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Wenn die Börse nach Görlitz blickt

Zum Jahresende wird die erste Aktiengesellschaft ihren Sitz an die Neiße verlegen. Das wäre beinahe schiefgegangen.

© Nikolai Schmidt

Von Frank Seibel

Beinahe wäre das große Abenteuer woanders weitergegangen. In Zürich, München, Frankfurt oder London. Aber Johann Horch mag Görlitz eigentlich ziemlich gern. Und er hat gerade noch rechtzeitig Politiker getroffen, die ihn abgehalten haben, vor einem Jahr die Koffer zu packen. Und so kommt Görlitz doch noch an die Börse. Im Dezember soll die erste Hauptversammlung einer Aktiengesellschaft in Görlitz stattfinden.

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„Als wir zu viert zusammensaßen und ich von meiner Idee erzählte, da habe ich meinen Mitstreitern versprochen, dass wir innerhalb von zehn Jahren an der Börse sind“, sagt Johann Horch, 45 Jahre alt, aufgewachsen in Franken, was man heute noch am rollenden „r“ hören kann. Er erinnert sich an die Begeisterung, die ihn mit seinen drei Mitstreitern verband und die eine der erstaunlichsten neuen Firmen in Görlitz entstehen ließ. Mit der „Deutschen Software Engineering & Research GmbH“ (DSER) bewegten 25 Software-Entwickler und Finanzexperten im Schatten des „Dicken Turms“ am Marienplatz schnell Millionen und Milliarden. Geld von Firmen und Privatleuten, das von der kleinen Görlitzer Firma seitdem mithilfe höherer Mathematik und höchster Programmierkunst verwaltet wurde und wird.

FinTec heißt das Schlagwort für die neue Branche: Financial Technology. So wie die Industrie sich unter dem Signum „4.0“ auf die vollständige Digitalisierung von Produktionsabläufen vorbereitet, geht die Finanzwirtschaft diesen Weg mit anderen Methoden. Johann Horchs Mission: Kunden sollen mithilfe der Software, die seine Firma entwickelt, direkt und ohne Umwege über eine Bank ihre Vermögen verwalten können.

Gute Informatiker braucht man, um die entsprechende Computersoftware für so ein Vorhaben zu entwickeln. Sehr gute und experimentierfreudige. Vor elf Jahren fand Johann Horch solche Leute an der Hochschule Zittau/Görlitz. Als Mitglied der Wirtschaftsjunioren hatte er ein entsprechendes Thema für eine Diplomarbeit ausgeschrieben – bundesweit und von Koblenz aus, wo er mit seiner Familie lebt. Die besten Ideen kamen aus Görlitz, wo noch zwei Professoren mit eigenen Ideen hinzukamen. So ging’s los mit DSER an der Neiße. Mit einer ungewöhnlichen und für die meisten Menschen in Görlitz völlig unsichtbaren Erfolgsgeschichte.

Inzwischen ist das Unternehmen um die Ecke ins Gebäude der Volksbank gezogen. Auf 580 Quadratmetern arbeiten 25 Finanz- und Computerexperten an der nächsten Stufe des großen Abenteuers. Mit einem neuen Portal namens „niiio“ bietet das Unternehmen nach eigenen Angaben „ein hybrides Angebot, das gleichzeitig automatisierte Vermögensverwaltung und elektronischer Anlageprofi ist“.

Und nach elf Jahren hat Johann Horch den Durchbruch geschafft, der nach zehn Jahren nichtmal in diesem „Startup“-Unternehmen zu schaffen war: DSER ist an der Börse. In diesem Jahr hat die GmbH eine Aktiengesellschaft gekauft, ganz auf die eigenen Bedürfnisse zugeschnitten und somit gewissermaßen neu gegründet. Niiio AG heißt die Firma, die schon jetzt enorme Dimensionen hat. Im September sind neue Standorte in Dresden und München eröffnet worden, Frankfurt/Main und Lüneburg starten im Januar 2018. Die Zahl der Mitarbeiter soll noch bis Jahresende auf 150 anwachsen, verteilt auf alle Standorte.

Horch ist derzeit alleiniger Vorstand. Aber das wird sich schnell ändern. Weitere Vorstände sind schon verpflichtet, und der Aufsichtsrat ist prominent besetzt. Vorsitzender dieses Gremiums ist Mario Uhl, der beim SAP-Konzern lange Zeit zu den wichtigsten Managern zählte. Weitere in der Branche prominente Namen sind dabei. Und ein wichtiger Schritt steht unmittelbar bevor. Die Hauptversammlung soll im Dezember beschließen, dass der Sitz der AG von Köln nach Görlitz verlegt wird. Das wäre dann das erste börsennotierte Unternehmen mit Sitz in Görlitz -– und somit ein wichtiger Steuerzahler.

Vor einem Jahr noch sah es danach gar nicht aus. „Ich war drauf und dran, die Koffer zu packen“, sagt Johann Horch. Denn während der Start vor elf Jahren auf einer sehr guten Zusammenarbeit mit der Hochschule beruhte, klemmte es nun an einem entscheidenden Punkt. Die Firma wollte einen eigenen Lehrstuhl für die Entwicklung hoch spezialisierter Softwarelösungen unter dem Dach der staatlichen Hochschule platzieren. Doch diesmal fehlten dem Unternehmer Genius und Risikofreude. Die Gespräche mit der Hochschule stockten. „Dass wir noch hier sind, ist Oberbürgermeister Deinege und dem damaligen Bundestagsabgeordneten Michael Kretschmer zu verdanken.“ Beide Politiker hätten sich sehr eingesetzt, Türen geöffnet, Gespräche moderiert.

Mit der Hochschule hat es dennoch vorerst nicht geklappt. Aus Sicht von Rektor Friedrich Albrecht hat das vor allem damit zu tun, dass sich die Hochschule im Bereich Informatik derzeit stark aufs Thema Cybersicherheit konzentriert. So wandert der Lehrstuhl der Niiio AG vorerst an die Universität Lüneburg, wo nun sehr kreative und abenteuerlustige Programm-Entwickler ausgebildet werden. OB Deinege will es dabei nicht belassen und hat mit der Hochschulleitung schon weitere Gespräche vereinbart: „Das kriegen wir auch noch hin.“