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Weißwasser baut Alltagsbarrieren ab

Immer wieder machen sich Menschen mit Behinderungen für Erleichterungen in der Stadt stark. Das hilft allen Bürgen.

Nachdem die Vorarbeiten abgeschlossen waren, haben Mitarbeiter der Firma Beil in der Vorwoche damit begonnen, an der Bushaltestelle am Krankenhaus-Berg in Weißwasser ein überdachtes Wartehäuschen zu errichten. Voraussichtlich Ende Juli wird es fertig u
Nachdem die Vorarbeiten abgeschlossen waren, haben Mitarbeiter der Firma Beil in der Vorwoche damit begonnen, an der Bushaltestelle am Krankenhaus-Berg in Weißwasser ein überdachtes Wartehäuschen zu errichten. Voraussichtlich Ende Juli wird es fertig u © Sabine Larbig

Fast täglich arbeitet Brigitte Schönsee an ihrem PC. Als sie kürzlich ihre Mails las, freute sie sich besonders über eine von der Stadtverwaltung. Darin teilt man ihr mit, dass ein überdachtes Buswartehäuschen an der Haltestelle Boulevard, sprich Krankenhaus-Berg, aufgebaut wird.

„Das ist wirklich eine gute Nachricht. Auf das Bushäuschen, das viele Bürger bei der Stadt forderten, warten wir ein Jahr“, erzählt die sehbehinderte Weißwasseranerin, die sich seit 1981 in ihrer Heimatstadt für Barrierefreiheit einsetzt. Nicht allein aus persönlichen Gründen. Alltagserleichterungen, sagt die Seniorin, kämen nicht nur Menschen mit Behinderung, sondern auch Bürgern mit Rollatoren, Menschen mit Gipsbein, Familien mit kleinen Kindern und Kinderwagen sowie allen Einwohnern und Besuchern zugute. Das neue Bushäuschen sei ein gutes Beispiel dafür.

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Neues Bushäuschen erreicht

„Bislang waren Fahrgäste stets Wind und Wetter ungeschützt ausgesetzt. Auch die dort ein- und aussteigenden Schulkinder.“ Dank der Wartehalle sei dies vorbei. „Es gibt da künftig sogar eine Sitzbank und ein Bodenleitsystem für Blinde und Sehbehinderte, was mich als Betroffene sehr freut.“ Und weil die Wartehalle für viele eine Erleichterung ist, plant Brigitte Schönsee mit Lehrern und Anwohnern eine „kleine Einweihung“ nach den Sommerferien. Auch als Dank an die Stadt, die sie trotz knapper Haushaltskasse errichtet. „Da es im gegenseitigen Interesse war, war es kein Kampf“, bekennt Brigitte Schönsee. Kämpfe habe es in den letzten Jahrzehnten zwischen der Ortsgruppe des Blinden- und Sehbehindertenverbandes Sachsen (BSVS), Stadt, Eigentümern oder Behörden dennoch gegeben. „Auch, wenn manches lange dauerte, konnten wir viel Barrierefreiheit in Weißwasser erreichen“, sagt sie.

Die Auflistung der Projekte würde bereits drei A4-Seiten füllen. Darunter seien Großprojekte wie Fahrstuhleinbauten in der Stadtbibliothek, im Rathaus und an der Saschowa-Wiese; ein Behinderten-WC am Turm am Schweren Berg; Leitstreifen und Bodenindikatoren bei Bahnhof und Busbahnhof; akustische Signale an Fußgängerampeln an städtischen Hauptstraßen. Selbst kleine, aber für betroffene wichtige, Dinge, wie spezielle Briefkästen für Blindensendungen, Freizeitangebote oder ein Geländer an der Ausflugsgaststätte „Waldhaus“ seien erreicht worden. Verweisen können Brigitte Schönsee und Mitstreiter mit Stolz ebenfalls auf die erfolgreiche Beteiligung an der Mission Olympic in Weißwasser mit 288 Teilnehmern oder die 2012 erfolgte Gründung des Reha-Sportvereins mit sieben und heute fast 100 Mitgliedern.

„Und es gab bei unserer Ortsgruppe sogar verschiedene Untergruppen. Die kümmerten sich um das Thema Reisen, veranstalteten Mobilitätstrainings, machten Vorträge und sogar Öffentlichkeitsarbeit in Schulen, um die Bevölkerung für die Belange Behinderter zu sensibilisieren“, erklärt sie. Das wirke bis heute nach. „Die Weißwasseraner sind liebenswert, freundlich und aufmerksam. Ich persönlich kann mich nicht beklagen. Noch immer helfen mir die Menschen, führen sie mich. Ich bin dafür sehr dankbar“, so die 77-Jährige.

Engagement trotz Vereinsauflösung

Seit Januar 2021 gibt es die Ortsgruppe des BSVS, der zur Wende noch 63 Mitglieder, später 30 und zuletzt sieben hatte, nicht mehr. Zwar wird sich noch sporadisch getroffen. Brigitte Schönsee ist das aber zu wenig. Sie will sich weiter einbringen, Verbesserungen für Behinderte erreichen. Daher ist sie nun Mitglied im Verein Pro Retina Deutschland, arbeitet im Arbeitskreis Barrierefreiheit/Mobilität mit. „Es gibt ja noch immer einiges in Sachen Barrierefreiheit zu tun. Auch in Weißwasser“, begründet sie. Und so setzt sie sich, immer wenn sie hört oder liest, dass in der Stadt wieder etwas gebaut oder saniert werden soll, stets mit der Stadtverwaltung in Verbindung.

Ihre Mission: weniger Alltagsbarrieren. Der Einsatz lohnt sich. Blinde, Rollstuhlfahrer oder Menschen mit anderen Behinderungen konnten Bauexperten und Verwaltung schon viele wichtige Tipps und Hinweise geben. Eingeflossen sind sie in den Umbau des Amtsgerichts, den Bau öffentlicher Toilettenanlagen oder die Absenkung von Übergängen und Bushaltestellen. „In Weißwasser hat sich wirklich schon sehr viel getan für Behinderte, weshalb wir im Landkreis Görlitz an führender Stelle stehen“, lobt Brigitte Schönsee ihre Stadt.

Akustische Ampelsignale im Visier

Dieser, mit Ampel versehene Fußgänger- und Radfahrer-Überweg an der Bautzener Straße, zwischen Ingenieurschule und Ecke Puschkinstraße, ist stark frequentiert und soll daher auch ein akustisches Signal erhalten.
Dieser, mit Ampel versehene Fußgänger- und Radfahrer-Überweg an der Bautzener Straße, zwischen Ingenieurschule und Ecke Puschkinstraße, ist stark frequentiert und soll daher auch ein akustisches Signal erhalten. © Joachim Rehle

Trotzdem gibt es noch Dinge, für die sich Betroffene, Vereine, Unterstützer, Kommune und Behörden seit Jahren mehr oder weniger mit Erfolg stark machen. Zum einen sind das überdachte, barrierearme Bushaltestellen. Zum anderen sind es Leitlinien an öffentlichen Plätzen oder Einrichtungen, wie Sorauer Platz und Tierpark sowie bessere Busverbindungen in die Außenbereiche Weißwassers. „Wer nicht Rad fahren oder weit laufen kann, kommt nur sehr schlecht oder gar nicht zum Reha-Sport im Alten Dorf, zum Kursana, zu Veranstaltungen in der Telux oder Ausflugszielen“, begründet Schönsee. Und sie setzt sich für mehr akustische Ampeln ein, da diese – ihrer Meinung nach – auch Kinder oder unachtsame Fußgänger und Radfahrer besser wahrnehmen.

Konkret geht es ihr um den Übergang Bautzner Straße/Ingenierschule. Da er an der Bundesstraße liegt, ist jedoch das Landesamt für Straßenbau und Verkehr zuständig. Brigitte Schönsee lässt sich davon nicht entmutigen, schreibt seit Jahren fleißig Mails und telefonierte solange, bis sie Verantwortliche überzeugen konnte und die Zusage für den Einbau des akustischen Signals bekam. Der sollte bis Weihnachten 2020 erfolgen, verschob sich aber durch Corona. Mit der Aussage gibt sich die vehemente Verfechterin für weniger Barrieren im Alltag aber nicht zufrieden. „Wie bei allen anderen Dingen bleibe ich auch hier dran. Schließlich ist schon wieder Sommer“, erklärt Brigitte Schönsee, die längst mit anderen Projekten beschäftigt ist und für Umsetzung kämpft.

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