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Wie Schüler „Homeschooling“ erleben

Abgesehen von allen technischen Herausforderungen scheint es: Je jünger die Kinder, desto schwieriger ist es. Von Steffen Bistrosch

Florian, Anna und Carl vor einem Teil der täglich benötigten Rechentechnik. Die Familie musste für „Homeoffice“ und „Homeschooling“ erheblich investieren.
Florian, Anna und Carl vor einem Teil der täglich benötigten Rechentechnik. Die Familie musste für „Homeoffice“ und „Homeschooling“ erheblich investieren. © Steffen Bistrosch

Für den zehnjährigen Carl beginnt der Schulalltag nicht mehr mit dem Weg zum Schulbus, sondern morgens vor dem Computerbildschirm – mit gespannter Erwartung wie beim Öffnen eines Weihnachts-Kalendertürchens. Was er findet, ist selten süß, sondern beinhaltet Dateien mit Bezeichnungen wie „Tägliche Übung“, „Abholung und Abgabe von Aufgaben“, „Info“ „Abgabe“, „Lösungen“ oder auch mal „Fehlerteufel“. Zumindest dann, wenn die digitale Lernplattform „LernSax“ unter www.sachsen.de funktioniert.

Bis vor Kurzem stellte sich das Internetportal durch technische Probleme häufig selbst ins Aus oder war Zielscheibe böswilliger Attacken aus dem Netz. Bei Schülern und Eltern fanden diese schlechte Funktionalität kein Verständnis, zumal der erste Lockdown neun Monate her ist, die Probleme damit längst bekannt sind. Inzwischen hat der Betreiber des Portals seine Software besser im Griff. Besonders engagierte Eltern und Schüler laden sich die Aufgaben noch immer nachts auf die heimischen Computerfestplatte, falls die Lernplattform vormittags aussetzt.

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Für den Fünftklässler Carl ist es nicht einfach, die Struktur der gestellten Aufgaben nachzuvollziehen. Der Präsenzunterricht erfolgt schließlich nach einem festen Stundenplan. In welcher Form ein Fachlehrer das Unterrichtsmaterial zur Verfügung stellt, entscheidet er selbst entsprechend seiner digitalen Kompetenz. Die Spielräume sind gewaltig. Üblich sind unter anderem PDF- und Word-Dateien, Arbeitsblätter, Kopien, Lehrbuch- und Übungsheftaufgaben, Leseaufgaben, Videos, Höraufgaben, Folien, Internetlinks, abfotografierte Tafelbilder, Fotos, Skizzen, Ausmalbilder, Texte mit Leerstellen zum Ausfüllen usw.Dabei beinhaltet LernSax grundsätzlich Module wie „Lernen“, „Medien“, „Konferenz“ oder „Formulare“. Fernunterricht per Videokonferenz wird für Carl nicht angeboten. Carl meint, dass LernSax „wild gemacht ist, Dateien sind nicht geschützt, jeder kann auf die eingesandten Unterlagen zugreifen“. Er findet, „viele Aufgaben zu bekommen, die zu wenig erklärt sind“. Er hat „nicht immer Lust, von zu Hause aus zu lernen, die Schule fehlt wirklich“.

Persönlicher Kontakt fehlt

Wenigstens hat er das Glück, zwei ältere Geschwister zu haben. Die 16-jährige Schwester Anna legt das Abitur am BSZ in Weißwasser ab. Das Lernen erfolgt ebenfalls über Lernsax. Sie kann mit den Anforderungen altersgemäß bedingt besser umgehen. Nur zu Beginn, so meint sie rückblickend, fiel ihr der ungewohnte Umgang mit dem Portal schwer. Der intensive Austausch mit Mitschülern beispielsweise am Telefon, per Video oder WhatsApp habe ihr über die Anfangsschwierigkeiten hinweggeholfen. Inzwischen, so meint sie „ist es kein Problem mehr, sie hat sich „daran gewöhnt“. Aber „der persönliche Kontakt zu den Mitschülern und Lehrern fehlt“. „Bei Schwierigkeiten oder Fragen dauert es länger, zu einer Lösung zu kommen“. Entgegen kommt ihr, wenn die Lehrer persönliche Mitteilungen oder Einschätzungen auf LernSax online stellen. Für besonders wichtig hält sie die Möglichkeit eines telefonischen Kontaktes und sie macht davon regen Gebrauch. Kurzum, sie „kommt ganz gut klar“.

Konfliktpotenzial in Familien

Der 21-jährige Bruder Florian studiert in Cottbus an der BTU. Für ihn ist das digitale Lernen mit der Software „Moodle“ inzwischen Alltag geworden. Die Handhabung ist unkompliziert, die Qualität des dort angebotenen Lehrmaterials schätzt er „schwankend und abhängig von dem Engagement der Dozenten“ ein. Videokonferenzen sind eine Option. Seine Dozenten und die Uni erreicht er per E-Mail. Über soziale Netzwerke (Telegram oder WhatsApp) verständigen sich die Studierenden untereinander. Er mag das „zeit- und ortsunabhängige Lernen“. Den anstehenden Prüfungen blickt er entspannt entgegen, gleich ob sie an der Uni oder am heimatlichen Rechner absolviert werden müssen.

Florian meint, „umso jünger du bist, desto schwieriger ist das Lernen von zu Hause aus.“. Seine Geschwister benötigen öfter seine Hilfe, wenn sie sich in unbekannte Lerngebiete einarbeiten müssen. Internetrecherchen oder Youtube-Videos können keinen Unterricht ersetzen. LernSax ist für ihn überfrachtet und unübersichtlich, hier kommt es sehr auf die Arbeitsweise der Lehrer und Schüler an. Die Struktur von LernSax erlaubt zu viele Fehler durch die Nutzer, beispielsweise können Uploads von anderen Kindern eingesehen werden oder gelöscht werden.

Florian sieht das „Home-Office“ für die ganze Familie kritisch. Das Konfliktpotenzial ist erheblich. Teilweise braucht jeder Familienangehörige einen PC zur gleichen Zeit, dafür ist nicht nur eine schnelle Interverbindung notwendig, sondern auch die entsprechende Technik. Das alles kostet Zeit und Nerven und Geld. Und ist nur für diejenigen händelbar, die über entsprechenden Ressourcen verfügen. Der Rest bleibt auf der Strecke. Alle drei Geschwister sind sich einig, dass der Alltag wieder beginnen sollte. Am besten morgen.

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