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Wie Deutschland Antisemitismus mitfinanziert

Palästinensische Kinder lernen in Büchern – mitbezahlt von Deutschland –, Juden zu hassen. Eine Studie soll Abhilfe schaffen. Doch es gab eine schwere Panne.

Unterricht in einer Grundschule im Gaza Stadt.
Unterricht in einer Grundschule im Gaza Stadt. © imago images/Thomas Koehler

Von Muhamad Abdi und Sebastian Leber

In der dritten Klasse sollen alle Kinder, die im Westjordanland oder Gazastreifen die Schule besuchen, ein kurzes Gedicht aufsagen. Es besteht nur aus drei Sätzen, der wichtigste lautet: „Ich werde mein Blut opfern, um damit das Land der Großmütigen zu tränken … und die restlichen Fremden zu vernichten.“

Fünftklässler lernen im Unterricht, Juden hätten mehrfach versucht, den Propheten Mohammed zu töten. Mal habe ihm eine Jüdin ein vergiftetes Stück Schafsfleisch angeboten, mal wollten sie ihm einen Felsbrocken auf den Kopf werfen. Nur Erzengel Gabriel habe den Plan vereitelt. Juden, heißt es in dem Lehrbuch, seien „Feinde des Islams“ und würden niemals aufhören, Muslime mit hinterhältigen Mitteln zu bekämpfen.

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Finanziert werden die Bücher teilweise von der EU und so indirekt auch durch deutsche Steuergelder. So lernen Neuntklässler etwa im Sozialkundeunterricht, Israelis würden die palästinensischen Gebiete mit radioaktiven Chemikalien verseuchen, damit die Menschen an Krebs erkranken. Um die Ernte zu zerstören und Chaos zu stiften, setzten die Feinde außerdem Schweineherden aus.

Reformen haben es noch schlimmer gemacht

Dass die Schulbücher, mit denen derzeit 1,3 Millionen palästinensische Kinder und Jugendliche unterrichtet werden, Hass auf Juden schüren und auch zu Terroranschlägen aufrufen, ist seit Jahren bekannt. Erst im Mai verabschiedete das EU-Parlament eine Resolution, in dem es „fortgesetztes Versagen“ attestierte bei den Bemühungen, problematische Inhalte aus palästinensischen Schulbüchern zu entfernen.

Eigentlich hatten Beobachter gehofft, die zuletzt durchgeführte Reform der Lehrpläne und damit die Neuauflage vieler Schulbücher werde Veränderungen bringen. Tatsächlich gab es Veränderungen – allerdings in die entgegengesetzte Richtung.

Um die Inhalte ihrer Schulbücher macht die palästinensische Autonomiebehörde kein Geheimnis. Alle Bände sind über die Homepage des Bildungsministeriums für jedermann einseh- und herunterladbar. Die Berliner Zeitung "Der Tagesspiegel" hat dies getan und ist auf Bemerkenswertes gestoßen.

Fand man in früheren Auflagen noch Hinweise auf vergangene Friedensbemühungen und diplomatische Annäherungen, fehlen diese in den aktuell gültigen Bänden. Dafür ziehen sich die vermeintliche Boshaftigkeit der Juden und die Notwendigkeit, sie aus der gesamten Region zu vertreiben, wie ein roter Faden durch sämtliche Jahrgänge. Dabei werden auch historische Fakten verdreht.

Die Klagemauer in Jerusalem wird als rein islamische Stätte präsentiert („ausschließlich die Gläubigen Allahs haben ein Anrecht darauf“), die Vorstellung, sie habe irgendeine Bedeutung für das Judentum, gründe auf einem Täuschungsmanöver der Juden. Diese hätten nach 1967 zum Schein ein paar Steine der Mauer geraubt und diese durch Fälschungen ersetzt, damit es aussehe, als habe es hier bereits früher jüdisches Leben gegeben.

Newtonsche Gesetz mit Steinschleudern

Siebtklässler lernen in Sozialkunde, die Juden planten, die Al-Aqsa-Moschee zu zerstören, sie würden unter dem Vorwand archäologischer Grabungen Tunnel in den Tempelberg schlagen, um so das islamische Heiligtum zum Einsturz zu bringen.

Die Zementierung des Feindbilds und die Anstachelung zum Hass findet sich auch in allen naturwissenschaftlichen Fächern wieder. In Mathematik zum Beispiel bei Rechenübungen: Wenn ein jüdischer Siedler auf zehn vorbeifahrende Autos schieße und die Wahrscheinlichkeit eines Treffers 70 Prozent betrage – „wie groß ist die erwartete Anzahl der getroffenen Fahrzeuge?“.

In Physik wird das zweite Newtonsche Gesetz anhand von Steinschleudern erklärt, die gegen israelische Soldaten eingesetzt werden. In Biologie wird gefragt: Welche Hormone werden ausgeschüttet, wenn Israelis einen Menschen terrorisieren? Die Funktion des Rückenmarks wird damit erklärt, dass jemand gelähmt sei, wenn ein Israeli ihn an dieser Körperstelle verletze.

Das aktuelle Curriculum verstoße systematisch gegen alle Prinzipien und Mindeststandards, die die Unesco für Schulbücher formuliert habe, sagt Marcus Sheff von der israelischen NGO Impact-se, die alle 170 derzeit eingesetzten palästinensischen Lehrbücher analysiert hat. Am Telefon sagt Sheff: „Wer Kindern derart Hass einimpft und Terroranschläge durchweg als erstrebenswert darstellt, möchte jede künftige Annäherung langfristig verhindern.“

Zuständig für die Ausgestaltung und Verteilung der Lehrbücher ist das Bildungsministerium der palästinensischen Autonomiebehörde. Um einen Überblick über die Dimension des Problems zu erhalten und sich dabei nicht auf die Analyse der Israelis verlassen zu müssen, hat die EU eine eigene Studie beschlossen.

Den Auftrag bekam das Braunschweiger Georg-Eckert-Institut, das Leibniz-Institut für internationale Schulbuchforschung. Im August dieses Jahres wurde ein 177-seitiges Dokument öffentlich, ausgewiesen als Zwischenbericht des Instituts. Der Inhalt erstaunt: Anders als die israelische NGO konstatiert dieser Bericht durchaus positive Entwicklungen.

So seien in die Schulbücher diverse Stellen eingefügt worden, die für „Frieden werben oder Toleranz gegenüber Israelis zeigen“. Die Autoren werten dies als Zeichen für „sorgfältige Überlegung und Differenzierung“ gegenüber Israelis.

In Wirklichkeit ist den Verfassern eine schwere Panne unterlaufen. Sie haben schlicht das falsche Schulbuch untersucht. Alle fraglichen Beispiele, die für „Frieden werben oder Toleranz gegenüber Israelis zeigen“, stammen nicht etwa aus Lehrbüchern der palästinensischen Autonomiebehörde, sondern aus Bänden, mit denen arabische Schüler in Ostjerusalem unterrichtet werden. Diese Bücher werden aber vom Staat Israel bezahlt und gestellt.

Marcus Sheff von Impact-se nennt den Bericht „bizarr“, eine derartige Verwechslung lasse an der Kompetenz der Verfasser zweifeln. Zudem hätten die Autoren reihenweise Hetze ignoriert, etwa die Behauptung, Juden seien gierig, kontrollierten das Geld und die Politik. Nicht einmal die Tatsache, dass in einem Sprachbuch für Neuntklässler das Verbrennen von Juden durch Molotowcocktails als „Barbecue-Party“ gefeiert wird, sei erwähnt worden.

Das Georg-Eckert-Institut erklärt dagegen, das als Zwischenbericht ausgewiesene Dokument sei keinesfalls ein Zwischenbericht, eine Veröffentlichung nie geplant gewesen. Worum es sich bei den 177 Seiten stattdessen handeln soll und weshalb das Wort „Zwischenbericht“ die Deckseite ziert, verriet das Institut zwei Monate lang nicht.

Erst gegenüber dem Tagesspiegel erklärt Riem Spielhaus, die Leiterin der Studie, nun, das Dokument basiere auf einer „für die interne Kommunikation bestimmte Präsentation“, die während des Shutdowns über eine Online-Plattform erfolgte. Dass die genannten Beispiele, die als positive Entwicklung gedeutet wurden, gar nicht von palästinensischer Seite stammen, sei dem Team im Laufe der Studie selbst aufgefallen. „Das gehört zum Arbeitsprozess in der Wissenschaft.“

Spielhaus sagt: „Wenn wir diese Präsentation veröffentlicht hätten, auf einer Konferenz oder in einer Publikation, und uns dabei so ein Fehler unterlaufen wäre, das wäre vielleicht peinlich. Das haben wir aber nicht.“ Genau erklärt werde das im finalen Bericht. Den will das Institut Ende des Monats der EU überreichen.

Dass die Lehrer an palästinensischen Schulen die Hassinhalte der Bücher nicht nur übernehmen, sondern teilweise sogar zuspitzen, konnte man in den vergangenen Monaten erfahren. Pandemiebedingt wurde an vielen Schulen online unterrichtet – zum Teil über Streams auf Youtube oder Facebook.

Terroristenverehrung im Online-Unterricht.
Terroristenverehrung im Online-Unterricht. © Screenshot Youtube

Bekannt wurde so etwa der Unterricht eines palästinensischen Grundschullehrers in Hebron, der Mitschnitt ist bis heute öffentlich abrufbar: Darin schwärmt der Lehrer von der Terroristin Dalal al Mughrabi, die 1978 gemeinsam mit Komplizen einen Anschlag, das sogenannte „Küstenstraßen-Massaker“, in der Nähe von Tel Aviv durchgeführt hatte. 38 israelische Zivilisten kamen ums Leben, darunter 13 Kinder.

Musikalisch untermalt zeigt der Lehrer Bilder der Tat, beschreibt detailliert, wie die Frau vorging und dass die israelischen Sicherheitskräfte für alle Gewalt verantwortlich seien. Dann lobt er, die Frau habe mit ihrem Blut der Heimat geholfen. Ihre Tat sei auch „eine Botschaft, dass wir niemals aufhören werden“ mit dem bewaffneten Kampf. Es existieren weitere Videos, auch aus Mädchenschulen, in denen Dalal al Mughrabi im Online-Unterricht gepriesen wird.

Auf die Präsenz von Dalal al Mughrabi in palästinensischen Lehrbüchern geht auch die Präsentation des Georg-Eckert-Instituts ein. Allerdings wird al Mughrabi dort nicht als Terroristin bezeichnet. Die Überschrift auf der fraglichen Seite lautet vielmehr: „Wenn Frauen empowered werden.“

Dschihad als „der wichtigste Sinn des Lebens“

Die Verehrung von Märtyrern, die im Kampf gegen Israel ihr Leben lassen, zieht sich durch die Schulbücher aller Klassen. In der fünften Klasse wird gelehrt, dass für einen Palästinenser Kampf, Dschihad und das Opfern des eigenen Lebens „der wichtigste Sinn des Lebens“ sind. Märtyrer seien Helden („Wir lernen, in ihre Fußstapfen zu treten … Jeder von uns möchte wie sie sein“). An anderer Stelle werden auch die Terroristen des Münchner Olympia-Attentats 1972 als Helden präsentiert.

Damit die palästinensische Autonomiebehörde endlich den Antisemitismus und die Gewaltaufrufe aus den Schulbüchern entfernt, bedürfe es dringend politischen Drucks, sagt Jörg Rensmann, Programmdirektor beim Mideast Freedom Forum Berlin. Auch die Bundesregierung sei hier gefordert, schon allein wegen der erheblichen Gelder der deutschen Steuerzahler, die in den Bildungssektor der Autonomiebehörde fließen.

Seit drei Jahren habe das Forum immer wieder auf die offensichtlichen Missstände hingewiesen. „Ein Problembewusstsein erkenne ich, aber leider bekommt man den Eindruck, dass dieses Problem nicht angegangen, sondern verschleppt werden soll.“ Möglichkeiten, Druck zu erzeugen, habe die Bundesregierung reichlich, zum Beispiel über Gremien wie den deutsch-palästinensischen Lenkungsausschuss. „Aber durch das Zögern werden immer neue junge Menschen radikalisiert. Das macht eine Zwei-StaatenLösung noch schwieriger.“

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