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Voller Energie von Anfang an

Vor 50 Jahren ging das Kraftwerk Boxberg ans Netz. Ingeborg Kube war als erste Angestellte schon beim langwierigen Bau dabei.

Ingeborg Kube, die „erste Kraftwerkerin“ erinnert sich gern an die Zeit in Boxberg, das vor genau fünfzig Jahren das erste Mal ans Netz ging.
Ingeborg Kube, die „erste Kraftwerkerin“ erinnert sich gern an die Zeit in Boxberg, das vor genau fünfzig Jahren das erste Mal ans Netz ging. © Foto: Steffen Bistrosch

Von Steffen Bistrosch

Sie hat es nicht leicht gehabt im Leben. Weitergekommen ist sie trotzdem immer. Meistens mit einem Lächeln. Seit über achtzig Jahren ist das so.Vor sechzig Jahren arbeitete die junge Industriekauffrau Ingeborg Knobloch bei der geologischen Bohrung in Doberlug Kirchhain. Gesucht wurde Kupfer und Kohle, gefunden haben sie meistens Braunkohle. Drei Jahre war sie dabei, dieses „Hin und Her“ von Weißwasser und dem Baugeschäft der Eltern in Weißwasser behagte ihr nicht so recht. In der Zeitung stand, in Boxberg würden Leute für ein Kraftwerk gesucht. Kaufleute, zum Beispiel.

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Am 5. Mai 1961 unterzeichnete die 21-Jährige ihren ersten Arbeitsvertrag in der „Aufbauleitung Kraftwerke Boxberg“. Sie bekam ein Büro in einer der drei Holzbaracken, die kurz vorher auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz von der Armee geräumt worden waren. Ihre inoffizielle Berufsbezeichnung lautete „Mädchen für Alles“, erzählt sie lachend. Ein halbes Jahr später war vorerst Schluss. Von den rund 40 der ersten Boxberger Planungsphase blieben acht Leute übrig, die das nunmehr „zurückgestellte“ Projekt bis zum Wiederanlaufen betreuen durften.

Die Sowjetunion half beim Bau

Hinter vorgehaltener Hand wurde erzählt, für den Bau eines Kraftwerkes sei kein Geld da. Drei Jahre vergingen und dann startete das Projekt mit Hilfe der Sowjetunion durch. Dreitausend Megawatt sollte das Kraftwerk jetzt leisten, vierzig Jahre lang. Ab Mai 1966 nannte sich das Projekt „Großbaustelle der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft“, am 1. Januar 1968 wurde das Kraftwerk Boxberg ins Handelsregister eingetragen.Die inzwischen verheiratete Ingeborg Kube war offiziell die erste der zunächst 70 Mitarbeiter. Für die Belegschaft wurde der Eintritt in die „DSF“, die Gesellschaft für „Deutsch-Sowjetische Freundschaft“ angeordnet, erinnert sich die frühere Kraftwerkerin. In Spitzenzeiten arbeiteten bis zu achttausend Bauarbeiter auf der Baustelle. Im Dezember 1970 war Ingeborg Kube hochschwanger, als die Buchhaltung in das neue Verwaltungsgebäude im fünften Stock einzog. „Ohne Fahrstuhl!“ Vielleicht hatte es Tochter Ines deshalb etwas eiliger als geplant, auf die Welt zu kommen.

Der erste Kohlezug wird gefeiert

So sah das Kraftwerk als Baustelle aus.
So sah das Kraftwerk als Baustelle aus. © Foto: Archiv Leag
Der historische Augenblick, in dem im Mai 1971 um 19.38 Uhr das Kraftwerk Boxberg durch Schaltmeister Lothar Söldner (vorn) erstmals an das Netz ges
Der historische Augenblick, in dem im Mai 1971 um 19.38 Uhr das Kraftwerk Boxberg durch Schaltmeister Lothar Söldner (vorn) erstmals an das Netz ges © Foto: Archiv Leag
Die Sprengung der Türme war spektakulär und wurde mit moderner Technik festgehalten.
Die Sprengung der Türme war spektakulär und wurde mit moderner Technik festgehalten. © Foto: Archiv Leag

Schon im April war Ingeborg Kube wieder an ihrem Arbeitsplatz. Gerade rechtzeitig, um am 18. Mai den ersten Kohlezug aus dem Tagebau Lohsa im Kraftwerk begrüßen zu können. „Wir standen alle am Grabenbunker und haben uns gefreut, das musste doch gefeiert werden“, erinnert sie sich. Am 24. Mai um 19:38 Uhr erfolgte die erste Netzschaltung in Boxberg. Manchmal wurden die Büroleute zum Saubermachen in die Produktion abgestellt, dann konnte sie sich das Maschinenhaus aus nächster Nähe betrachten. Es hat gedampft, es war laut und das Laufen auf den Lichtgitterrosten in luftiger Höhe war nichts für sie. „Großen Respekt“, hatten sie. „Wir waren alles junge Leute, ein junger Betrieb, wir haben gemeinsam gearbeitet und die Freizeit verbracht.“ Mit einem Sonderzug ausschließlich für Kraftwerker sei sie sogar mal in Moskau gewesen. „Schöne Zeiten waren das“, sagt sie.

Vor 60 Jahren wurde der Lohn per Hand gerechnet, das Geld eingetütet und am Monatsende übergeben. Mit der Zeit hielt der technische Fortschritt Einzug, die ersten Maschinen kamen, die ersten Rechner. Zur Wendezeit war sie Gruppenleiterin in ihrer Abteilung. Der Personalbestand im Kraftwerk verkleinerte sich drastisch. Kündigungen, Ausgliederungen, Ruhestandsreglungen… Für Ingeborg Kube war 1994 Schluss. „Schweren Herzens“. „Bis heute treffen wir alten Kollegen uns regelmäßig, feiern zusammen die runden Geburtstage.“

Auch der Enkel ist Kraftwerker

Was wäre ohne das Kraftwerk gewesen? Darauf findet sie keine rechte Antwort. „Irgendetwas“, meint sie schließlich, und „aber das war das Beste, was ich machen konnte!“ Was bleibt? Das selbstgebaute Haus am Totenteich zum Beispiel und „Schöne Erinnerungen“. Das Kraftwerk ist jetzt sechzig Jahre alt und immer noch am Netz.Und sie hat Tochter und Sohn, sechs Enkel und den ersten Urenkel. „Die Jugend erhält mich jung“, lacht sie. Ihr Enkel David arbeitet schließlich drüben im Kraftwerk. Ein guter Job. Was fehlt? „Das Reisen, das Treffen mit den Kollegen von damals“. Was liegt jetzt an? Fahrradfahren zum Beispiel, gerne mal fünfzig Kilometer am Stück. Warum? Weil lange noch nicht Schluss ist. Mit der Kraft, dem Optimismus und dem Lächeln sowieso nicht. Das ist gut so.

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