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Wenn der Ausbilder zum Täter wird

© picture alliance / dpa

Ein Mitarbeiter missbraucht einen jungen Parkeisenbahner über Jahre. Der mutmaßliche Sexualverbrecher hatte eine Scheinwelt aufgebaut, fiel nie auf und suchte engen Kontakt zu den Eltern.

Von Tobias Wolf und Andreas Weller

Die Fragen sind Christian Striefler sichtlich unangenehm. Der Chef der staatlichen Schlösser- und Gartenverwaltung, zu der die Dresdner Parkeisenbahn gehört, muss am Dienstag erklären, was nicht zu erklären ist: den jahrelangen sexuellen Missbrauch eines Kindes durch einen Ausbilder der Parkbahn. Und, dass es offenbar niemand bemerkt hat. „Dieser Vorfall hat uns tief erschüttert“, sagt Striefler. Die Anzeige liegt allerdings schon acht Monate zurück. Der Tatverdächtige und sein mutmaßliches Opfer kannten sich zu diesem Zeitpunkt mehr als sechs Jahre.

Die Parkeisenbahn im Großen Garten bringt technikbegeisterte Kinder zusammen und prägt Freundschaften. Nicht nur zwischen Gleichaltrigen. Der mutmaßliche Sextäter ist selbst schon als Zehnjähriger zur Parkbahn gekommen, die damals noch Pioniereisenbahn hieß. Er ist ihr bis zu seinem Tod verbunden geblieben. Hunderten Kindern brachte er bei, was sie bei der Mini-Bahn wissen müssen. Nachdem er von der Parkbahn im Mai mit der Strafanzeige konfrontiert und vom Dienst suspendiert wird, sagt er kein Wort, geht nach Hause und nimmt sich das Leben.

Der Verdächtige ist der Erste, den jeder Neuling kennenlernt. Er erklärt an den Gleisen im Großen Garten, wie Weichen gestellt und Züge abgefertigt werden, trainiert den Bahnernachwuchs im Theoriezentrum an der Ostra-Allee im Stadtzentrum. Ein extrem beliebter Ausbilder, der als unersetzbar gilt. „Er hat sehr viel Zeit hier verbracht, war bekannt und hat sich sehr engagiert“, sagt Parkbahn-Chef Robert Böpple. Kollegen, die ihn näher kennen, sagen, die Parkbahn war die große Liebe des Mannes, eine Partnerin oder einen Partner hatte er wohl nicht.

Die dunklen Seiten des 38-jährigen Deutschen dürften nur die wenigsten kennen. So wie der heute 17-jährige Junge, den der Tatverdächtige über mindestens drei Jahre sexuell missbraucht haben soll. In Unterrichtsräumen oder auf Exkursionen am Wochenende, die er privat organisierte. Nach Stuttgart, Wien oder Berlin – immer mit Eisenbahnthemen. Oft allein mit den Kindern, die mit durften. Die Genehmigung der Eltern für diese Reisen hat der Mann offenbar durch seine Vertrauensstellung als Parkbahn-Ausbilder erlangt.

Tatverdächtiger war unauffällig

Manchem Vereinskollegen war das nicht geheuer. „In so einer Organisation bilden sich Freundschaften, aber das Problem waren die privaten Exkursionen“, sagt Vereinsvorstand Jens Großmann. Der Verein könne nicht den Überblick haben, welche Dinge außerhalb der Parkeisenbahn passieren. Der Tatverdächtige sei mehrfach darauf hingewiesen worden, die Parkbahn in seinen Einladungen nicht als Veranstalter zu benennen. „Täter machen sich die Struktur solcher Organisationen zunutze“, sagt Heike Mann von der Awo-Fachstelle zur Prävention sexualisierter Gewalt.

Ein Kinderschutzkonzept soll es nun richten und Schulungen für Mitarbeiter und Ehrenamtler, in denen klar gemacht wird, wo Grenzen liegen. Grenzüberschreitungen gebe es gelegentlich, und die beginnen schon bei kleinen Dingen, so der Vereinsvorstand. Beispielsweise, wenn ein 28-Jähriger nach 22 Uhr noch mit einem 13-jährigen Mädchen allein mit dem Auto unterwegs ist. Schon für solche Grenzverletzungen gibt es vom Parkbahnverein eine Abmahnung.

Der mutmaßliche Sexverbrecher hat dagegen eine Scheinwelt aufgebaut, fiel nie auf, suchte engen Kontakt zu den Eltern und hat nie eine Abmahnung bekommen. Auch sein polizeiliches Führungszeugnis war einwandfrei. In Wahrheit ging er jedoch noch deutlich weiter. Nach SZ-Informationen kam es über Jahre immer wieder zu Übergriffen, zuletzt bei fast jeder Begegnung mit dem Jungen zu Berührungen und sexuellen Handlungen. Vor einer echten Vergewaltigung schreckte er wohl zurück. Dennoch dürfte das Opfer noch Jahre mit den Folgen zu kämpfen haben. „Es ist schwierig einzuschätzen, wie es dem Jungen heute geht“, sagt Awo-Expertin Mann. „Er ist in der Lage, seinen Alltag zu bewältigen, die Übergriffe werden ihn und seine Familie aber noch lange beschäftigen.“

Schon 2014 hatte es eine Strafanzeige des Jugendamtes wegen sexualisierter Grenzüberschreitungen gegeben. Das Verfahren wurde eingestellt, weil die Vorwürfe laut Staatsanwaltschaft keine strafrechtliche Relevanz gehabt hätten. Der Name des 38-jährigen Parkbahn-Ausbilders war in diesem Zusammenhang schon im Kreis der Verdächtigen aufgetaucht.

Etwa zwei Jahre soll es dauern, bis das geplante Kinderschutzkonzept umgesetzt wird. Zunächst muss jedoch geklärt werden, ob es weitere Opfer oder Täter gibt.