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„Für Olympia muss ich noch mal richtig reinbuttern“

Hochspringer Jonas Wagner zum Sensationserfolg in Dortmund, zum ersten Fernseh-Interview und den Auswirkungen der Top-Leistung.

Jonas Wagner überquert in Dortmund die Latte sicher. Nach seiner Steigerung auf 2,28 Meter will der 23-jährige Weißwasseraner im Sommer die Olympianorm angreifen – nochmal fünf Zentimeter mehr.
Jonas Wagner überquert in Dortmund die Latte sicher. Nach seiner Steigerung auf 2,28 Meter will der 23-jährige Weißwasseraner im Sommer die Olympianorm angreifen – nochmal fünf Zentimeter mehr. © Jan Hübner

Ein Weißwasseraner stand bei den deutschen Leichtathletik-Hallenmeisterschaften im Mittelpunkt. Der 23-jährige Jonas Wagner feierte im Hochsprung einen Außenseitersieg. Der Athlet des Dresdner SC hatte die nur viertbeste Vorleistung, übersprang aber als einziger 2,26 Meter und bewältigte auch noch die nächste Höhe 2,28 Meter. Seine Hallenbestleistung verbesserte er um gleich sechs Zentimeter. Wie er den Erfolg selbst wahrgenommen hat, wie es sich anfühlte, plötzlich vor der ZDF-Kamera zu stehen und was das für die Zukunft bedeutet, sagt er im TAGEBLATT-Interview.

Herr Wagner, haben Sie mit dieser Steigerung selbst gerechnet?

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Man liebäugelt ja immer mit so etwas. Ich habe nie darüber nachgedacht, was das gerade für mich bedeutet. Da liegt eine Höhe auf, auf die man sich konzentriert. Während des Wettkampfes ist einem gar nicht klar, was man da gerade abfeuert. Eine Stunde danach ist da bei mir eingesickert, was man da gerade erlebt hat.

Haben Sie während des Wettkampfes verfolgt, wie die als Favoriten gehandelten Hochspringer lagen oder blenden Sie das so weit wie möglich aus?

Tatsächlich habe ich mich arg davor gehütet, irgendwelche Berechnungen anzustellen. Ich habe gesehen, dass der Topfavorit Przybylko Fußprobleme hatte. Ich wusste aber auch, dass die zwei anderen, die in der Bestenliste vor mir standen, das Potenzial haben, den Titel zu gewinnen. Ich hab von Höhe zu Höhe gedacht, wollte einfach nur alles richtig machen, was ich in meinem Werkzeugkasten habe.

Bis 2,23 Meter lief alles glatt – alle Höhen im ersten Versuch. Fiel da was von Ihnen ab, weil sie ja eine persönliche Hallenbestleistung gesprungen waren, eine Medaille schon sicher hatten und Ihr Ziel damit vielleicht erreicht war?

Nach den 2,23 Metern habe ich mich zwar gefreut – aber nicht zu sehr, damit die emotionale Spannung nicht abfällt. Der Wettkampf war ja noch nicht zu Ende. Der spätere Vizemeister hatte diese Höhe ja auch im ersten Versuch geschafft, der spätere Dritte gepokert und diese Höhe ausgelassen. Ich habe mich gut gefühlt, warum soll ich mich übermäßig freuen, wenn ich weiß, dass ich noch mehr kann?

Dann sind sie an 2,26 Meter zweimal gescheitert. Was haben Sie im dritten Versuch anders gemacht?

Mein dritter Versuch war der letzte Versuch der Konkurrenz, die beiden anderen waren schon raus. Ich war also der einzige, der in diesem Wettkampf noch was zu sagen hatte. Das war ein cooles Gefühl, wenn man sich das bewusst macht. Das hat mich ein bisschen beflügelt. Ich bin mit einem Grinsen an den Anlauf gegangen, hab gedacht: Bleib locker und hau rein.

Das Unglaubliche, auch da, als der Titel schon feststand, ist Ihre Anspannung noch nicht abgefallen ...

Danach ging alles ziemlich schnell. Als die Uhr für meinen ersten Versuch über 2,28 Meter lief, hatte ich mich noch gar nicht akklimatisiert. Ich hätte noch Zeit gebraucht, erstmal wieder mein ,cool’ zu finden. Das war dann auch eine ziemliche Gurke. Eigentlich war ich erst vor dem dritten Versuch wieder richtig bereit.

Im Fernsehen war zu sehen, dass eine Trainerin Ihnen Hinweise gegeben hat. Hat Ihnen das geholfen?

Auf jeden Fall. Die Dortmunder Halle hat einen anderen Belag als unsere Trainingshalle. Man ist dort grundsätzlich schneller. Mein Trainer Jörg Elbe hat den Wettkampf zu Hause im Livestream mitverfolgt und ständig mit Brigitte Kurschilgen telefoniert. Er hat also technische Hinweise gegeben, die sie weitergab. Sie hat vor allem mein Tempo reguliert und den Ablaufpunkt.

Sie sind mit steigender Höhe also immer schneller angelaufen?

Das passiert mit der wachsenden Herausforderung fast automatisch. Außerdem wird man im Wettkampf dann auch richtig warm. Und ich bin ein Springertyp, der über die Geschwindigkeit kommt. Das Problem ist aber, die höhere Geschwindigkeit dann auch technisch so umzusetzen, dass man mit dem Körperschwerpunkt auch höher kommt, und nicht etwa nur weiter.

Dann ist Ihnen auch der Sprung über 2,28 Meter gelungen, und da schien sogar noch Luft zu sein. Wenn Ihnen das jemand vor dem Wettkampf gesagt hätte, dann ...

Ungläubig wäre ich nicht gewesen, aber verwundert wäre ich schon gewesen, vor allem weil ich zuvor mit kleineren Verletzungsproblemen zu tun hatte und ich mir eher Gedanken gemacht habe, ob alles hält.

Und Minuten später standen Sie vor der ZDF-Kamera, mit einem Millionenpublikum dahinter. Wie hat sich das angefühlt?

Das war für mich auch eine neue Situation. Zum Glück hatte ich in Gedanken und meinen Träumen schon mal trockengeübt, auch andere bei Interviews beobachtet. Ordentlich zu antworten, traue ich mir schon zu. Und das mit dem Millionenpublikum war mir in diesem Moment gar nicht so bewusst. Und ich war ja noch voller Adrenalin.

Sind jetzt Ihre Pläne über den Haufen geworfen?

Eigentlich war der Plan, nach diesem Wettkampf mit der Vorbereitung auf den Sommer zu beginnen. Aber jetzt kommt die Hallen-EM in Torun. Und mit meinem Studium muss ich auch einiges umorganisieren. Das wird jetzt ein wenig komplizierter, dieser Sprung könnte mir einige Türen geöffnet haben. Aber das ist ja ein Geschenk.

Sie sind ja im Moment auch kein Kaderathlet, trotz des sechsten Platzes bei der U23-EM 2019 und einem Bestwert von 2,24 Metern?

Im Corona-Jahr 2020 hatte ich ja nur sehr eingeschränkt, zum Beispiel lange zu Hause in Weißwasser im Wald, trainieren können und dann unter diesen Bedingungen für mich gute 2,20 Meter geschafft. Danach habe ich einen Brief bekommen, in dem sinngemäß stand, dass man bei mir eine Abwärtstendenz sieht und ich deshalb keinen Kaderstatus mehr erhalte. Das hat bei mir für viel Frust gesorgt. Durch den fehlenden Kaderstatus stand ja auch infrage, dass ich überhaupt zum Training in die Halle durfte. Ich bin meinem Verein unglaublich dankbar, dass sie eine Sonderregelung organisiert haben, dass ich doch in der Halle trainieren konnte. Da haben sich viele Leute für mich eingesetzt. Dieser Brief mit der Absage hat aber auch für zusätzliche Motivation bei mir gesorgt, es den Entscheidern zu zeigen, zumal beide Bundestrainer eine Empfehlung für mich ausgesprochen hatten. Und die Norm in meinem Altersbereich stand vergangenes Jahr bei 2,28 Metern, jetzt bei 2,30 Metern.

Mit dieser Höhe steht der im Moment bekannteste deutsche Hochspringer Mateusz Przybylko auf Platz zehn der Jahresweltbestenliste 2020! Man wird also nur gefördert, wenn man schon ganz nah dran ist an der Weltspitze?

Aus meiner Sicht ist da was dran. Es wird in Deutschland vielleicht eher nicht das Potenzial gefördert, sondern nur jemand unterstützt, der schon gut ist. Wenn man einmal diese Schwelle geschafft hat, scheint es dann etwas leichter zu sein, den Kaderstatus zu erhalten. Da werden auch mal nicht ganz so starke Jahre verziehen.

Mit Ihrem Erfolg in Dortmund ändert sich das?

Ich hoffe darauf. Einige Verantwortliche sind schon in Dortmund auf mich zugekommen. Es steht eine Nachnominierung im Raum.

Vor einigen Wochen hatten wir auch über Olympia gesprochen. Sie hatten damals gesagt, dass Ihnen die Verlegung der Spiele eigentlich gerade recht kommt und Sie sich eine kleine Chance ausrechnen. Ist das jetzt deutlich realistischer geworden?

Erstmal habe ich mich jetzt selbst überrascht. Mein Trainer hatte mir zwar schon gesagt, dass ich mein Potenzial mal zeigen soll. Jetzt in Torun will ich das Ergebnis bestätigen, beweisen, dass das keine Eintagsfliege war. Mit meinem jetzigen Niveau traue ich mir bei einer anderen Wettkampfgestaltung, also weniger Versuchen zuvor, auch 2,30 Meter zu. Und dann muss ich in der Sommervorbereitung noch mal richtig reinbuttern. Die Olympianorm steht bei 2,33 Metern.

Das ist ein Zentimeter unter der Jahresweltbestleistung 2020! Ist das nicht zu viel verlangt?

Deutschland will eben nur Athleten hinschicken, die eine Medaillen- oder mindestens eine Finalchance haben. Das macht aus Sicht des Verbandes sicherlich Sinn, ist für uns Athleten aber manchmal ziemlich hart. Ich für mich kann nur sagen, dass ich darum kämpfen werde. Mal sehen, was drin ist.

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