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Weniger Straßenbahnen aus Bautzen

Beide Betriebe bauen künftig Reisezugwagen unter einer gemeinsamen Leitung. Zu Jobzahlen schweigen die Manager.

© dpa

Tilo Berger

Bautzen/Görlitz. Für ihre Manager und den sächsischen Wirtschaftsminister haben die Görlitzer Bombardier-Werker am Donnerstag extra ihre Halle gewienert und Spinde aus dem Weg geräumt. Das Auge könnte ja mitentscheiden, wenn es um die Zukunft des Werkes geht. Dabei ist die Entscheidung längst gefallen. Zuerst erfahren diese die jungen Mitarbeiter, die sich aus Sorge um ihre Arbeitsplätze vor dem Verwaltungsgebäude des Görlitzer Werkes versammelt haben. Minister Martin Dulig (SPD) spricht mit ihnen und erntet Beifall.

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Wenig später verkündet der für Zentral- und Osteuropa zuständige Bombardier-Präsident Dieter John vor der Presse offiziell, was seit dem Herbst vergangenen Jahres schon vermutet wird: Der weltgrößte Schienenfahrzeughersteller schließt seine beiden Standorte in Bautzen und Görlitz zusammen und bildet daraus das neue Werk Sachsen. Grund dafür sei der steigende Wettbewerbs- und Kostendruck. Die Umstrukturierung soll „so schnell und so reibungslos wie möglich“ vor sich gehen und spätestens in drei Jahren abgeschlossen sein, sagt John auf Anfrage der SZ.

Das Werk in Görlitz soll für den Roh- und Komponentenbau von Reisezugwagen zuständig werden, das Werk in Bautzen für den Innenausbau und die Montage der Fahrzeuge. In Bautzen verbleibt außerdem zumindest vorerst der Bau von Straßenbahnen, aber offenbar nicht mehr im gleichen Umfang wie bisher. Um Platz zu schaffen für den Bau der Reisezugwagen, würden Teile der Straßenbahnfertigung ins Bombardier-Werk Wien verlagert. „Wir wollen dadurch in Sachsen wettbewerbsfähiger werden“, bekräftigt John.

Dulig erinnert an Fördermittel

Eine langfristige Bestandsgarantie für beide Betriebe vermeidet der Zentral- und Osteuropa-Präsident ebenso wie konkrete Aussagen zur künftigen Zahl der Mitarbeiter. „Wir sagen aber nicht, dass alle, die heute eine Stelle haben, diese auch behalten.“ Zu Details sei das Management mit der Arbeitnehmerseite im Gespräch, für Zahlen sei es noch zu früh, sagt der Bombardier-Manager. Bisher stehe nur fest, dass beide Standorte künftig von einer gemeinsamen Betriebsleitung geführt werden. Zurzeit arbeiten im Görlitzer Werk etwa 2 500 Beschäftigte, im Bautzener reichlich 1 000. Viele von ihnen sind Leiharbeiter – allein in Görlitz mehr als 800.

Für den Fall von Kürzungsplänen kündigt der Ostsachsen-Chef der Industriegewerkschaft Metall, Jan Otto, eine „andere Gesprächskultur“ an. „Dann sitzen wir nicht mehr so gemütlich zusammen.“ Der Termin am Donnerstag ist auf Initiative der IG Metall zustande gekommen, die Gewerkschaft war es auch, die den Wirtschaftsminister dazu eingeladen hatte.

Dulig sagt, Bombardier arbeite „an einer Zukunft, nicht am Abgesang“. Dies sei zu begrüßen. „Alle wollen eine Lösung mit Zukunft, nach vorne.“ Er erinnert die Manager aber im selben Atemzug daran, dass der Freistaat Sachsen den Konzern in der Vergangenheit mit Fördermitteln für seine sächsischen Werke unterstützt habe. Dies müsse Bombardier bei seinen Entscheidungen bedenken.

Der Görlitzer Betriebsratsvorsitzende Volker Schaarschmidt fordert vom Konzern eine aggressivere Marktarbeit. Als Beispiel nennt er einen Rahmenvertrag, den Bombardier mit der Deutschen Bahn AG über die Lieferung von 800 neuen Doppelstockwagen – „unser Haus- und Hofprodukt“ – abgeschlossen hat. „Bisher sind aber erst 568 davon wirklich unter Vertrag, die anderen müssen auch noch unter Dach und Fach“, erklärt der Betriebsratsvorsitzende.

2015 hatte das Görlitzer Werk Arbeit nach Bautzen abgegeben. Das half damals beiden Standorten. Görlitz hatte mit mehreren Aufträgen gleichzeitig viel zu tun, Bautzen litt unter einer Flaute im Straßenbahnbau. Jetzt macht Bombardier aus der provisorischen Lösung eine auf Dauer.