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Wenn das Zuhause zur Gefahr wird

In vielen Hundert Fällen wurde im vergangenen Jahr im Kreis geprüft, ob Kinder vernachlässigt oder misshandelt wurden.

© Symbolfoto: dpa

Von Dominique Bielmeier und Franz Werfel

Dippoldiswalde/Freital. Sachsens Jugendämter haben im Jahr 2016 in genau 5 555 Fällen geprüft, ob Kinder zu Hause gefährdet sind – 271 weniger als 2015. Wie hat sich die Situation im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge entwickelt? Was ist Kindeswohlgefährdung überhaupt und wie gehen die Mitarbeiter des Kreisjugendamtes in so einem Fall vor? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick.

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Was ist Kindeswohlgefährdung eigentlich?

Zunächst ein schwammiger Begriff, der gesetzlich nicht klar definiert ist. Der Bundesgerichtshof versteht darunter „eine gegenwärtige, in einem solchen Maße vorhandene Gefahr, dass sich bei der weiteren Entwicklung eine erhebliche Schädigung mit ziemlicher Sicherheit voraussehen lässt“. Allgemein werden körperliche, geistige und seelische Misshandlungen, sexueller Missbrauch und Vernachlässigungen als Kindeswohlgefährdung verstanden. Kati Hille (CDU), Beigeordnete des Landrates und verantwortlich für das Jugendamt, sagt, dass es für die Mitarbeiter des Amtes immer schwierig ist, zu unterscheiden, ab wann genau das Wohl eines Kindes gefährdet ist. „Bei offensichtlichen Spuren von physischer Gewalt wie blauen Flecken bemerken wir das aber recht schnell und handeln“, sagt sie.

Wie viele Verfahren zur Einschätzung einer Kindeswohlgefährdung gab es?

Das Kreisjugendamt muss Jahr für Jahr zum 1. Februar die Gefährdungseinschätzung an das Statistische Landesamt melden. Danach prüft dieses die Daten zunächst. Deshalb verweist Kati Hille darauf, dass die Zahl der Meldungen für das vergangene Jahr noch „nicht öffentlich belastbar“ sei. „Wir merken aber, dass im Vergleich zu 2016 wieder mehr Fälle gemeldet wurden“, so Hille. 2016 waren es 835 Meldungen, 2015 wurde das Jugendamt in 842 Fällen eingeschaltet. Zum Vergleich: Im Landkreis Meißen, der in etwa so viele Einwohner hat wie unser Landkreis, wurden im Jahr 2016 insgesamt 156 Fälle gemeldet. In rund jedem zweiten Fall musste das Jugendamt eingreifen.

Wie oft musste das Amt wirklich einschreiten?

Das Jugendamt überprüft jede Meldung. Bisher liegen Zahlen bis 2016 vor. Von den 835 Gefährdungsmeldungen wurden 145 als akute und 266 als latente Kindeswohlgefährdungen eingestuft. Sofort gehandelt werden muss bei einer akuten Gefährdung. Liegt eine latente Gefahr vor, wird der Fall weiter geprüft und zum Beispiel ein sozialpädagogischer Familienhelfer eingeschaltet. „Dann müssen die Eltern aber auch kooperieren“, so Hille. 70-mal wurde das Familiengericht angerufen. Es verpflichtete die für die Kinder verantwortlichen Personen, in der Regel sind das die Eltern, Hilfe vom Jugendamt in Anspruch zu nehmen.

Wie wird geprüft, ob eine Gefährdung für das Kind vorliegt?


Die Mitarbeiter des Allgemeinen Sozialen Dienstes (ASD) haben Kati Hille zufolge klare Vorgaben, wie eine Kindeswohlgefährdung zu prüfen ist. „Jede im Kreisjugendamt eingegangene Meldung wird nach festgelegten Standards geprüft, da immer von einer bestehenden Kindeswohlgefährdung ausgegangen werden muss“, sagt Kati Hille. Die Mitarbeiter des ASD tauschen sich zunächst im Fachteam aus, sie suchen das Gespräch mit den Eltern oder gehen in die Schule beziehungsweise Kita des Kindes. „Auch mit dem Kind sprechen wir immer und schauen es genau an“, so Hille. Danach wird wieder im Team über das Gefährdungsrisiko gesprochen. Wenn die Prüfung keine Gefährdung des Kindes ergibt, ist das Verfahren beendet. Doch auch solche Fälle tauchen in der Statistik auf.

Gibt es aber Anhaltspunkte dafür, dass ein Kind gefährdet ist, wird geprüft, ob es aus der Familie genommen werden muss. Dann kommt es zum Beispiel in eine Pflegefamilie. Von Misshandlungen sind im Landkreis Kinder aller Altersgruppen bis zu ihrem 18. Geburtstag betroffen. „Das Phänomen kommt in allen sozialen Schichten vor“, sagt Kati Hille.

Wie viele Pflegefamilien stehen dem Landkreis zur Verfügung?

Der Landkreis hat 263 Kinderheimplätze zur Verfügung sowie 170 Pflegefamilien. Minderjährige werden in Pflegefamilien betreut, weil ihre Eltern zum Beispiel krank, überfordert oder drogenabhängig waren. „Im Landkreis werden immer Pflegefamilien gesucht“, sagt Kati Hille. Zwar seien die Fallzahlen in den vergangenen Jahren gestiegen, immer weniger Menschen seien aber bereit, sich als Pflegefamilie zur Verfügung zu stellen. Voraussetzung sind Erfahrung im liebevollen Umgang mit Kindern, Zeit, eine stabile Lebensplanung und gute psychische Belastbarkeit. Pflegeeltern bekommen Geld für Sachausgaben sowie die Pflege und Erziehung des Kindes.

Interessierte Familien können sich stets unverbindlich ans Kreisjugendamt wenden: Tel. 03501 5152173 oder per Mail

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