merken
PLUS Politik

Wer schoss MH-17 ab?

In den Niederlanden hat das Hauptverfahren um den Abschuss von Flug MH-17 begonnen. Es gibt vier verdächtigte Täter, aber die Verantwortung bleibt unklar.

Das rekonstruierte Wrack der Passagiermaschine des MH17-Fluges auf dem Militärflugplatz Gilze-Rijen.
Das rekonstruierte Wrack der Passagiermaschine des MH17-Fluges auf dem Militärflugplatz Gilze-Rijen. © AP Pool

Es war eine stille Mahnung, die die Mitglieder der niederländischen Gruppe „Waarheidsvinding MH17“ (Wahrheitsfindung MH-17) am vergangenen Sonntag, dem Tag vor der Eröffnung des Hauptverfahrens, vor der russischen Botschaft in Den Haag aufstellten: 298 weiße Stühle, geformt wie die Sitzordnung des Flugzeuges, das am 17. Juli 2014 zwischen 16.20 Uhr und 16.25 Uhr Ortszeit über der ostukrainischen Stadt Tores abstürzte.

Zum dritten Mal sollte diese Installation an den Tod der Passagiere (unter ihnen 80 Kinder) und Besatzungsmitglieder des Fluges Malaysia Airlines MH-17 von Amsterdam nach Kuala Lumpur erinnern.

Anzeige
Die Sachsen-Edition von Mühle Glashütte
Die Sachsen-Edition von Mühle Glashütte

Ab sofort gibt es den sportlich-eleganten Teutonia II Chronographen exklusiv bei DDV Lokal zu erwerben. Die Edition ist auf nur 100 Stück limitiert.

Hans de Borst, einer der Angehörigen, sagte: „Da wird ein Massenmord begangen, wenn vielleicht auch aus Versehen, und dann verschwindet man einfach. Das können wir nicht akzeptieren.“ Doch was ist die Wahrheit?

Der vorsitzende Richter Hendrik Steenhuis (r) und andere Prozessrichter und Anwälte betrachten das rekonstruierte Wrack.
Der vorsitzende Richter Hendrik Steenhuis (r) und andere Prozessrichter und Anwälte betrachten das rekonstruierte Wrack. © AP Pool

Nach 25 Vorverhandlungstagen hat das Gericht aus Den Haag, das den Prozess in einem abgeschirmten Gebäude am Amsterdamer Flughafen führt, am Montag das Hauptverfahren gegen drei russische Staatsbürger und einen Ukrainer eröffnet. Keiner ist anwesend, nur einer lässt sich von einem Anwalt vertreten. Sie seien an dem Abschuss der Boeing 777ER „beteiligt“ gewesen, heißt es. „Verantwortlich“ sind sie aber wohl nicht.

„Wir wissen nicht, wer den Befehl gegeben oder den Knopf gedrückt hat“, sagten Ermittler der internationalen Taskforce im Vorfeld. Aber die Niederlande, die mit 198 Opfern den größten Anteil der getöteten Passagiere stellen, wollen Aufklärung. „Es war der größte Angriff auf niederländische Zivilisten seit dem Zweiten Weltkrieg“, erklärte der Anwalt Peter Langstraat, der zusammen mit weiteren Rechtsvertretern rund 600 Mandanten vor Gericht vertritt. „Jeder kennt jemanden, der betroffen ist. Es ging durch die gesamte niederländische Gesellschaft.“

Telefonate abgehört

Staatsanwaltschaft und Ermittler gehen fest davon aus, dass der Jet in knapp elf Kilometern Flughöhe von einer Rakete des russischen Luftabwehrsystems Buk M1 getroffen wurde. Die Ermittler konnten beweisen, dass ein Buk-System am Tag des Abschusses vor Ort gebracht und wenige Stunden später (ohne die Rakete) nach Russland zurückgeschafft wurde. Moskau hatte zwar kurz nach dem Vorfall alle möglichen Theorien in Umlauf gebracht, die sich aber als falsch herausstellten.

Zunächst war von einem Jagdbomber die Rede, der MH-17 angegriffen habe, was der 2014 noch amtierende Direktor des russischen Fernsehens, Konstantin Ernst, fünf Jahre später selbst als „Fehler“ bezeichnete. Hinweise auf eine Tat durch prorussische Rebellen fanden die Fahnder in abgehörten Telefonaten. Die zeigten aber auch, dass die Separatisten noch kurz nach dem Absturz davon ausgingen, ein ukrainisches Militärflugzeug getroffen zu haben.

Fast sieben Jahre nach dem Abschuss des Passagierflugs über der Ostukraine wird am 07.06.2021 in den Niederlanden das Hauptverfahren gegen vier mutmaßliche Täter eröffnet.
Fast sieben Jahre nach dem Abschuss des Passagierflugs über der Ostukraine wird am 07.06.2021 in den Niederlanden das Hauptverfahren gegen vier mutmaßliche Täter eröffnet. © AP

Der Abschuss von MH-17 war offenbar ein Versehen. Das wiederum macht eine Mordanklage vor Gericht schwierig, weil der konkrete Vorsatz fehlt. Hinzu kommt, dass der Status der Ostukraine zur damaligen Zeit schwierig zu beurteilen ist. War es ein Krieg? Dann läge nun ein Kriegsverbrechen vor. Der niederländische Chefermittler Fred Westerbeke zeigte sich im Vorfeld des Verfahrens überzeugt, dass vor Gericht eine Beteiligung Russlands an der Tragödie nachgewiesen werden kann.

Mitte dieses Monats kommt zunächst die Staatsanwaltschaft zu Wort. Dann folgen weitere Anhörungen von Experten und Ermittlern, ehe im September die Angehörigen der Opfer vor Gericht aussagen. Das dürfte noch einmal sehr belastend für das Land werden. Nur wenige Hinterbliebene hatten die Kraft, die Trümmerteile des geborgenen Wracks, die von den Ermittlern wie ein dreidimensionales Puzzle zusammengesetzt wurden, um die Ursache der Explosion anhand von Spuren genau herauszufinden, persönlich anzusehen.

Weiterführende Artikel

Flug MH17: Ermittler belasten Russland 

Flug MH17: Ermittler belasten Russland 

Fast 300 Menschen starben beim Abschuss des Flugzeugs MH17. Russland hat stets jede Verantwortung zurückgewiesen: Jetzt gibt es neue mögliche Beweise.

Rebellen für MH17-Abschuss angeklagt

Rebellen für MH17-Abschuss angeklagt

Im Osten der Ukraine wird ein Flugzeug abgeschossen. 298 Menschen sterben. Die Waffe kam aus Russland. Nun nennen die Ermittler Verdächtige.

Bis heute leiden viele unter dem Schock der Todesnachricht und den anschließenden Enthüllungen. Der frühere US-Präsident Barack Obama zog vor Jahren bereits Parallelen zu den Angriffen auf New York und Washington und nannte den Abschuss von MH-17 einmal „Europas 11. September 2001“. Die russische Regierung bezeichnete das nun eröffnete Hauptverfahren dagegen abwertend als „Theaterinszenierung“. Wann mit einem Urteil zu rechnen ist, blieb gestern offen. Und ob es am Ende mehr Wahrheit geben wird, weiß auch niemand.

Mehr zum Thema Politik