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Wenn der Kinderwagen getrennt anreist

Zwei Meißner haben eine Firma gegründet, die Babyzubehör verleiht. Vielen Urlaubern helfen sie damit aus der Patsche.

© Claudia Hübschmann

Von Stephan Hönigschmid

Meißen. Die Reisewelle rollt. Auch in Meißen nutzen gerade wieder viele junge Familien das Sommerwetter und fahren in den Urlaub. Allerdings gibt es da regelmäßig ein kleines Problem. Wenn der Kinderwagen erst einmal im Auto verstaut ist, bleibt kaum noch Platz für die Koffer, geschweige denn für Windeln und Spielzeug. Diese Erfahrung machten auch die Meißner Eheleute Madeleine und Tobias Mieth. „Wir waren 2014 mit unserem ersten Kind im Urlaub und haben uns gedacht, dass es doch schön wäre, wenn man die Babysachen ausleihen könnte und sie an den Urlaubsort geliefert werden würden“, erinnert sich Madeleine Mieth.

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In der kleinen Stadt in der Oberlausitz gibt es ein Archiv, das weltweit seinesgleichen sucht und nun mithilfe der TU Dresden/TUD zugänglich wird.

Zu ihrer Überraschung konnten sie nirgendwo ein solches Angebot entdecken. Auch eine intensive Recherche im Internet brachte keine Ergebnisse. Weil ihm die Idee trotzdem gut gefiel, reifte bei Tobias Mieth der Entschluss, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Unter dem Namen „Schnullertourist“ gründete er ein Unternehmen, das seit dem 1. Juli aus namensrechtlichen Gründen „Spatzentourist“ heißt. Obwohl er der Inhaber ist, wird er bei der Arbeit von seiner Frau unterstützt. Gefragt ist dabei nicht selten eine große Flexibilität. „Erst vorige Woche hat sich ein Ehepaar an uns gewandt, das in Dresden zu Besuch war und die Babyschale vergessen hatte. Die waren sehr froh, dass wir ihnen helfen konnten“, berichtet Madeleine Mieth. Doch auch wenn sich die junge Meißner Firma bemüht, so schnell wie möglich zu sein, rät die 38-Jährige den Kunden, rechtzeitig mit den Planungen anzufangen. „Ideal ist es, wenn jemand mindestens eine Woche vor dem Urlaub bucht.“ In speziellen Kartons würden dann Kinderwagen, Buggys, Reisebetten oder Hochstühle versandt. „Am Urlaubsort muss dann nur noch alles ausgepackt und nach der Benutzung in den gleichen Transportkartons wieder zurückgeschickt werden“, sagt Mieth.

Kostenmäßig schlägt das zum Beispiel bei einer einwöchigen Leihdauer eines Buggys je nach Modell mit 40 bis 80 Euro inklusive Transportkosten zu Buche. Besonders beliebt sind momentan Ausleihen an die Ostsee. Einen regionalen Schwerpunkt gibt es grundsätzlich aber nicht. „Unsere Kunden kommen eigentlich aus ganz Deutschland“, sagt Madeleine Mieth. Das Geschäft werde ausschließlich über das Internet und das Telefon abgewickelt, weshalb ein Ladengeschäft nicht nötig sei. Stattdessen hat „Spatzentourist“ im Meißner Gründerzentrum ICM in der Ossietzkystraße ein Büro und ein Lager.

„Manche denken, wir haben ein riesiges Lager. Das stimmt aber nicht. Schließlich sind unsere Babysachen, von denen wir etwa 30 Stück haben, ständig unterwegs“, erklärt die 38-Jährige, die das Büro in dem Gründerzentrum als Bereicherung empfindet. „Es gibt zwar in Meißen bisher keine richtige Gründerszene. Trotzdem ist es schön, sich in dem Zentrum mit anderen Unternehmern auszutauschen und sich gegenseitig unter die Arme zu greifen.“

Hinzu kommt der eigene Lernprozess. „Wir haben in den vergangenen Jahren vieles ausprobiert und ständig hinzugelernt. Unter anderem hat es einige Zeit gedauert, bis wir die geeigneten Kartons für den Transport gefunden haben, die möglichst lange halten“, sagt Madeleine Mieth.

Neben jungen Familien, die in den Urlaub fahren, zählen inzwischen auch Großeltern zur Zielgruppe der Firma. „Manche melden sich bei uns, weil sie auf ihre Enkelkinder aufpassen sollen, aber gar keine Kinderstühle oder Ähnliches mehr zu Hause haben.“ Und selbst wenn die Eltern mit vor Ort sind, hätten diese nicht immer Lust, den Kinderwagen im Zug oder im Flugzeug mitzunehmen, so Mieth.

Dass „Spatzentourist“ mit seinem Geschäftsmodell einen interessanten Markt erschlossen hat, wird unter anderem an der Verteilung der Anfragen über das Jahr deutlich. „Auch wenn die Ferienzeit einen Schub gibt, ist sie für uns insgesamt nicht entscheidend. Da Eltern mit kleinen Kindern auch außerhalb der Ferien Urlaub machen, haben wir das ganz Jahr über zu tun“, sagt Mieth, die mit ihrem Mann eine Vision für das Unternehmen hat.

„Unser Ziel ist es, dass das Ausleihen von Babysachen genauso selbstverständlich wird wie die Vermietung von Autos.“ Dennoch müsse man gerade beim Thema Baby bestimmte Dinge beachten. „Wir haben am Anfang gedacht, dass wir eine Langzeitvermietung anbieten können und die Leute auch im Sinne der Ökologie komplett auf den Kauf verzichten. Das hat aber nicht geklappt. Der Wunsch, für das neue Kind etwas Eigenes zu kaufen, ist am Ende doch zu groß.“

www.spatzentourist.de