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„Wir lassen uns nicht unterkriegen!“

OB Torsten Pötzsch bleibt optimistisch, dass Weißwasser eine Stadt mit Zukunft ist und sich entsprechend entwickelt.

OB Torsten Pötzsch auf dem Aussichtsturm am Schweren Berg, vor den Toren der Stadt Weißwasser, die einst vom Tagebau lebte und geprägt war. .
OB Torsten Pötzsch auf dem Aussichtsturm am Schweren Berg, vor den Toren der Stadt Weißwasser, die einst vom Tagebau lebte und geprägt war. . ©  Wolfgang Wittchen

Vor neuen und zusätzlichen Problemen stand im Corona-Jahr 2020 auch Weißwasser. TAGEBLATT sprach mit Oberbürgermeister Torsten Pötzsch (Klartext) über Folgen, persönliche Erkenntnisse, Erreichtes und Zukunftschancen der Stadt, die Bedeutung gesellschaftlichen Miteinanders, weicher Standortfaktoren und Volksfeste.

Herr Pötzsch, das Pandemiejahr 2020 stellte weltweit Länder, Volkswirtschaften, Politik und Menschen vor bislang unbekannte Probleme. Wie schätzen Sie rückblickend das Jahr ein?

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Das Jahr ist dank vieler Menschen, der Bereitschaft zu Disziplin, Nächstenliebe und Rücksicht kein verlorenes Jahr – jedoch brachte es viele zusätzliche Hemmnisse. Das ist nicht schönzureden. Mit tief empfundenem Mitgefühl für Betroffene und Hinterbliebene ist es auch eines mit katastrophalen Folgen hinsichtlich Krankheitsverläufen, psychischen Belastungen, Tod, Vereinsamung. Und es brachte wirtschaftliche Probleme, berechtigte Existenzsorgen und Zukunftsängste. Persönlich blicke auch ich auf 2020 mit Wut und Enttäuschung und etwas Trotz. Wir lassen uns nicht unterkriegen, werden gemeinsam weiter Ziele verfolgen, standhaft bleiben!

Dennoch sind die Corona-Folgen auch in Weißwasser vielfältig spürbar.

Ja, das soziale und kulturelle Leben ist eben nicht nur auf Zeit runtergefahren. Die Folgen von Corona und der zweiten Welle sind übel. Weder werden aus meiner Sicht alle Betriebe und Dienstleister die Krise überstehen, noch alle Anbieter von Kultur und sozialem Engagement. Das trifft unsere Region und Stadt besonders hart. Denn durch die demografische und wirtschaftliche Situation vor dem Virus, durch Braunkohleausstieg, politische und wirtschaftliche Lage und soziale Herausforderungen unserer Zeit war die Lage in Weißwasser ohnehin schon sehr herausfordernd.

Hat Corona Ihre persönliche Sicht der Dinge verändert?

Ich muss feststellen, dass die nötigen Einschränkungen der Pandemie auch meine Wertevorstellungen – und meine Art und Weise, Themen zu behandeln und Aufgaben zu lösen – beeinflusst haben. Ich vermisse zum Beispiel die Vor-Ort-Treffen mit den Weißwasseraner Bürgern in der „Gerüchteküche“. Mir fehlen oft direkter Kontakt und gemeinsames Handeln, egal, ob beim Sport, in der Politik, im Verein oder beim Arbeitseinsatz. So hilfreich neue technische Möglichkeiten sind, direkten Kontakt ersetzen sie nicht.

Brachte 2020 auch Positives?

Durchaus. Besonders gefreut haben mich weiterhin viele Anfragen von potenziellen Rückkehrern und Zuzüglern. Zudem hat sich offensichtlich rumgesprochen, dass wir sehr offen und hilfsbereit sind, wenn es um Firmenneuansiedlung geht. So viele dahingehende Anfragen wie 2020 hatten wir zuvor ganz sicher nicht. Allerdings helfen uns hier die Regelungen zur Strukturstärkung, welche mit der Lausitzrunde und den Partnern der Kommunen eingebracht und in Gesetzesform überführt wurden.

Apropos Strukturwandel: Welche Folgen hatte die Pandemie hier?

Corona hat uns nicht ausgebremst. Wir haben mit dem Strukturstärkungsgesetz eine gute Basis für die Zukunftsgestaltung und mit der Bafa-Ansiedlung ein wichtiges Signal und einen guten Arbeitgeber in die Stadt geholt. Was weitere Interessenten auf den Plan ruft. Außerdem konnten wir unsere Kontakte zum Landkreis, insbesondere zur Entwicklungsgesellschaft Niederschlesische Oberlausitz, ausbauen. Das Verhältnis und die Zusammenarbeit mit unseren Gesellschaften ist weiter sehr gut. Mit der Waldeisenbahn und dem Tierpark arbeiten wir daran, die Gesellschaften für die Zukunft sicher aufzustellen und zugleich im städtischen, regionalen, nationalen und internationalen Gefüge auszurichten.

Nun sind solche Einrichtungen sogenannte weiche Standortfaktoren. Welche Zukunftsbedeutung haben sie?

Kultur- und Tourismus-Angebote, selbst Sauberkeit und Freundlichkeit sind wichtige Standortfaktoren, die nur mit motivierten Menschen möglich sind. Eisarena, Bibliothek, Schwimmhalle, Glasmuseum, Waldeisenbahn oder Tierpark beleben sie und bringen sie voran. Doch abgerechnet wird am Schluss. Das heißt, wir wissen nicht, was uns Corona kosten wird, wie es nach der Virus-Krise finanziell weitergeht. Ich hoffe sehr, dass wir mit den Stadträten keine harten Entscheidungen treffen müssen und hoffnungsvoll eine Zukunft für unsere Kinder und Kindeskinder aufbauen können. Denn obgleich durch Corona derzeit alles gesellschaftliche Leben runtergefahren ist: Tourismus und kulturell-soziale Einrichtungen werden weiter mit für Wohlstand sorgen. Dabei geht es nicht um reine Wirtschaftsbilanzen, sondern um Attraktivität und Lebensqualität. Mit der zunehmenden Fachkräfteproblematik bei gleichzeitig möglichen Firmenansiedlungen in Weißwasser oder der Region werden weiche Standortfaktoren immer wichtiger.

Letztlich hat die Stadt aber viele weitere und wirtschaftlich wichtige Vorhaben und Projekte, die es zu stemmen gilt ...

... und doch ist die Liste der selbst im Corona-Jahr erfolgreich begonnenen Meilensteine beachtlich. Beispielhaft ist der Baufortschritt bei Jahnbad/Jahnpark zu nennen. Auch die Ansiedlung des Kompetenzzentrums für Strukturentwicklungen im Stadtwerkegebäude, die planerische Weiterentwicklung des Innenstadt-II-Gebiets, die Wiederaufnahme des Bahnhofs in die Liste umsetzbarer Projekte, die hoffnungsvollen Ideen und Beratungen zur Glasfachschule, die Bewegung beim Areal Gelsdorfhütte und die Entwicklungen auf dem Telux-Gelände lassen mich daher hoffnungsvoll auf 2021 blicken. Dass wir im Vorjahr unter denkbar schlechter Personalsituation einen genehmigten Haushalt vorlegen konnten, hilft bei den großen Projekten der Stadt sehr. Wir werden alles dafür geben, auch den Haushalt 2021 und das Haushaltsstrukturkonzept geregelt zu bekommen. In der Verwaltung werden schon die Hausaufgaben erledigt. Mit dem Landkreis bin ich in Kontakt und mit unseren Partnern arbeiten wir parallel und intensiv an den Vorbereitungen zur Umsetzung wichtiger Vorhaben. Für die erste Runde 2021 sind dies unter anderem der Bahnhof, die Erweiterung des Industriegebiets und die Waldeisenbahn Muskau. Wie es mit dem Volkshaus und einer Nachnutzung aussieht, ist abzuwarten. Besichtigungen, Gedanken und Ideen gab es 2020 viele. Unser Volkshaus bedeutet Bauhauskultur und Lebenskultur in Weißwasser. Jedoch brauchen solche Prozesse leider mehrere Jahre.

Kommen wir auf die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt zurück. Welchen Einfluss darauf hat die Verwaltung?

Eine Stadtverwaltung kann nicht die lokale und regionale Wirtschaft regeln. Sie kann unterstützen, eine Entwicklung begleiten, vielleicht befördern. Aber der Impuls muss aus der Wirtschaft kommen. Was Verwaltung kann und soll, ist: Wege ebnen, den Service hoch und den Aufwand gering halten, Kommunikation nicht abreißen lassen, Möglichkeiten aufbereiten und transparent zur Verfügung stellen. Daran arbeiten wir permanent. Aber es ist nicht einfach, mit nur einigen Stunden für eine Wirtschaftsfördererstelle angesichts des Strukturwandels und unter Corona-Bedingungen weite Sprünge zu machen. Wir sind dran und tun deutlich mehr, als erwartet wird. Dass es für Weißwasser ein neues, angepasstes Wirtschaftskonzept braucht, steht auch außer Frage. Doch die erforderlichen Ressourcen müssen ebenfalls zur Verfügung gestellt werden, damit es kein Papiertiger bleibt. Dass die Stadträte dort mitbestimmen und ihre Professionalität einbringen, ist klar. Doch wenn das Konzept als informative Studie vorliegt, modern, visionär, mutig und fundiert ist, wird es dafür sorgen, dass die Arbeitsplätze, die geschaffen wurden und werden, Bestand haben, da sie auf Stadt, Region, Bedarfe, Menschen und Lebenskultur ausgerichtet sind.

Das klingt sehr optimistisch. Aber die Menschen müssen Wandel mit unterstützen., damit er zum Erfolg wird ...

... weshalb die bürgerschaftliche Beteiligung schon lange auf meiner Agenda steht. Die technischen Möglichkeiten sind da. Die Bereitschaft der Menschen, mitzureden und mitzugestalten, auch. Wenn wir 2021 etwas auf den Weg bringen sollten, dann ist es eine klar strukturierte Form der Bürgerbeteiligung. Wir haben im Team diverse Formen in Kommunen rundum und darüber hinaus besprochen. Aber keine passt richtig auf die WeißwasseranerInnen. Wir müssen uns also die besten Tools rausnehmen und ein eigenes System entwickeln. Doch ich bin sicher, dass Weiswasser, wie schon oft, seinen eigenen Weg findet. Auf die Aufgabe freue ich mich sehr.

Bei allen Einschränkungen und Herausforderungen durch Corona brauchen Menschen auch Motivation und Ablenkung, beispielsweise durch Feiern und Feste nach der Pandemie. Ist 2021 ein Stadtfest in Weißwasser geplant?

Die Idee ist mehrfach diskutiert worden. Uns alle hat die leider lange Liste von Veranstaltungsabsagen, darunter auch von Jubiläen wie dem unserer Städtepartnerschaft mit Brühl, Weihnachtsmarkt, Crossing X-Mas und der Feierlichkeiten zum Stadtrecht hart getroffen. Oder die vielen Events, die Vereine, Initiativen und Macher vorbereitet hatten, aber nun nicht stattfinden konnten. Wenn Covid im Griff ist, werden die Menschen ein großes Bedürfnis haben, sich zu treffen, Zeit miteinander zu verbringen, Kultur, Lebensart und Feierlichkeiten auf die Beine zu stellen. Deshalb steht nicht die Frage im Raum, ob es 2021 ein Stadtfest gibt. Es steht vielmehr die Frage, wie wir das Leben und Miteinander gemeinsam und angemessen begehen.

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