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Wenn alle Konzentration im nächsten Pfeil steckt

„Es ist befreiend“ - in Rathen entdecken immer mehr Menschen den Bogensport für sich.

© Norbert Millauer

Von Stephan Klingbeil

Rathen. Bären, Wildschweine sind ihre Ziele, sogar Wale und Krokodile gilt es schon mal zu treffen. Freilich müssen die vielen, aus ganz Deutschland angereisten Teilnehmer der alljährlichen „Rathener Bogenjagd“ auf den Wiesen und Wälder rund um kleinen Kurort Rathen in der Sächsischen Schweiz keine echten Tiere erlegen. Die Ziele sind aus Styropor. An zwei Tagen nehmen die Schützen die Tierattrappen auf einem Parcours mit etwa 30 Stationen aus verschiedenen Distanzen ins Visier. Wer dabei die meisten Treffer landet, gewinnt.

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Bei dem vom ortsansässigen Hotelier Jens Gehrig seit 2008 organisierten, auch als „Raboja“ bekannten Wettstreit im sogenannten 3-D-Bogenschießen messen sich auch dieses Jahr wieder rund 200 Hobbyschützen. Mit am 14. und 15. April dabei sein werden auch Freimut Rienäcker und andere Freizeitsportler von der Rathener Bogengilde. 2011 hatten sich mehrere von ihnen zusammengetan, nachdem sie sich bei der „Rathener Bogenjagd“ von der Leidenschaft haben anstecken lassen.

„Da ist man den ganzen Tag in der Natur an der frischen Luft unterwegs in der Gruppe, das macht richtig Spaß“, erklärt der Vereinsvorsitzende Freimut Rienäcker. Solche sportlichen Ausflüge schätzen offenbar auch immer mehr Bogenschützen aus der Region. Nicht nur die „Raboja“ sei beliebt, auch der Sport an sich erfreue sich stetig wachsender Beliebtheit.

„Viele Mitglieder und auch ihre Kinder, die hier mittrainieren, kommen aus dem Altkreis Sächsische Schweiz, aber nicht nur“, sagt der 42-Jährige aus Kurort Rathen. Durch die Bogensporthalle und die moderne Außenanlage im Landhotel Nicolai in Lohmen werden ausgezeichnete Trainingsbedingungen geboten – das ganze Jahr über. Das spricht sich rum und sei wichtig, um weiterhin Nachwuchs zu gewinnen.

Geschossen wird im Verein mit traditionellen Langbögen sowie mit sogenannten Jagd-, Recurve-, Reiter- und auch Primitivbögen. Kostenintensivere Wettkampfwaffen, wie viele sie von internationalen Turnieren wie den Olympischen Spielen kennt, kommen bei der Bogengilde nicht zum Einsatz. Dort wird auf technische Hilfsmittel wie Visiere oder Stabilisatoren verzichtet. Denn das Erlernen des intuitiven Schießens steht hier im Vordergrund. Darüber hinaus kostet schon eine normale Bogenausrüstung 200 bis 300 Euro. „Und die Pfeile sollte man deshalb auch besser mehrmals verwenden“, sagt Rienäcker.

Für Anfänger und Teilnehmer der regelmäßigen Schnupperkurse würden die Bögen allerdings vom Verein zunächst gestellt. „Mit der Zeit findet jeder jedoch seine Lieblingsdisziplin und hat dann auch eigene Bögen“, sagt der Vereinschef. Manche Mitglieder, zum Beispiel die Traditionellen Schützen, stellen ihre Ausrüstung teils sogar selbst her und orientieren sich an historischen Vorbildern. Auch für sie steht vor allem der Spaß am Sport im Vordergrund. Allerdings hat der Verein 2016 begonnen, sich neben dem reinen Freizeitvergnügen auch etwas in Richtung Leistungssport zu orientieren. Dieser Schritt kam nicht von ungefähr. Denn gleich mehrere Amateursportler aus dem Verein sind richtig gut drauf. Sie konnten nicht nur auf Landestitelkämpfen überzeugen, sondern auch bei Turnieren der beiden deutschen Dachverbände auf Bundesebene.

Ralf Müller wurde etwa kürzlich bei den Hallentitelkämpfen des Deutschen Feldbogen Sportverbands in Halle/Saale Vizemeister, Beate Müller Dritte. Die schon in Vorjahren mehrfach erfolgreiche Elke Kunze holte Mitte März bei den Deutschen Hallen-Meisterschaften in Mühlhausen Ü-40-Gold, Karsten Tschirner Silber in der Altersklasse Ü45.

Melanie Leuschke erreichte mit dem Jagdbogen - nach mehreren Titeln bei ähnlichen Veranstaltungen – indes dieses Mal „nur“ den sechsten Platz. „Zufrieden bin ich nicht“, erklärt die 22-Jährige. „Ich befinde mich aber derzeit in einer Trainingsphase, in der ich mich noch stark stabilisieren muss. Mein Hauptaugenmerk lege ich dieses Jahr nach draußen, in den Bereich 3-D.“ Leuschke ist Rathens Toptalent: Allein 2017 wurde sie zweimal Deutsche Meisterin und mehrfache Landesmeisterin..

Die von Altmeister Jürgen Lippek trainierte Bogenschützin wurde n auch in den Landeskader berufen. Nun fährt sie zu den Europameisterschaften der beiden Dachverbände nach Oberwiesenthal und Göteborg. Dabei besteht die Chance, für den Bundeskader nominiert zu werden. Das wäre ein weiterer großer Schritt für die talentierte Bogenschützin, die diesen Sport erst 2015 bei einem Fest in ihrem Heimatort für sich entdeckt hatte.

Beim Bogenschießen sei „man auf sich selbst gestellt und doch mitten im Geschehen voller Geräusche, Menschen, Wettereinflüsse“, erläutert sie die Faszination für ihren Sport. „Zum anderen ist es ein, ja fast schon berauschendes Gefühl, wenn man sich bewusst macht, dass du in deinen nächsten Pfeil all deine Konzentration, Stärke und Ausdauer steckst und dieser genau dort landet, wo du hinhaben wolltest – ein unbeschreibliches Gefühl. Bogenschießen wird nicht umsonst auch als Therapiemethode benutzt. Es ist befreiend.“

Ihre Lieblingsdisziplin ist das 3-D-Schießen. „Es ist die ursprünglichste Form des Bogenschießens und da ich die Natur liebe, ist es offensichtlich, dass ich diese Disziplin liebe.“ Daher wird auch sicher Mitte April wieder bei der „Raboja“ teilnehmen – so wie viele andere aus ihrem Verein, der Rathener Bogengilde.

Kontakt: Rathener Bogengilde e.V., Trebenweg 7, 01824 Kurort Rathen. Tel. 035024 70227; Mail oder Internet