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Corona: Reitsportler fordern mehr Augenmaß

Obwohl auf Pferden Abstand kein Thema ist, geht es für Profireiter Philipp Schober und Vereine um die Existenz, auch um das Horkaer Pfingstturnier.

Philipp Schober überspringt mit seinem Pferd ein Hindernis beim Horkaer Pfingstturnier. Er hofft, das auch in diesem Jahr wieder tun zu können.
Philipp Schober überspringt mit seinem Pferd ein Hindernis beim Horkaer Pfingstturnier. Er hofft, das auch in diesem Jahr wieder tun zu können. © H.-E. Friedrich

Der Gewinner der ersten Umfrage nach dem populärsten Sportler des gesamten Landkreises Görlitz ist besonders hart von Corona getroffen. Springreiter Philipp Schober betreibt seinen Sport professionell, lebt von den Einnahmen als Reitlehrer, Ausbilder und Weiterentwickler von Springpferden, Einnahmen von Turnier-Preisgeldern und der Wertsteigerung erfolgreicher Pferde. In seinem Rothenburger Stall stehen seine eigenen Pferde, die er meist aufkauft, weiterentwickelt und gewinnbringend verkauft, aber auch eine ganze Reihe Springpferde fremder Besitzer, die ihr Pferd hier gegen ein Entgelt weiter ausbilden und von Schober bei Turnieren auch vorstellen lassen, immer auf eine Wertsteigerung hoffend

Ohne Wettkämpfe funktioniert des Geschäft nicht

Fast die komplette Geschäftsidee des 33-jährigen Rothenburgers ist Corona zum Opfer gefallen. In der kurzen Freiluftsaison 2020 fuhr Schober zwar einige Erfolge ein (Weltranglistenpunkte in Paderborn, gute Platzierungen im tschechischen Olomouc und im polnischen Michalowice, auch in Görlitz), aber jetzt passiert erst einmal nicht viel. Es gibt zwar auch jetzt Springturniere, zum Beispiel die Sunshine-Tour im spanischen Andalusien. Oder vereinzelt Turniere auch in Deutschland – mit einem strengen Hygienekonzept und verringerten Preisgeldern. Teilnahmen dort sind für den Rothenburger aber kaum zu stemmen, wären von vornherein ein Verlustgeschäft. Viele große Turnierveranstalter in Deutschland mit Prüfungen auf Profiniveau finanzieren sich zu einem erheblichen Teil aus Zuschauereinnahmen. Bleiben die wie jetzt wegen Corona aus, werden die Turniere komplett abgesagt oder eben auf Sparflamme gefahren. „Es lohnt sich dann weder für mich noch für die Pferdebesitzer, die mir ihre Pferde anvertrauen, die hohen Kosten für Anreise und Übernachtungen zu tragen.

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Wegen der mangelnden Aussicht auf Turnierstarts haben die Besitzer ihre Pferde inzwischen auch wieder abgeholt, versorgen sie kostengünstiger im eigenen Stall“, erklärt Philipp Schober die Situation. Fehlende Turniererfolge bedeuten auch fehlende Wertsteigerung der Pferde. Das Mit-Gewinn-Weiterverkaufen fällt weg. Und Reitunterricht zu geben, ist derzeit auch nicht erlaubt. Auf der anderen Seite laufen viele Kosten weiter. Die Pferde sind schließlich Lebewesen, müssen versorgt und auch bewegt werden. 14 Pferde hat Schober derzeit in seinen Ställen. „Manchmal kommen da schon die Gedanken, ob das alles noch Sinn macht“, sagt der erfolgreichste Springreiter der Region. Eine Steuerberaterin versucht, für ihn Zuschüsse ausfindig zu machen. Schober aber rechnet mit nicht mehr als einem „Tropfen auf den heißen Stein“.

Abstände beim Reitsport kein Thema

Trotz allem: Als in seiner Existenz bedrohter Unternehmer ist Philipp Schober kein Gegner aller Corona-Schutzmaßnahmen oder gar ein Corona-Leugner. Was er von der Politik fordert, ist eher mehr Augenmaß: „Die Reitfläche in meiner Halle ist 1.200 Quadratmeter groß. Ich kann da keine Ansteckungsgefahr erkennen, wenn ich zum Beispiel Einzelunterricht gebe.“ Und anderthalb Meter Abstand, in aller Regel viel mehr, würden ja beim Reitsport allein durch die Pferde ja automatisch eingehalten. Auch das Argument der Ansteckung bei der Anreise treffe in seinem Fall nicht zu. „Mit dem Pferd kann man ja schlecht den öffentlichen Nahverkehr nutzen“, sagt Schober augenzwinkernd. „Meine Reitschüler kommen seit jeher individuell mit einem Pferdeanhänger hier an, bereiten am Platz das Pferd vor und reiten von da sofort in die Halle oder auf den Reitplatz im Freien. Da gibt es keinen Kontakt, auch untereinander wäre der Abstand auf jeden Fall groß genug.“ Und zurück vom Reitplatz gehe es genauso.

An diesem Punkt deckt sich die Meinung des Profisportlers mit der von Matthias Barth, Präsidiumsmitglied des Landesverbandes Pferdesport in Sachsen, Vorsitzender des Horkaer Reitsportvereins RFV „Wehrkirch“ und als Sprecher auf vielen Turnieren im Landkreis präsent. „Diese Regelung zu Sportstätten, zu denen unsere Reitsportanlagen gehören, fällt uns wirklich gewaltig auf die Füße. Dabei wären bei uns nicht mal zehn Meter Abstand ein Problem. Die Flächen sind einfach vorhanden, und alles andere ließe sich organisieren“, erklärt Barth, im Beruf Tierarzt.

Vereine hoffen auf Lockerungen

Mehr Augenmaß statt eines strikten Verbots wäre auch aus seiner Sicht wünschenswert. Denn: Die Tiere müssen ja versorgt und bewegt werden, schon aus Tierschutzgründen. „Mein Privatpferd darf ich deshalb reiten, ein anderer aber eigentlich nicht, das wäre dann organisierter Sport“, nennt er eine schwer umzusetzende Folge der Bestimmungen. Andererseits will auch kein Verein Ärger mit den Ämtern haben. Aus Norddeutschland seien ihm Fälle bekannt, wo die Behörden auf den Reiterhöfen kontrolliert haben. „Für uns Vereine entstehen damit auch finanzielle Probleme. Wir haben nicht unerhebliche laufende Kosten. Und ob die Eltern unseres Reiternachwuchses noch lange Beitrag zahlen, wenn die Kinder nicht an geschweige denn aufs Pferd dürfen, ist alles andere als selbstverständlich.“

Barth hofft, dass im Frühjahr wieder Turniere durchgeführt werden können: Wir bereiten derzeit sogar den Breitensporttag am 17./18. April vor, natürlich samt eines Hygienekonzeptes.“ Auch wenn unklar sei, ab wann sich die Kinder auf einen solchen Wettkampf vorbereiten dürfen.

Horkaer Pfingstturnier wird geplant

Auch das große Horkaer Pfingstturnier soll stattfinden, am 22./23. Mai und ohne großes Festzelt. „Es wäre blauäugig von uns, jetzt mit Tanzveranstaltungen mit über 1.000 Leuten an drei Abenden zu planen. Wir wollen versuchen, möglichst den sportlichen Teil des Turniers auch mit Zuschauern durchzuführen“, sagt Barth, der auch weiß, das in vielen Jahren die Erlöse von Versorgung und Abendveranstaltungen das sportlich hochwertige Turnier finanziell mitgetragen haben. Trotzdem wollen zumindest die Horkaer Reitsportler das wirtschaftliche Risiko eines großen Turniers eingehen und hoffen, dass die Sponsoren den Verein weiterhin maßgeblich unterstützen.

Die Nachricht hört auch Philipp Schober gern. „Ich bin auf solche Turniere in der Region, an denen ich mit vielen Pferden ohne Übernachtungskosten teilnehmen kann, angewiesen, um meine Pferde weiter voranzubringen. Ich kann nur hoffen, dass möglichst viele Veranstalter diesen Mut aufbringen.“

Sicher ist das definitiv nicht, schätzt Matthias Barth ein. Einige Veranstalter versuchen bereits, ihre Frühjahrsturniere in den Herbst zu verlegen, wo der Terminplan aber schon eng wird. Verübeln kann man das keinem Verein. Schließlich passiert alles im Ehrenamt. Und wer will schon das finanzielle Risiko mit ungewissen Zuschauereinnahmen und das moralische Risiko negativer Corona-Meldungen auf sich nehmen, wenn auf der anderen Seite ein Riesenaufwand (Hygienekonzept und dessen Umsetzung) steht.

Philipp Schober sagt deshalb: Ich bin kein Träumer. Ich rechne, dass diese Freiluft- und auch die nächste Hallensaison nur stark eingeschränkt laufen werden.“

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