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Wie Inklusion in Weißwasser funktioniert

In Weißwasser warb eine Aktion des virtuellen Laufens für mehr Inklusion. Denn die soll im Alltag auch gelebt werden.

Meine Stimme für Inklusion – in Weißwasser wurde sie durch sportliche Bewegung erhoben. Marina Reider, Vorsitzende des Gesundheits- und Rehasportvereins Weißwasser, hatte dazu aufgerufen. 1.561 Kilometer standen am Ende zu Buche.
Meine Stimme für Inklusion – in Weißwasser wurde sie durch sportliche Bewegung erhoben. Marina Reider, Vorsitzende des Gesundheits- und Rehasportvereins Weißwasser, hatte dazu aufgerufen. 1.561 Kilometer standen am Ende zu Buche. © Constanze Knappe

Gleichstellung für Menschen mit Behinderung, das ist alljährlich das Anliegen eines europäischen Protesttages, der am 5. Mai begangen wird. Der Gesundheits- und Rehasportverein Weißwasser hat zu diesem Anlass schon zweimal eine Familienolympiade veranstaltet. Doch in Corona-Zeiten ist daran nicht zu denken. So gab Vereinschefin Marina Reider diesmal den Startschuss zu einer Aktion des virtuellen Laufens unter dem Motto „Deine Stimme für Inklusion – mach mit!“

Ob Laufen, Gehen, Walken oder Radfahren, das blieb jedem selbst überlassen. Hauptsache, man bewegte sich. Eine Distanz von fünf Kilometern pro Teilnehmer war vorgegeben. Die konnte man am Stück oder im Verlaufe der vorigen Woche an mehreren Tagen bewältigen. Am Ende stehen 1.561 Kilometer zu Buche. Oder anders gesagt: 312 Stimmen für die Inklusion.„Für eine Kleinstadt wie Weißwasser ein beachtliches Ergebnis“, stellte Marina Reider fest. „Während andere für das Thema demonstrieren, haben wir dem Anliegen durch Bewegung eine Stimme gegeben“, erklärte sie. Die Vereinsvorsitzende freut sich über das Endergebnis. Denn unter den Teilnehmern waren zum Beispiel auch zwei schwerbehinderte Menschen, die mit ihrem Dreirad 18 bzw. 20 Kilometer bewältigten. Ein Beispiel für Inklusion, wie sie zwar gesetzlich geregelt, aber längst noch nicht im Alltag selbstverständlich ist.

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Trotz Handicap am Leben teilhaben

Für „mehr Miteinander statt Nebeneinander“ zu werben, ist Anliegen des europäischen Protesttages zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung. Er macht auf die Situation der Betroffenen aufmerksam, will Menschen mit Handicap unterstützen und ermuntern, sich noch stärker für ihre Rechte einzusetzen. Inklusion bedeutet für sie die selbstverständliche Teilhabe am gesellschaftlichen Leben wie andere auch. Silke Krahl, die Leiterin des Generationentreffs SpinnNetz in Weißwasser, bringt es auf eine einfache Formel: „Es geht darum, die Menschen zu nehmen, wie sie sind – mit ihren Stärken, ihren Schwächen und ihren Besonderheiten.“ Einen speziellen Beitrag zu diesem Protesttag hatte der Generationentreff selber nicht vorbereitet. Und das lag nicht nur daran, dass wegen der Pandemie noch immer keine Veranstaltungen stattfinden dürfen. „Es geht nicht um Inklusion an einem solchen Aktionstag, sondern darum, sie im Alltag zu leben“, das erklärte Silke Krahl am Sonnabend in einer Videokonferenz.

Veranstaltet wurde diese vom Gesundheits- und Rehasportverein Weißwasser zum Abschluss seiner Aktionswoche. Diskutiert wurde darüber, wie in der Region Teilhabe-Barrieren sichtbar gemacht und vor allem an deren Beseitigung gearbeitet werden kann. Der im Mai 2018 gegründete Gesundheits- und Rehasportverein bietet gesundheitlich stark angeschlagenen wie behinderten Menschen die Möglichkeit, gemeinsam Sport zu treiben. Trainiert wird im Saal des Generationentreffs SpinnNetz am Sorauer Platz. Normalerweise. Denn unter Corona-Bedingungen musste der Übungsbetrieb weitgehend ruhen.

„Die Trainingsräume im SpinnNetz sind gut geeignet für Menschen mit Handicap, sind selbst für Rollstuhl und Rollator leicht zugänglich“, sagte Marina Reider. Das bestätigte auch Silke Krahl. 2007 war das Gebäude umgebaut worden. Noch heute sei sie der Stadt dafür dankbar, erklärte die Chefin des Generationtreffs auf Nachfrage von TAGEBLATT. Doch inzwischen sei die Entwicklung weitergegangen, würde man heute manches anders sehen, sei auch der Stand des Wissens ein anderer.

„Vom Parkplatz ins Haus zu kommen, gestaltet sich schwierig. Entweder man macht einen großen Umweg oder man quält sich doch die Treppe hoch“, benannte Silke Krahl als Beispiel. Oft seien es Hindernisse wie diese, die von Nichtbetroffenen nicht wahrgenommen werden, weiß sie aus eigener Erfahrung. „Seit zwei Jahren bin ich auf den Rollator angewiesen. Da werden andere Dinge wichtig, die man vorher nicht bemerkt hat“, sagte sie.

Für Inklusion noch viel zu tun

Marina Reider weiß, dass noch mehr Schwerbehinderte die Angebote des Gesundheits- und Rehasportvereins zu gemeinsamer Bewegung unter fachkundiger Anleitung nutzen würden. Doch für einige stellt sich die Frage, wie sie angesichts ihres Handicaps zur Übungsstunde hinkommen sollen. Öffentliche Verkehrsmittel würden da nur bedingt weiterhelfen. Sehr nützlich wäre ein Fahrzeug, welches die behinderten Menschen zu Hause abholt, zum Training bringt und wieder nach Hause fährt. Über die Aktion Mensch gebe es sogar Fördermittel dafür. Doch für einen kleinen und noch dazu jungen Verein wie den Gesundheits- und Rehasportverein Weißwasser sind selbst die zehn Prozent Eigenmittel, die man beisteuern muss, ein nicht zu überwindendes Hindernis. Erst recht in der aktuellen Situation, in der jegliches Training ruht und damit Einnahmen fehlen.

Ersatzweise hat Marina Reider über Livestream ein digitales Angebot für gemeinsame Trainingsstunden auf die Beine gestellt. Doch auch dabei offenbart sich ein Problem der Teilhabe: „70 Prozent der Teilnehmer sind über 65 Jahre und die wenigsten haben die technischen Möglichkeiten dazu“, erklärte sie. In einigen Fällen sei sie zu den Betreffenden nach Hause gefahren, um Programme zu installieren. Doch die meisten hätten gar keinen Computer. „Es wird allzu oft vergessen, dass viele ältere Menschen mit der Technisierung gar nichts anfangen können“, gab Silke Krahl zu bedenken. Zudem dürfe Digitalisierung nicht die persönlichen Kontakte ersetzen.

Am Ende war sich die Runde einig, dass es in Sachen Inklusion noch viel zu tun gibt. Eine Teilnehmerin nahm für sich mit, „aufmerksamer zu sein gegenüber Menschen mit Handicap“. Schließlich könne es jeden treffen. Denn ein Großteil der körperlichen Beeinträchtigungen sei nicht angeboren, sondern entstehe im Laufe des Lebens durch Unfall oder Erkrankungen. Marina Reider fasste es so zusammen: „Gesunde sollten keine Angst haben, auf Behinderte zuzugehen. Man bekommt so viel positives Feedback zurück.“ Die Vereinsvorsitzende hofft, dass die Aktionswoche Anlass ist, über Inklusion nachzudenken. Sie würde sich wünschen, dass es noch besser gelingt, verschiedene Angebote für Behinderte in Weißwasser zu vernetzen.

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