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Weißwasser
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Wie weiter mit Azubis in Pflegeberufen?

Jessica hat als Ungeimpfte Sorge, ihre Ausbildung nicht beenden zu können. Sie ist eine von vielen Impfpflicht-Betroffenen in Pflege- und Gesundheitsberufen.

Von Sabine Larbig
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Sachsens Gesundheitsministerin wirbt weiter für das Impfen, auch mit "Novovax.
Sachsens Gesundheitsministerin wirbt weiter für das Impfen, auch mit "Novovax. © Robert Michael/dpa-Zentralbild

Es wird auch in Sachsen ernst mit der Impfpflicht. Noch nicht für alle. Doch ab dem heutigen 16. März gilt sie in bestimmten Einrichtungen wie Krankenhäusern und Pflegeheimen, Tageskliniken, Rettungsdiensten, Arztpraxen oder sozialpädagogischen Zentren. Das vom Bund beschlossene Gesetz wird somit vollzogen.

Das ist auch der 16-jährigen Jessica*, die am Berufsschulzentrum Weißwasser lernt und momentan einen praktischen Ausbildungsteil in einem Pflegeheim in Bad Muskau absolviert, lange bekannt. Dennoch entschied sich die Auszubildende gegen eine Corona-Impfung. Zum einen, sagt sie, weil sie und die ganze Familie bereits Covid-19 hatten. „Wir sind alle genesen, selbst meine fast neunzigjährigen Großeltern“, so Jessica. Zum anderen sei sie bezüglich der Impfung verunsichert. Schließlich könne sie ja trotzdem den Virus bekommen, übertragen, erneut daran erkranken. Zudem glaubt sie nicht, ohne Impfung die Bewohner des Pflegeheims, in dem sie aktuell arbeitet, gesundheitlich zu gefährden. „Alle Pflegeheim-Mitarbeiter halten sich an alle Hygieneregeln, arbeiten den ganzen Tag mit Maske und Handschuhen, desinfizieren sich ständig und Ungeimpfte wie ich werden täglich getestet“, begründet sie. „Ich glaube eher, dass wir einfach lernen müssen mit dem Virus zu leben und auch damit, dass es unterschiedliche Meinungen zur Impfung gibt. Menschen einiger Berufsgruppen dazu zu verpflichten, etwas zu tun, was sie nicht möchten, finde ich deshalb nicht richtig .“ So wie sie, sagt die Auszubildende, würden viele ihrer Mitschüler und Kollegen denken.

Rund die Hälfte der Schüler ungeimpft

Trotzdem macht sich Jessica jetzt Sorgen. Die Ungeimpfte bangt, möglicherweise die Ausbildung in ihrem Wunschberuf – „ich habe mich wirklich angestrengt in der Ausbildung und habe auch gute Noten“ – nicht 2023 beenden zu können. Ganz zu schweigen von ihrem Ziel, eine Weiterqualifizierung im Pflegebereich anzuschließen. Denn auf den Genesenenstatus kann Jessica nicht setzen. Ihre Erkrankung liegt zu lange zurück. Ob es aufgrund einer Erkrankung ein ärztliches Attest gibt, kann sie noch nicht sagen. „Wie etwa die Hälfte meiner Mitschüler, die auch nicht geimpft sind, habe ich jetzt schon Angst, wie es bei mir mit Beruf und Ausbildung weitergeht.“

Laut Gesetz ist die Lage klar. Für Auszubildende sieht das Infektionsschutzgesetz keine Ausnahmen oder abweichende Regeln vor. Somit gelten für Auszubildende, die bereits einen Vertrag haben und in einer Pflege- oder Gesundheitseinrichtung vor dem 15. März tätig waren, die gleichen Bedingungen wie für alle anderen Bestandsmitarbeiter. Auch eine Neueinstellung nach dem 16. März ist ohne gültigen Immunitätsnachweis nicht möglich. Ebenso kein Wechsel der Praxisstelle. Wichtig sei dabei, so Julia Bjar, Pressesprecherin des Landkreises Görlitz, der Beginn der Tätigkeit, nicht der Zeitpunkt des Vertragsabschlusses.

Es bleibt eine Gnadenfrist

Wie viele Auszubildende in Gesundheits- und Pflegeberufen aktuell im Kreis von der Impfpflicht betroffen sind, kann Julia Bjar nicht sagen. „Unter die Impfpflicht fallen jedoch alle Azubis, die in den im Gesetz genannten Einrichtungen tätig sind – also auch in deren technischen Berufen, der Verwaltung, Küche oder Dienstleistungsbereichen“, erklärt sie.

Dass Ungeimpfte wie Jessica ab sofort ihre Ausbildung oder ihren Beruf aufgeben müssen, dazu wird es allerdings nicht kommen. Noch ist nämlich unklar, wie viele Personen nach dem 16. März durch die Einrichtungen und Unternehmen an das Gesundheitsamt des Landkreises gemeldet werden. Das Gesundheitsamt fordert nach Eingang der Meldungen aus den Einrichtungen und Unternehmen Personen ohne ausreichenden Nachweis auf, dies nachzuholen. Dafür ist eine Frist von vier Wochen einzuräumen. Das Prozedere hat allerdings zur Folge, so Bjar, dass sich auch eine Bearbeitungsdauer noch nicht abschätzen lasse. In jedem Fall sei schon jetzt klar, so die Kreissprecherin, dass sich die Bearbeitung bis in den Sommer 2022 hinziehen werde. Auch, weil es weitere Fristsetzungsregelungen gibt, um fehlende Nachweise nachzuliefern. Sollten noch zwei Impfungen erforderlich sein, so ist der Nachweis für die erste Impfung innerhalb von vier Wochen zu erbringen. Der Nachweis über die zweite Impfung muss spätestens nach zwei Monaten vorliegen. Fehlt nur noch eine Impfung zur Grundimmunisierung, ist die Impfung innerhalb vier Wochen nachzuweisen.

„In der Praxis bedeutet das, dass die derzeit tätigen Mitarbeiter und Auszubildenden vorerst weiter arbeiten gehen und nicht ab heute zu Hause bleiben“, erklärt Julia Bjar. Dies bringt nicht nur Auszubildenden und Mitarbeitern ohne Impfung eine gewisse Karrenz- und Übergangszeit zum Handeln, sondern auch den Einrichtungen. Sie, und die allgemeine Versorgungslage, unterliegen im Kreis Görlitz schon jetzt einem nicht zu unterschätzenden Druck durch einen aktuell noch immer großen Krankenstand des Personals. Bevor sanktionierende Maßnahmen für Ungeimpfte, wie ein Betretungsverbot beziehungsweise Tätigkeitsverbot, ausgesprochen werden, hält der Landkreis Görlitz nicht nur deshalb Rücksprache mit den Einrichtungen. Denn bei der Auswahl geeigneter Maßnahmen zur Umsetzung des Gesetzes zur Impfpflicht stehen Risikoadaption und die Versorgungssicherheit für Patienten und Bewohner von Einrichtungen an vorderster Stelle der Betrachtungen.

Gesundheitsamt prüft Einzelfälle

Das heißt, dass im Ermessen des Gesundheitsamtes zu prüfen ist, welches Infektionsrisiko für vulnerable, also „verletzliche oder verwundbare“ Personen, bei einer fortgeführten Tätigkeit nicht Geimpfter bestehen würde und ob Hinweise auf wesentliche Beeinträchtigungen der Versorgung der Patienten oder Pflegebedürftigen als Folge der Umsetzung eines Tätigkeitsverbots vorliegen. Dazu sind auch die Einrichtungen anzuhören, die beispielsweise darlegen können, ob gesetzliche Verpflichtungen noch eingehalten werden können. Das Gesundheitsamt prüft unter anderem anhand der vorgelegten Glaubhaftmachung unter Einbeziehung der Impfquote, der bekannten Hygienekonzepte und deren Einhaltung, ob und welche Betretungs- beziehungsweise Tätigkeitsverbote ausgesprochen werden können. Dabei ist der Ermessensspielraum so zu nutzen, dass die Versorgungssicherheit der betroffenen Einrichtung nicht gefährdet wird. „Der Landkreis rechnet daher nicht mit zeitnah eintretenden Versorgungslücken“, erklärt die Landkreissprecherin.

Indes wirbt Sachsens Gesundheitsministerin Petra Köpping weiter für das Impfen und wird nicht müde, insbesondere das medizinische Fachpersonal zu motivieren und dabei auf vielfältige Impfmöglichkeiten und Vakzine zu verweisen – auch den neuen Impfstoff von Novavax anzupreisen. Der steht als Option in Sachsen in erster Linie Menschen aus dem Gesundheits- und Pflegebereich zur Verfügung und „...ist hoffentlich für viele Betroffene eine Option, sich vor dem Coronavirus zu schützen. Damit schützen sie auch Patienten und Pflegebedürftige...“, appelliert Köpping.

Überzeugt vom Impfen ist Jessica trotzdem nicht. Notfalls, sagt sie, müsse sie sich beruflich neu orientieren. „Aber irgendwas mit Menschen muss es zu tun haben.“

*Name von der Redaktion geändert

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