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Viele Vorschläge, aber keine Einigung

Weißwassers Stadtrat befasste sich in kontroverser Debatte mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Volkshauses.

Dieses Luftbild entstand 2018. Da war das Volkshaus zwar schon lange eine leerstehende, ungenutzte, sanierungsbedürftige Brache, aber nicht zerstört.
Dieses Luftbild entstand 2018. Da war das Volkshaus zwar schon lange eine leerstehende, ungenutzte, sanierungsbedürftige Brache, aber nicht zerstört. © Marcus Hentschel

Volkshäuser sollten „das schönste Haus der Stadt sein ... schöner als die Kirche der Vergangenheit“ fordert der Dessauer SPD-Vordenker Heinrich Peus schon 1913. Von Anfang an sind solche Gebäude mehr als Gast- oder Vereinshäuser. Sie verkörpern den Anspruch der Arbeiterbewegung auf Teilhabe am gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Leben. Mit der Wende verfielen viele Gebäude. Betreibung und Nutzung? Unwirtschaftlich. So auch in Weißwasser, wo das Haus seit 2006 leer steht. Seit dem Großbrand am 25. April 2021 schlagen die Wellen der Emotionen hoch, ist der Ruf nach Wiederaufbau laut.

Am Dienstag tagte der Stadtrat Weißwasser in öffentlicher Sondersitzung zum Volkshaus. „Ich kann das große Interesse nach Informationen und einer Perspektive gut nachvollziehen“, erklärte Oberbürgermeister (OB) Torsten Pötzsch. Doch er bat um Geduld, da „nur mit sicheren Daten, polizeilicher Überführung der Tatverdächtigen, intensiven Recherchen und Abfragen zu Fördermöglichkeiten und -kombinationen große und weitreichende Entscheidungen“ getroffen werden könnten.

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Wie ist die Lage nach dem Großbrand?

Der Gebäudeteil mit Saal und Treppenhaus ist zerstört. Löschwasser und Ruß zogen weitere Bereiche in Mitleidenschaft. Schaden in Millionen-Euro-Höhe entstand. Laut Bauamtsleiterin Dorit Baumeister soll am 17./18. Mai das statische Sicherungskonzept vorliegen. Mit dem kompletten Gebäudegutachten rechne man Anfang Juni. Erst dann könne der Brandschutt beräumt werden, „... größtenteils Sondermüll und von Logistik bis Mengenberechnung nicht einfach.“ Im Juni-Stadtrat werde eine Auflistung eventueller Fördermöglichkeiten für Wiederaufbau und Sanierung ebenso vorgelegt wie ein Vorschlag zur Durchführung eines bürgerbeteiligten Verfahrens für ein betriebsfähiges Nutzungskonzept. Aussagen zur genauen Schadenssumme und das Gutachten der Gebäudeversicherung erwarte sie im Herbst.

Waren Sicherung und Zugang geregelt?

Auf Anfragen der Fraktionen Klartext sowie CDU/SPD erläuterte der OB, dass die „Initiative Freunde des Volkshauses“ Zugang zum Volkshausgarten und einer Garage hatte, eben so Mitarbeiter der Stadt (vorwiegend des Referats Bau) und Hausmeister. Nach Absprache im Bereich OB durften auch Wissenschaftler/Forscher (Bauhaus), Journalisten und Baukultur-Interessierte Gebäudeteile betreten. Umso erstaunter zeigte sich die Rätin und stellvertretende Vorsitzende der Denkmalkommission, Kathrin Jung (SPD), dass ihr 2019 der Zugang mit der Denkmalkommission verwehrt wurde; Jugendlichen der Medienstube, die zwei Tage vorm Brand ein Video im Volkshaus drehten, aber nicht. „Darauf hätte ich schon gerne einmal eine Antwort.“

Was die Sicherung betreffe so sei das Gebäude laut Pötzsch verschlossen und an Türen und Fenstern zusätzlich gesichert gewesen. Erfolgt seien jährlich protokollierte Objektbegehungen, ferner unregelmäßige Rundgänge durch Hausmeister – und bei festgestelltem Bedarf auch Reparaturen und Instandhaltungen an Dach, Fassade und Dachrinnen. „Eine Liste der in den letzten sieben Jahren ausgelösten Aufträge liegt im Referat Bau aus“, erklärte Pötzsch.

Wo ist das Versicherungsgeld von 2006

Da in jenem Jahr das Volkshaus schon einmal brannte, wollte die Fraktion Klartext wissen, wieviel Geld floss. Laut Pötzsch waren es in Raten rund 147.000 Euro Versicherungsgelder. Aktuell prüfe die Verwaltung alle Kontoauszüge und -bewegungen von 2006 und 2007 händisch, da erst danach die digitale Erfassung kam. Somit sei momentan keine gesicherte Auskunft möglich. Die bisherige Recherche habe ergeben, dass mit dem Geld Rechnungen (so für Brandschuttbeseitigung und Abbruchmaßnahmen) bezahlt wurden. Die Verwendung des Rests von 43.000 Euro werde mit bei der Haushaltsprüfung 2006/07 geprüft.

Gab es Ideen zur Neubelebung?

Ja. Im Vorfeld des Tages der Sachsen in Weißwasser sollte das seit 1995 unter Denkmalschutz stehende Volkshaus für rund vier Millionen Euro umgebaut und saniert werden. Das Vorhaben war im Haushalt 2004/05 verankert, erhielt aber keine Bewilligung des Fördermittelantrages. Daraufhin beschloss der Stadtrat am 30. März 2005 die Nichtdurchführung des Projekts. Im Juni 2009 gab es einen neuen Anlauf im Rahmen der EFRE- (Europäischer Fonds für regionale Entwicklung) Förderung, da mehrere Vereine Interesse an Einzug und betriebsfähiger Nutzung des Volkshauses bekundet hatten. Der erteilte Zuwendungsbescheid musste wegen der Haushaltssperre der Stadt widerrufen werden. Die nötigen Eigenmittel fehlten damit, weshalb der Stadtrat im September 2009 den Beschluss aufhob. 2018 erfolgte eine Antragstellung zur Sanierung über das Bund-Länder-Programm „Stadtumbau“, wofür zwei unabhängige Nutzungskonzepte und eine Stellungnahme des Landesamtes für Denkmalpflege eingereicht wurden. Beantragt wurden 500.000 Euro für die Realisierung in 2020 und 2021. Der Antrag wurde mit der Begründung abgelehnt, dass „die Nutzungsperspektiven nur grob benannt und ohne mögliche Betreiberstrukturen“ seien.

Gibt es ein Nutzungskonzept?

Weder aus der Bürgerschaft oder einem der über 160 in Weißwasser und dem Umland ansässigen Vereine oder Organisationen und Unternehmen liegt aktuell ein realistisches Konzept vor. Zuletzt hatte sich 2016/17 der Verein „Mobile Jugendarbeit“ für das Volkshaus interessiert und ein Konzept vorgelegt. Das lehnte der Stadtrat ab.

Wie geht es nun weiter?

Da Weißwasser „eine kulturelle Mitte“ fehle, stellte Hans-Eckard Rudoba für Die Linke, Klartext, Für unser Weißwasser und Kinder und Jugendliche im Kreistag (KJiK) den Antrag, ein durch Bürgerbeteiligung erstelltes Nutzungskonzept aufzustellen und Finanzierungsquellen zu prüfen. Die Fraktion CDU/SPD beantragte eine Willenserklärung des Stadtrates zu Wiederaufbau und Sanierung. Er ist bislang nicht vorhanden, wäre aber „ein starkes Signal“ in Richtung Bürger und politisch Verantwortlicher bis zum Bund, begründete Kathrin Jung. Es sei nicht unrealistisch, so Jung weiter, dass sich weitere Behörden in Weißwasser ansiedeln und dadurch eine adäquate Nutzung möglich werde. Dem widersprach Timo Schutza (Klartext): „Eine Willenserklärung kann erst folgen, wenn ein tragfähiges Konzept vorhanden ist.“ Der Grundtenor „Bürgerbeteiligung“ sei jedoch unstrittig. Jens Glasewald (AfD) verwies auf das im Februar vorgelegte AfD-Konzept für ein Innovations-, Kultur- und Gründerzentrum.

Pötzschs Einwand, dass es zurückgezogen und nicht Antrag im Sonderstadtrat sei, konterte Glasewald: „Wir wollten keine politische Diskussion, sondern einen Grundsatzbeschluss –´und Gemeinsamkeiten herausarbeiten. Wir reichen den Antrag nach.“ Denn dass eine Abstimmung erst in einer nächsten Ratssitzung möglich ist, war allen klar. Bernd Frommelt (KJIK) erklärte indes, dass für ihn der Volkshaus-Aufbau außer Frage stehe. „Nicht als Kulturstätte, aber um es als Denkmal zu erhalten.“ Denn Bedarfe hätten sich geändert.

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