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Wenn das Handy süchtig macht

Projekte an den Schulen helfen bei Aufklärung – auch der Eltern. Trotzdem gibt es eine hohe Gefährdung.

© Getty Images

Von Sylvia Jentzsch

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Döbeln. Früher hatten Jugendliche, wenn überhaupt, ein Telefon, um miteinander zu sprechen. Jetzt hat fast jeder Schüler ein Smartphone, meist mit einem Vertrag, der auch den Zugang zum Internet ermöglicht. Mit dem Smartphone wird nicht nur telefoniert. Es werden unter anderem Fotos gemacht und verschickt, Nachrichten per WhatsApp versendet, Spiele gespielt und Informationen gegoogelt. Wer das Smartphone richtig nutzt, kann dadurch Vorteile haben. Doch es gibt auch Schattenseiten, die diese für jeden zugänglichen Netzwerke mit sich bringen. Hinzu kommt, dass eine Art Sucht entstehen kann. Darauf machte die DAK Gesundheit aufmerksam.

Eine repräsentative Umfrage der DAK-Gesundheit und des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf zeigt, dass rund 100 000 Kinder und Jugendliche süchtig nach sozialen Medien sind. Dafür nutzen sie Smartphones, Tablets oder Laptops.

Um Fragen von Eltern und Interessierten zu beantworten, bot die DAK-Gesundheit in Döbeln am Mittwoch per Telefon Gespräche mit Experten an. „Die Hotline wurde sehr gut angenommen. Es riefen etliche Eltern an, die sich auch ausschließlich positiv über das Angebot äußerten“, so Florian Kastl, Sprecher der Krankenkasse.

Expertenrat am Telefon

Den meisten Eltern sei es vor allem um eine Einschätzung des Verhaltens ihrer Kinder gegangen. Sie wollten wissen, woran zu erkennen ist, dass jemand nach sozialen Medien süchtig ist. „Die Symptome einer solchen Sucht unterscheiden sich zunächst einmal nicht wesentlich von denen anderer Süchte“, sagte Florian Kastl. Betroffen seien Kinder und Jugendliche, die einen starken inneren Zwang verspüren, soziale Netzwerke zu benutzen. „Geht das nicht, beispielsweise im Urlaub oder auch in der Schule, so treten Entzugserscheinungen wie innere Unruhe, Schlafstörungen, Gereiztheit oder Aggressivität auf“, sagte der Mitarbeiter. Alarmsignale könnten Übermüdung sein, da bis spät in die Nacht gechattet wird, das Vernachlässigen von anderen sozialen Aktivitäten. Möglicherweise seien auch Leistungseinbrüche in der Schule die Folge.

„Viele Eltern fragten nach Warnsignalen und nach Tipps, wie einer übermäßigen Nutzung sozialer Medien entgegengewirkt werden könnte“, so Kastl. Oft hätten ihnen die Sorgen von den Spezialisten genommen werden können, indem diese das Nutzungsverhalten als unproblematisch klassifizierten. Ein Großteil der Eltern interessierte sich für die Handynutzung im Allgemeinen. „Die wenigsten Eltern wissen, welche Apps oder andere Arten von Social-Media ihre Kinder am meisten nutzen. In einigen Fällen wurden Kontakte zu Psychotherapeuten hergestellt“, so Kastl.

Projekte an den Schulen

Der richtige Umgang mit sozialen Medien ist auch für die Oberschule Hartha ein wichtiges und ernstzunehmendes Thema. Bereits in Klasse fünf gibt es dazu zwei Projekttage. Schon zum vierten Mal beteiligte sich die Schule in diesem Jahr am Projekt „Social Web macht Schule“ der Queo GmbH. „Die Zusammenarbeit mit Queo ist toll und wir merken, dass das Angebot auch bei unseren Schülern ankommt, die sich gern mehr als zwei Tage mit dem Thema beschäftigen würden“, so Schulleiterin Kerstin Wilde.

„Wir müssen die Kinder für den Umgang mit den sozialen Medien sensibilisieren. Ich denke da an Klassenchats, in denen leichtfertige Äußerungen schnell zu Missverständnissen führen können“, so Schulleiterin Kerstin Wilde. Die Kinder und Jugendlichen müssten erkennen, wann das Handy einmal weggelegt werden muss. Es gehe da zum einen um gesundheitliche Aspekte und zum anderen um die Prävention, da es ein Suchtpotenzial gebe, so die Schulleiterin. Wichtig sei, dass die Pädagogen die neuen Medien nicht aus der Schule verbannen wollen – im Gegenteil. Die Kinder und Jugendlichen sollen den bewussten Umgang lernen, deren Vorteile nutzen und eine Medienkompetenz erwerben.

So wird es auch am Döbelner Lessing-Gymnasium gehandhabt, das als sogenannte „Smart School“ ausgezeichnet wird. Sozialpädagogin Susann Grasse übernimmt es, die Kinder in der fünften und sechsten Klasse für den fairen Umgang in den sozialen Medien zu sensibilisieren. „Es werden Regeln für Klassenchats festgelegt“, sagte Fachleiterin Ursula Kührig. Die Siebtklässler erfahren von Uwe Strassberg vom ICAFF (Internetcafé und medienpädagogisches Projekt des Kontakt-, Jugend- und Gemeindezentrums in Lichtenau) die positiven und negativen Seiten der neuen Medien und lernen, was beim Umgang zu beachten ist. Passend dazu gibt es einen Elternabend. In der zehnten Klasse wird das Thema Cybermobbing aufgegriffen. Dazu referiert ein Fachmann der Polizeidirektion Chemnitz. „Da wir im Unterricht die neuen Medien vielfältig nutzen, werden die Schüler immer wieder belehrt“, so Kührig. Für die Nutzung des Handys gibt es sowohl an der Pestalozzi-Oberschule Hartha als auch am Lessing-Gymnasium in Döbeln klare Regeln.

Eltern wachrütteln

Kristin Wrubel, Projektleiterin „Social Web macht Schule“ von Queo empfiehlt sogar, bereits ab der ersten Klasse über den Umgang mit sozialen Medien zu sprechen. Vor allem müssten die Eltern angesprochen werden, bevor diese ihren Kindern ein Smartphone kaufen. „Sie meinen es sicher gut, machen sich aber keine Gedanken um Sicherheitseinstellungen. Dabei ist es angsteinflößend, wie viele persönliche Daten preisgegeben werden“, sagte Wrubel. Oft würden sich die Eltern auch nicht intensiv genug mit der Technik auseinandersetzen, sie selbst nicht richtig kennen. Eltern sollten auch Vorbild für die Kinder sein, wenn es um die Nutzung von neuen Medien geht – also nicht bei jeder Gelegenheit das Handy am Ohr haben.

Wrubel spricht von einer Gratwanderung, wenn es um soziale Medien geht. Der Umgang mit ihnen sei wichtig, müsste aber bis zu einem gewissen Alter von den Eltern begleitet werden, so die Projektleiterin. Smartphones seien kein Mittel, um Kinder ruhig zu stellen. Sie empfiehlt die Anschaffung eines Smartphones nicht vor der sechsten oder siebten Klasse.