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Wenn dein Leben in eine Tasche passt

Es kann Verzweiflung sein. Oder Hoffnung auf ein besseres Leben. Die SZ fragte Bettler, warum die Straße zur Lösung wurde.

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© Franziska Klemenz

Von Franziska Klemenz

„Tschuldigung, haste vielleicht paar Cent übrig?“, fragt René. Wie eine angekratzte Schallplatte, immer wieder der gleiche Satz. Zu jedem, der aus der Sparkasse kommt. Heute steht René auf der Königsbrücker Straße. Mit gesenktem Kopf blickt er die Leute an, will nicht aufdringlich sein. Und doch, irgendwie muss der 40-Jährige die Nacht finanzieren. Ansonsten heißt sein Schlafplatz Straße. Wie so oft, seit René im Januar 2016 seinen Job verlor.

René bettelt seit Anfang 2016.
René bettelt seit Anfang 2016. © Franziska Klemenz

Und kurz darauf die Wohnung. Heute tauscht er seine Geschichte gegen einen Kaffee in einer Neustädter Kneipe. Alkohol trinkt er nicht. Etwa 20 Euro braucht René am Tag, 15 davon für die Übernachtung im Hostel und fünf zum Leben. Auf Fotos will er nicht erkennbar sein. Dass er Bettler ist, weiß seine Familie nicht.

„An das Leben auf der Straße gewöhne ich mich nicht“, sagt René und dreht sich eine Zigarette. Hartz IV beantragt er nicht. Aus Angst vor den Behörden, wie er sagt. „Freiheit zu verlieren, war die schlimmste Erfahrung meines Lebens. Ich will nie wieder in den Knast.“ Vorstrafen hatte der gebürtige Hoyerswerdaer nicht, als die Polizei ihn im Herbst 2015 festnahm.

Auf der Straße gibt es keine Kollegen

Dafür eine Unterhaltsklage für einen Sohn, den René nicht für seinen hält. Zu dem er keinen Kontakt hat, der im bayerischen Landshut lebt. Trotzdem: Wer auf dem Papier Vater ist, ist es auch vor dem Gesetz – und muss Unterhalt zahlen. Zu jener Zeit arbeitete René im Flugzeugwerk Klotzsche.

Nach sieben Wochen Haft wurde er in Landshut zu 2 400 Euro Strafe verurteilt. Sein Job war weg, er fing bei einem anderen Arbeitgeber an. Weil er die Strafe nicht fristgemäß abbezahlte, verhaftete die Polizei den gelernten Lackierer erneut. Sein Arbeitgeber kaufte ihn frei. Kurz danach war auch dieser Job weg. Dann die Wohnung. „Ich will kein Leben im ewigen Rückspiegel der Vergangenheit führen“, sagt René.

Doch wie soll es weitergehen? „Ich möchte wieder arbeiten. Im Gefängnis habe ich viel gezeichnet, und ich baue gern Möbel. Es liegt so viel Unrat herum, aus dem man günstig etwas Neues bauen könnte.“ Am liebsten eine neue Existenz.

Eine Aufgabe, deren Ertrag über die Sicherung des Schlafplatzes hinausreicht. Auf der Straße gibt es wenig Perspektive und wenig Wir, jeder sorgt für sich selbst. „Wenn Leute von anderen Bettlern als meine Kollegen sprechen, haben sie keine Ahnung“, sagt René. Nach dem Gespräch stellt er sich wieder vor die Sparkasse. Alleine. Etwa drei Kilometer weiter, auf der anderen Seite der Elbe, sitzt Radoslaw.

Der glückliche Slawe?

Auf Deutsch übersetzt bedeutet sein Name „der glückliche Slawe“. Ob er glücklich ist? Das Stehen fällt dem 49-Jährigen ebenso schwer wie das Sehen. Sein zerfurchtes Gesicht sieht nach viel Durchlebtem aus. Der Vorplatz der Altmarkt-Galerie am Dr.-Külz-Ring ist sein Standardplatz, Tag für Tag beobachtet er dort die Menschen mit ihren Einkaufstüten. Radoslaw stammt aus dem slowakischen Dorf Biskupice nahe der ungarischen Grenze. Nach Dresden kam er 1989. Mit der Hoffnung auf ein Leben, das die verarmte Heimat ihm nicht bieten konnte. Deutsch spricht er bis heute kaum. Sein 18-jähriger Sohn lebt mit auf der Straße, die Mutter ist tot.

Kinder hat auch Eva. Die Moldawierin kauert in der Prager Straße vor einem Becher. Fotografiert werden will sie nicht. Aus Scham. Ihr Gesicht umhüllt die 35-Jährige mit einem Kopftuch. Den Sommer verbringen Eva und ihr Mann in Dresden, um Geld für den Winter in Moldawien zu sammeln. Die drei gemeinsamen Kinder, 5, 10 und 13 Jahre alt, leben bei der Großmutter in Moldawien. Eva will, dass sie zur Schule gehen. Sie soll im Leben mehr erwarten als ein Becher, der ab und zu klingelt.