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Wenn der Schlüssel nicht passt

Sachsen ist Schlusslicht bei der Betreuung von Krippenkindern. Die Pläne der Landesregierung werden das kaum ändern.

© dpa

Von Henry Berndt

Wenn Clara Pipi macht, Justus sich mit Theo streitet und Paula sich im selben Moment den Finger in der Heizung einklemmt – dann ist selbst die Königin des Multitaskings schnell an der Belastungsgrenze. Besonders in Sachsen haben es Erzieher nicht einfach. In keinem anderen Bundesland sind die Betreuungsbedingungen für Krippenkinder so schlecht. Eine Erzieherin kümmert sich hierzulande im Schnitt um 6,5 Kinder unter drei Jahren, wie eine Studie der Bertelsmann Stiftung zeigt. Die Personalschlüssel hätten sich damit in jüngster Zeit kaum verbessert.

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Bei den älteren Kindergartenkindern sieht es nicht besser aus: Hier ist eine sächsische Erzieherin im Schnitt für 13,6 Kinder verantwortlich – der bundesweit zweitschlechteste Wert vor Mecklenburg-Vorpommern. Zwei Jahre zuvor war auch dieser Wert mit 13,7 nur unwesentlich höher. Im „Ländermonitor Frühkindliche Bildungssysteme“ wurden Daten mit Stichtag 1. März 2014 verglichen.

Weil andere Bundesländer wie etwa Sachsen-Anhalt ihre Betreuungsschlüssel für beide Altersgruppen weitaus deutlicher verbessert haben, ist Sachsen im Ländervergleich abgerutscht.

Dabei spiegeln die genannten Zahlen noch nicht einmal die Realität im Kita-Alltag wider. Die sieht noch weit ungünstiger aus, als es der offizielle Personalschlüssel erahnen lässt, weil Erzieher mindestens ein Viertel ihrer Zeit für Team- und Elterngespräche, Dokumentation und Fortbildung nutzen.

Das sächsische Kultusministerium verspricht Besserung – und damit nicht mehr und nicht weniger als die Erfüllung der Versprechen aus dem aktuellen Koalitionsvertrag. Konkret soll der Personalschlüssel im Kindergarten bereits ab diesem September auf 1:12,5 und ab September 2016 auf 1:12 verbessert werden. Und auch in den Kinderkrippen soll was passieren, allerdings später: Ab September 2017 ändert sich der Schlüssel auf 1:5,5 und ein Jahr später auf 1:5 – womit Sachsen allerdings im Bundesländer-Vergleich weiterhin am Ende stehen würde.

So ungünstige Betreuungsverhältnisse könnten sich nicht nur negativ auf die Kinder auswirken, sondern belasteten auch die Erzieher, kritisiert die Bertelsmann Stiftung. Die Folge seien hohe gesundheitliche Risiken für diese Berufsgruppe.

Generell sei die Situation in den ostdeutschen Bundesländern besonders kritisch. Dafür würden allerdings auch deutlich mehr Kita-Plätze angeboten. Während im Osten jedes zweite Kind unter drei Jahren eine Kita besucht (46,6 Prozent), sind es im Westen nur 22,7 Prozent.

Die Opposition im sächsischen Landtag wirft der Staatsregierung vor, viel zu spät und zu schwach auf die Probleme zu reagieren. Zu lange habe man sich auf einer bundesweit vergleichsweise hohen Betreuungsquote ausgeruht, kritisieren die Grünen. Annekatrin Klepsch von den Linken beklagt einen „bildungspolitischen Abstieg um mindestens zwei Spielklassen“ für Sachsen als „einstiges Musterland frühkindlicher Bildung“.

CDU-Bildungspolitiker Patrick Schreiber relativierte dagegen die Ergebnisse der Studie. Seit Beginn der Erhebung habe sich „auch in Sachsen die Welt weiter gedreht“, sagte er. „Die Zahlenspiele sagen nichts über die Qualität der Kinderbetreuung aus.“ Da liege der Freistaat deutlich über dem Bundesdurchschnitt.

Sachsen setzt nun dennoch bei der Quantität an. Nach Abschluss der stufenweisen Schlüssel-Verbesserungen im Jahr 2018 sollen rund 2 365 mehr Vollzeitkräfte in sächsischen Kitas arbeiten, heißt es aus dem Kultusministerium. Um dieses Ziel zu erreichen, würden derzeit in Sachsen mehr Erzieher ausgebildet als je zuvor.

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