbau zu reduzieren oder einfach leer zu lassen. Anhaltend ist ebenfalls das Sterben des Einzelhandels. Um eine Umkehrung zu erreichen, braucht es neben neuen Wohnformen und -angeboten, Marketingstrategien, gutem City-Management und vielen Ideen vor allem Arbeitsplätze und Zuzug in Weißwasser. Auch hier wird über den Strukturwandel auf Ansiedlung von Kreativwirtschaft, Wissenschaft und Bildung sowie die Erweiterung städtischer Gewerbegebiete und Programme zur Stärkung von Klein- und Mittelstand, Dienstleistung und Tourismus gesetzt. Nicht zuletzt hofft Weißwasser, durch die Schnellbahnanbindung als Wohnort für Großstädter und Pendler interessant zu werden.

Problem 4: Personal und Finanzen

Alle Vorhaben und Projekte müssen, um erfolgreich zu sein, in der Stadtverwaltung fachlich vorbereitet und begleitet werden: von Planung über Projektierung, Finanzierung, Antragstellungen bis Realisierung, Abschlussrechnung und Dokumentation. Die Stadt bräuchte dafür dringend zusätzliches Personal. Aufgrund eines Haushaltsdefizits von rund 3 Millionen Euro, einer Haushaltssperre und eines noch nicht genehmigten Haushalts ist das unmöglich. Zwar wurden die Personalstellen Sachbereich Finanzwirtschaft/Haushaltsplanung (Kämmerer) sowie Referatsleiter Bau ausgeschrieben. Hier handelt es sich aber um Stellennachbesetzungen. „Ansonsten steht der Stellenplan erst in den kommenden Monaten auf der Tagesordnung“, so Stadtsprecher Wulf Stibenz. Grund: Noch liegt der Haushalt aus, gilt eine Widerspruchsfrist bis Ende September. Erst danach ist klar, was die Stadt wofür ausgeben kann und darf, ob sie möglicherweise die beantragte Bedarfszuweisung vom Freistaat erhält. Kommt sie, sind die Bandagen weiter eng, darf das Geld weder investiert noch für Personal ausgegeben werden.

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