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Wie Kinder besser sprechen lernen

In der Kita „Regenbogen“ in Weißwasser nutzen Kinder des Öfteren die "Plapperwiese" – in einem vom Freistaat geförderten Projekt.

Seit 2016 läuft das Projekt „Kinder stärken“ in der Kita „Regenbogen“ in Weißwasser. Sozialarbeiterin Anett Jüttner (li.) und Leiterin Stephanie Grünler hoffen für die Kinder sehr, dass es nach 2022 fortgesetzt wird.
Seit 2016 läuft das Projekt „Kinder stärken“ in der Kita „Regenbogen“ in Weißwasser. Sozialarbeiterin Anett Jüttner (li.) und Leiterin Stephanie Grünler hoffen für die Kinder sehr, dass es nach 2022 fortgesetzt wird. © Joachim Rehle

Mundsport? Dabei handelt es sich nicht etwa um eine häusliche Betätigung als Ersatz für die derzeit nicht erlaubte Nutzung von Sportanlagen. Mit Mundsport trainieren Kinder, die nicht ohne Schwierigkeiten in ein Brötchen beißen oder nicht richtig kauen können, Muskelgruppen ihres Mundes. Das passiert spielerisch – unter Anleitung von Anett Jüttner auf der „Plapperwiese“. Dabei handelt es sich um einen Raum in der Kita „Regenbogen“ in Weißwasser. Die individuelle Förderung trägt zur altersgerechten Entwicklung der Mädels und Jungs bei, hilft aber auch Kindern weiter, die nicht richtig sprechen können.

Anett Jüttner, von Hause aus Erzieherin, schwenkte nach der Wende auf Logopädie um und absolvierte eine Ausbildung dazu. 2011 fing sie in der Kita „Regenbogen“ an. Schon damals zeigte sich aus logopädischer Sicht ein besonderer Bedarf zur Förderung. Bis heute ist die 49-Jährige froh, dass man das seinerzeit auch in der Stadtverwaltung als Träger der Kita erkannt hat. Die Stadt unterstützte die Teilnahme an dem Bundesprojekt „Frühe Chancen“. Das startete 2012, lief über drei Jahre und kam richtig gut bei den Eltern an.

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Logopädisch oder sozial bedingt

Beim Freistaat Sachsen ebenso. Dieser legte 2016 ein Folgeprojekt in etwas kleinerem Rahmen auf. „Kinder stärken“, so hieß fortan das Motto. Finanziert werden Maßnahmen für Kinder mit besonderen Lern- und Lebenserschwernissen. Oder anders ausgedrückt: Sprachauffälligkeiten sollen frühzeitig erkannt und reduziert werden. Im Rahmen des Projekts „Kinder stärken“ fördert der Freistaat 146 Kitas in Sachsen, davon 14 im Landkreis Görlitz. Eine davon ist „Regenbogen“ in Weißwasser.

In der Kita werden aktuell 125 Kinder betreut, 29 in der Krippe und 96 im Kindergarten. 69 Prozent von ihnen haben Sprachauffälligkeiten – in logopädischer Hinsicht oder aber sozial bedingt. 2017 bezahlte das Jugendamt den Elternbeitrag für 43 Kinder, aktuell für 52. Vor drei Jahren lebten 24 Kinder bei einem alleinerziehenden Elternteil, jetzt 39. Fünf Kinder wachsen in einer Familie mit Wechselmodell auf, sieben in einer Pflegefamilie oder bei den Großeltern. Vor drei Jahren gab es das in der Kita „Regenbogen“ noch gar nicht. 2017 hatten 22 Kinder einen Migrationshintergrund, jetzt sind es 32. Die Palette der elf Nationalitäten reicht von Kanada, Polen, Russland und Ukraine bis Irak und Libanon, um nur einige zu nennen. Elf Kinder stammen aus Flüchtlingsfamilien.

„Sprache ist der Schlüssel zur Welt, zur Bildung und zur Integration“, erklärt Anett Jüttner. Aus den unterschiedlichen Voraussetzungen der Kinder erwachse die Aufgabe der ergänzenden Sozialarbeit. Sie selber sieht sich „mittendrin im Geschehen“, als Unterstützerin der Kinder, der Eltern und des Kita-Teams. In einem über Jahre gewachsenen Netzwerk arbeitet sie interdisziplinär mit Behörden, Ärzten und Therapeuten zusammen. So konnte in einigen Fällen die Kindeswohlgefährdung abgewendet werden. Aber ob die Veränderung in den Familienstrukturen oder Alkohol- und Drogenkonsum mancher Eltern – das Projekt macht deutlich, dass die Probleme unserer Gesellschaft, wie sie aus Großstädten bekannt sind, inzwischen in Kleinstädten wie Weißwasser angekommen sind.

Hilfe für Eltern und Kita-Team

Insofern ist die Kita „Regenbogen“ ein Spiegelbild der allgemeinen Entwicklung – und Anett Jüttner zur Kita-Sozialarbeiterin geworden. Ohne das Projekt, so betont sie, „hätten wir die Erkenntnis der Problemlagen nicht“. Dass Eltern immer häufiger im Internet kommunizieren statt mit ihren Kindern, ist bekannt. Wie sich das auf deren Sprachentwicklung auswirkt, auch das zeigt sich in der Kita. Ob logopädischer Ansatz oder interkulturelle Arbeit, letztlich soll „die alltagsintegrierte Kommunikation“ gefördert werden, so der Fachjargon.

Auf der „Plapperwiese“ versucht Anett Jüttner gegenzusteuern. In kleinen Gruppen macht sie mit Kindern Mundgymnastik oder übt Lautbildung. Dabei gibt es miteinander immer viel zu lachen. Als qualifizierte Elternberaterin leitet sie auch Mütter und Väter in den Übungen an. „Manche Eltern muss man anstupsen“, sagt sie. Und, dass die Zusammenarbeit „wunderbar“ ist. Die neue Kita hat eine Elternlounge und nach einer Idee des Elternrats das Büchertauschregal „Nimm eins, bring eins!“ Es gibt einen Gitarrenclub, weil „Musik gute Laune macht und Sprache mitbringt“. In Zahlen messen lässt sich die Arbeit nicht. Aber, so Anett Jüttner, „wenn Kinder, die nie gerne gesprochen haben, zu plappern anfangen, ist das unglaublich schön“.

Für Kita-Leiterin Stephanie Grünler ist das Projekt eine große Hilfe. In der Kita arbeiten 15 Erzieherinnen, ein Erzieher, zwei Zusatzfachkräfte und zwei in berufsbegleitender Ausbildung. Ohne die Sozialarbeiterin wäre gar nicht die Zeit für zusätzliche sprachliche Förderung der Kinder. Sie hofft, dass die Eltern dem Kita-Team weiterhin vertrauen. „Denn wenn niemand mitläuft, verpufft das Ganze“, begründet sie.Das Projekt „Kinder stärken“ wurde bis März 2022 verlängert. Zwar habe der Freistaat die Verstetigung signalisiert, noch aber sei „nichts in trockenen Tüchern“, so Anett Jüttner. Bisher trägt die Stadt Weißwasser fünf Prozent der Kosten. Ohne die Finanzierung durch den Freistaat kann die Stadt allein das Angebot aber nicht vorhalten. Im Haupt- und Sozialausschuss richtete Timo Schutza (Klartext) deshalb den „Appell an die Stadträte, die auch Kreisräte sind, sich dafür einzusetzen, dass sich der Landkreis der Sache annimmt.“

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