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Weltmacht gegen Entwicklungsland

Die deutsche Auswahl trifft in Dresden auf Ungarn. Dort ist Wasserball ein Nationalsport und ein Massenphänomen.

Bei der Schwimm-WM 2017 wurden die Wasserballspiele im Alfred-Hajos-Bad auf der Margareteninsel in Budapest ausgetragen. Waren die Ungarn im Wasser, feuerten 7 000 Zuschauer ihre Mannschaft an, die Stimmung ähnelte der beim Fußball © dpa/Thomas Eßer

Die exakt 867 Zuschauer, die sich am Dienstagabend in die ausverkaufte Schwimmhalle drängen, müssen auf eine Sensation hoffen. Alles andere wäre unrealistisch. Im Wasserball gegen Ungarn zu gewinnen, ist generell schwierig – und für die deutsche Mannschaft nahezu aussichtslos. Prominenter hätte der Gegner für das zweite Länderspiel nach 1990 in Dresden jedenfalls nicht sein können. Und schwieriger auch nicht: Rekord-Olympiasieger, dreimaliger Weltmeister, amtierender Weltcup-Sieger – Ungarn ist im Wasserball eine Weltmacht und Deutschland, zumindest gegenwärtig, ein Entwicklungsland.

Die Gegensätze lassen sich nicht nur anhand der Statistiken belegen. Sie werden auch deutlich, wenn es um den Stellenwert der ältesten olympischen Mannschaftssportart geht. Wie etwa vor zwei Jahren bei der Schwimm-WM in Budapest. Mit Katinka Hosszu hatten die Gastgeber eine erfolgreiche und umjubelte Beckenschwimmerin am Start, doch der eigentliche Höhepunkt war für die Ungarn das Wasserball-Turnier, das im geschichtsträchtigen Alfred-Hajos-Bad ausgetragen wurde.

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Am Montagabend hatten die DSC Volleyball Damen bereits mit den Sponsoren und Partnern die Saison Revue passieren lassen. 

Die Organisatoren hatten Stahlrohrtribünen aufgetürmt, 7 000 Zuschauer passten ins provisorische Stadion. Und weil selbst diese imposante Kapazität nicht ausreichte, wurden die Spiele auf eine Videowand in einer Public-Viewing-Zone gleich nebenan übertragen. Wasserball als Volksfest und Massenphänomen. Die Party hatte nur einen kleinen Makel: Das Finale verlor der Gastgeber gegen Kroatien.

Bundestrainer Hagen Stamm: "Da kann man in Deutschland nur neidvoll nach Ungarn gucken. Dort haben die Wasserballer einen Nationalhelden-Status." © Robert Michael

Deutschland hatte sich erst gar nicht für die WM qualifiziert, die Mannschaft fehlte auch bei den beiden vergangenen Olympiaturnieren. Gerade steckt Mister Wasserball Hagen Stamm im Neuaufbau. Einen ersten Erfolg konnte der Bundestrainer mit den größtenteils jungen Spielen bereits feiern. Bei der WM im Juli im südkoreanischen Gwangju ist das Team dabei.

Von den Verhältnissen in Ungarn ist man hierzulande allerdings weiter weit entfernt. Ob sie sich jemals annähern werden? „Man sollte nie aufhören zu träumen, aber auch Realist bleiben“, sagt Stamm. Wasserball habe in Ungarn einen Stellenwert wie bei uns der Fußball, vergleicht der 58-Jährige und nennt ein Beispiel: „Wenn dort in einer Kleinstadt in einer Halle ein Aushang für ein Probetraining gemacht wird, stehen 100 Jungs aus einem Jahrgang vor der Tür. Kollegen aus Ungarn sagen mir, sie wissen nicht, wie sie mit dem Ansturm fertig werden sollen.“

In Deutschland dagegen ist Nachwuchs Mangelware. Es fehlen Wasserflächen, überall konkurrieren die Vereine mit den Schwimmern, meist verlieren sie den Kampf. „Wir bräuchten Hallen speziell für Wasserballer, dann könnte man auch etwas entwickeln.“ Das, weiß auch Stamm, ist jedoch unrealistisch und die Sportart eine Randerscheinung. Das liegt auch an den Medien, kein Sender überträgt mal ein Spiel. Es ist ein Dreiklang, der wenig Optimismus verbreitet: kaum Öffentlichkeit, wenige Hallen, fehlender Nachwuchs.

Keine Rolle zu DDR-Zeiten

Dabei gab es auch andere Zeiten. In den 1980er-Jahren gewann die Bundesrepublik EM-Gold, WM- und Olympia-Bronze. „Es wurde versäumt, mehr daraus zu machen, es besser zu vermarkten“, findet Stamm, der damals als Spieler bei allen Erfolgen dabei war. „Auf der anderen Seite muss man sagen: Wir waren auch damals schon ein Fußball-, Tennis- und Formel-1-Land.“

In der DDR war das anders, Wasserball spielte hier ab 1969 quasi überhaupt keine Rolle mehr. Für eine olympische Medaille erschien den Funktionären der Aufwand zu groß und die Erfolgsaussichten zu gering, der Leistungssportbeschluss beendete die Förderung abrupt. Die Nachwirkungen sind selbst 29 Jahre nach der Wiedervereinigung zu spüren, einzig Potsdam hat sich inzwischen als Wasserballstandort im Osten etabliert. In Dresden ist der SWV TuR, der auch das Länderspiel am Dienstag ausrichtet, als Zweitligist der beste Verein.

Nach der Premiere im Dezember 2017, die die deutsche Mannschaft gegen Russland erst im Fünfmeterwerfen verloren hatte, wurden die Organisatoren mit Lob überhäuft. Stamm wünschte sich direkt nach dem Abpfiff eine Wiederholung. Erneut wird die Partie im Rahmen der Weltliga ausgetragen. Weitere Gegner in der Gruppe sind wiederum Russland sowie Malta. Gegen den Außenseiter von der Mittelmeer-Insel feierte Stamms Mannschaft einen Kantersieg, gegen Russland verlor sie deutlich – genauso wie das Hinspiel gegen Ungarn, Mitte Oktober endete die Partie 9:17. Ein Debakel war das aber nicht, eher Normalität, die Unterschiede sind einfach zu groß. „Man kann in Deutschland nur neidvoll nach Ungarn gucken. Dort haben die Wasserballer einen Nationalhelden-Status“, sagt Stamm. In Dresden spielt seine Mannschaft am Dienstag wie 2017 in einer ausverkauften Halle. Immerhin.