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Wenn der Meister fehlt

Holger Schild führte seine Dachdeckerei 23 Jahre, dann starb er überraschend. Die Familie führt das Geschäft und wichtige Projekte weiter.

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© Claudia Hübschmann

Von Bernhard Teichfischer

Naundörfel. Es gab keine Vorzeichen, keine Krankheit kündigte den plötzlichen Tod an. Als Holger Schild am 8. Februar starb, von einem auf den nächsten Moment aus dem Leben schied, ging ein Schock durch die Familie des Dachdeckermeisters. Erst eine Woche zuvor hatte er sich einem ärztlichen Rundum-Check unterzogen, rein präventiv. Keine Unregelmäßigkeiten, attestierte der Hausarzt.

Nicht nur seine Kinder, seine Ehefrau, seine Geschwister und Freunde können es nicht fassen und trauern um den gerade mal 52-Jährigen. Mit ihm ging auch der kreative und schaffende Kopf eines Betriebes, der neun Angestellten einen sicheren Arbeitsplatz bietet. Seine Mitarbeiter, von denen viele mehr als zehn Jahre im Unternehmen sind, sprachen von ihm als einen „Fels in der Brandung“. Er sei, so berichten sie, immer ansprechbar gewesen. Sowohl für fachliche als auch für private Probleme, hatte immer Verständnis für die Herausforderung, Familie und Arbeit zu vereinbaren.

Vorarbeiter springt für Chef ein

Der Dachdeckerbetrieb Holger Schild ist seit mehr als 23 Jahren ein erfolgreiches Unternehmen in der Region. Von Riesa bis Freital – im Umkreis von 50 Kilometern um den Firmensitz in Naundörfel in der Gemeinde Diera-Zehren –  ist das Unternehmen spezialisiert auf die Sanierung, auch denkmalgerecht, den Umbau und Neubau rund ums Dach. Das aktuelle Vorzeige-Projekt ist die Teichert-Villa. Jahrelang wartete dieser stattliche ehemalige Wohnsitz des Meißner Porzellanherstellers Ernst Teichert am Steinberg in Cölln auf einen Neuanfang. Im Frühjahr 2015 wurde die Villa aus dem Dornröschenschlaf geweckt. Holger Schild wurde mit der Sanierung des Dachs und Dachstuhls sowie den Klempnerarbeiten beauftragt. Kein alltägliches Projekt mit seinen kleinen Gauben, den hier und da hervorlugenden Erkern, Vordächern und dem mächtigen Dachstuhl. Letzterer war schon vor Einbruch des Winters gedeckt. Was nun noch fehlt, sind Klempnerarbeiten wie Dachrinnen und Verblechungen zum Schutz.

Doch wer kann eine solche Firma von heute auf morgen führen? Für Annett Schild, die Witwe, gab es da nichts zu überlegen. Ohne Umschweife war ihr klar: Der Betrieb wird weitergeführt. „Holger war die Firma so wichtig“, sagt die gelernte Wirtschaftskauffrau. „Das war für ihn ein Familienbetrieb.“ Lediglich einen Tag ruhten seit dem Tod des Meisters die Hämmer und Sägen. Am Tag der Beerdigung.

Sofort begann Annett Schild, die Geschäfte ihres gestorbenen Mannes fortzuführen. Die notwendigen Fähigkeiten und Erfahrungen zur Führung des Unternehmens verdankt sie ihrer kaufmännischen Bildung. 17 Jahre lang betreute sie bei der Ostsächsischen Sparkasse Firmen- und Privatkunden im Kreditgeschäft und war viele Jahre Leiterin einer Geschäftsstelle in Hoyerswerda. Dort waren ihr 18 Angestellte anvertraut. „In Sachen Mitarbeiterführung bin ich fit“, so Annett Schild.

Die neun, die sie jetzt zu koordinieren hat, engagieren sich stark für die Fortführung des Betriebs. Schon eine Woche nach dem Tod des Chefs suchten alle zusammen gemeinsam nach Lösungen, wie die Aufgaben von Holger übernommen werden konnten. Die Baustellen organisieren, das Material bestellen, das Lager füllen und in Ordnung halten, den Fuhrpark hegen und pflegen, und vor allem Angebote erstellen und kalkulieren waren Dinge, die der Dachdeckermeister selber zu regeln pflegte. Derzeit mangelt es dem Unternehmen nicht an Aufträgen. Um zukünftig neue Angebote zu erstellen, braucht es allerdings einen Fachmann. Vorarbeiter Ralf Leonhardt, seit elf Jahren im Betrieb, will sich dahingehend qualifizieren.

Sohn soll Firma übernehmen

Annett Schild führt noch ein eigenes Unternehmen. In Meißen betreibt sie ein Büro, welches Immobilien und Finanzierungen vermittelt. Eine Angestellte und ein freier Mitarbeiter sind bei Scopus Immobilien beschäftigt. Das Zepter im Dachdeckerbetrieb will auf lange Sicht ein anderes Familienmitglied übernehmen. Sohn Arvid, 27 Jahre alt und Zimmermeister, ging seinem Vater von klein auf oft zur Hand. Die Mitarbeiter kennt er alle. Bis er seines Vaters Platz einnimmt, will er noch sein Studium des Bauingenieurwesens beenden. 2017 jährt sich die Gründung der Dachdeckerei zum 25. Mal. Damals fuhr Holger Schild noch mit seinem Trabi auf die ersten Baustellen und deckte alleine ganze Dächer. Der Bauboom der Nachwendezeit ließ die Auftragszahlen explodieren, und so konnte er schon ein Jahr darauf den ersten Arbeiter einstellen. Kurze Zeit später lernten die ersten Lehrlinge bei ihm das Handwerk, manchmal drei gleichzeitig.

Sein Werk wird somit weiterbestehen, in den Händen heutiger Handwerker wie in seinem Dachdeckerbetrieb, den er hinterlässt.