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Gesundheit

Wenn Ängste das Leben lähmen

Angstgefühle sind wichtig. Sie sind ein natürlicher Schutzmechanismus des Organismus.

Eine der häufigsten Ängste: Höhenangst. Es gibt sehr
gute Therapien, Ängste wie diese zu überwinden.
Eine der häufigsten Ängste: Höhenangst. Es gibt sehr gute Therapien, Ängste wie diese zu überwinden. © Unsplash.com/Isaac Viglione (Symbolfoto)

Doch wenn schon alltägliche Situationen starke Ängste auslösen und damit auch den Alltag einschränken, sollten Betroffene therapeutische Hilfe suchen.

Schweißausbrüche, ein rasendes Herz und zitternde Knie, alles scheint sich zu drehen – das sind typische Angstreaktionen des Menschen in lebensbedrohlichen Situationen. Wenn jedoch eine Spinne im Treppenhaus oder die Straßenbahn auf dem Weg zur Arbeit den Körper dermaßen unter Stress setzen, dass Betroffene die Wohnung nicht mehr verlassen mögen, kann eine Angststörung vorliegen. 

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Doch niemand muss sich mit solchen Panikattacken abfinden. Angststörungen zählen zwar zu den häufigsten, jedoch längst auch zu den am besten behandelbaren psychischen Störungen. 

Zunächst das Gespräch mit dem Hausarzt suchen

Erste Anlaufstelle für Betroffene sollte in jedem Fall der Hausarzt sein. Allerdings: Einen Patienten dauerhaft arbeitsunfähig zu schreiben und ihm ein Beruhigungsmedikament zu verordnen, ist kontraproduktiv und trägt zur Verfestigung des Leidens bei, die Angst wird chronisch. Deshalb ist die Überweisung zu einem ärztlichen oder psychologischen Psychotherapeuten durch den Hausarzt in aller Regel die beste Option. 

Auslöser der meisten Angststörungen sind psychosoziale Belastungen. Dabei stellen die Therapeuten bei überproportional vielen Betroffenen unsichere Bindungserfahrungen – etwa zu den Eltern – fest. „Psychosomatische Störungen sind zumeist Ausdruck ungelöster Konflikte, die stark mit der eigenen Biografie zusammenhängen und verschiedenste Ängste auslösen können. Ein Schwerpunkt ist es daher, diese verborgenen Konflikte den Patienten bewusst zu machen“, erklärt Prof. Kerstin Weidner, Direktorin der Klinik für Psychotherapie und Psychosomatik des Dresdner Uniklinikums. Dies geschieht unter anderem in Form einer individuellen Biografiearbeit. 

Bei dieser strukturierten Form der Selbstreflexion lernen sich die Patienten aus einer anderen Perspektive kennen. Mit den Therapeuten und in der Gruppe, erschließen sie sich die durchlebten, oft aber noch zu bewältigenden Konflikte.

Patienten werden behutsam an ihre Ängste herangeführt

Diesen am Behandlungsbeginn stehenden Therapiesitzungen folgen die sogenannten Expositionssitzungen: Dabei nähern sich Therapeut und Patient der angstauslösenden Situation. Hat der Patient beispielsweise massive Angst vorm Überqueren einer Brücke, geht der behandelnde Psychotherapeut mit dem Patienten zu einem solchen Bauwerk. Der Betroffene kann so korrigierende Erfahrungen machen. 

Das Dresdner Uniklinikum hat für diese Patienten vor vier Jahren eine spezialisierte Tagesklinik für Angst- und Zwangserkrankungen eröffnet. Dr. René Noack, Leiter der Tagesklinik erklärt: „Im Rahmen unserer meist fünfwöchigen teilstationären Gruppen- und Einzeltherapie behandeln wir werktags acht Patienten, die sich intensiv mit ihrer Störung auseinandersetzen. Der Schwerpunkt liegt auf der Ermöglichung vieler durch einen Therapeuten begleiteten Konfrontationen mit den Angstsituationen. 

Auch nach der Therapie lassen wir unsere Patienten nicht allein und bieten ihnen Hilfe im Rahmen einer ambulanten Nachsorgegruppe an. Sie hilft, den Therapieerfolg zu stabilisieren. Außerdem gehören sogenannte ‚Boosterwochen‘ zu unserem Therapiekonzept. In den zwei- bis dreiwöchigen Folgetherapien werden nach sechs bis zwölf Monaten die Erkenntnisse der Therapie erneut ins Bewusstsein gerückt und die Erfolge ausgebaut.“ (Holger Ostermeyer)

Wenn Angst zur Krankheit wird

Experten unterscheiden zwischen Panikstörungen, Generalisierten Angststörungen, Phobien und Zwangsstörungen. Panikattacken sind dadurch gekennzeichnet, dass sie plötzlich und unerwartet auftreten und mit starken körperlichen Symptomen wie Herzrasen, Atemnot, Benommenheit, Unwirklichkeitsgefühlen bis hin zu Todesangst verbunden sind.

Sogenannte Agoraphobien drücken sich in Ängsten vor Orten oder Situationen aus, von denen die Flucht unmöglich oder peinlich erscheint oder im Falle einer Panikattacke keine Hilfe verfügbar wäre. Die Konsequenz für Betroffene ist dann mitunter, dass sie ihr Haus nicht mehr verlassen, keine öffentlichen Verkehrsmittel nutzen, letzten Endes ihren Arbeitsplatz verlieren.

Auch spezifische Phobien wie beispielsweise auf Tiere schränken Betroffene durch Vermeidungsstrategien ein. Bei generalisierten Angststörungen sind die Menschen in wechselnden Sorgenkreisläufen gefangen. Ein Beispiel sind Mütter, die sich immer wieder vorstellen, was passieren kann, wenn ihr Kind allein zur Schule geht. Ärztliche Hilfe sollten Betroffene spätestens dann suchen, wenn die Beeinträchtigungen durch eine dieser Angststörungen die Leistungsfähigkeit deutlich herabsetzen und ein normales Leben erschweren.

Dieser Beitrag erschien in der "Medizin heute" 04/2019.