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Wenn die Bombe Tick macht

Der Schweizer Emil Steinberger ist ein Meister des subtilen Humors. Im Stadtkulturhaus sorgte er für Lachsalven.

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© Thomas Morgenroth

Von Thomas Morgenroth

Freital. „Also, wenn die Bombe Tick macht, dann weiß ich aus eigener Erfahrung, ist es eine Zeitbombe.“ Das erklärt der Mann in der Polizeihauptwache Schnieder nachts um halb drei dem besorgten Bürger am anderen Ende des Telefons. Der Beamte empfiehlt ihm, an der Bombe, die er da vor seinem Haus gefunden hat, zu horchen. Nein, schicken könne er jetzt keinen, „alle Leute sind schon im Bett.“ Am besten, meint der Polizist, „schlafen Sie doch neben der Bombe, damit niemand anders drauftritt.“

Wenigstens dreißig Jahre hat der Sketch mit der Polizeiwache auf dem Buckel, den Emil Steinberger am Freitagabend im ausverkauften Stadtkulturhaus Freital erzählt und spielt. Und die 570 Gäste, von denen viele den Text auswendig kennen, feiern den 83-jährigen Schweizer, als hätte er gerade einen brandneuen Witz zum Besten gegeben. Aber den braucht er nicht: Emil Steinberger ist ein Meister des subtilen Humors. Sein zeitloses Kabarett kommt ohne schrille Töne und überdrehte Darbietungen aus. Ihm reicht sein Dialekt und seine sparsam eingesetzte Mimik, um mit Pointen zu überzeugen, die auf leisen Sohlen daherkommen. Auch wenn sie schon ein halbes Jahrhundert alt sind.

Widrigkeiten des Alltags weglachen

Emil Steinberges Komik dient sich weniger den politischen Ereignissen an. Der sympathische Luzerner widmet sich lieber den Widrigkeiten und Skurrilitäten des Alltags. In Freital sorgte der überaus vital wirkende Schauspieler vor allem mit seinen Klassikern für Lachsalven. Etwa als trotteliger Garderobier, der die Nummern und die Mäntel durcheinanderbringt; als frisch gebackener Vater, der sein Baby in einem Kinderwagen ausfährt, der plötzlich zusammenklappt; oder als Pilot, der noch nie ein Flugzeug gelandet hat.

Legendär ist „Das Kreuzworträtsel“, eine Szene, in der Emil als Mitarbeiter in einem Telegrafenamt versucht, „vier senkrecht: ein Grautier mit vier Buchstaben“ zu lösen. Und trotz des bekannten Anfangsbuchstabens E und der letzten Buchstaben E und L nicht darauf kommt. Er tippt auf „Egel“, und so wird dann waagerecht aus dem kirchlichen Feiertag „Ogtern“. Schließlich bricht ihm die Spitze des Bleistiftes ab, und eben da werden per Telefon verschiedene Telegramme durchgegeben, die er sich nicht notieren, aber auch nicht merken kann. Das Chaos ist perfekt.

Emil Steinberger gehörte bis Ende der 1980er-Jahre im deutschsprachigen Raum, auch in der DDR, zu den gefragtesten Komikern. Weil ihm der Trubel zu viel wurde, lebte er in den 1990ern in New York, arbeitete als Hörspiel- und Synchronsprecher und wurde als Melitta-Mann Egon Wellenbrink berühmt. 1999 heiratete er die 32 Jahre jüngere Niccel Kristuf, die jetzt seine Managerin und Bühnenassistentin ist, und kehrte in die Schweiz zurück.

2015 ging Steinberger erstmals wieder als Emil mit seinen erfolgreichsten Nummern auf Tour. Und er ist gefragt wie lange nicht. Nur der Fürsprache von Gert Knieps, dem einstigen Freitaler Kulturhausdirektor, der Steinberger persönlich kennt, ist es zu verdanken, dass der Kabarettist jetzt auch nach Freital und am Tag darauf nach Dippoldiswalde gekommen ist.

Zur Freude auch der Dresdnerinnen Christine Tamme und Bettina Priess, 78 und 72 Jahre alt: „Es sind alles olle Kamellen, aber wir amüsieren uns köstlich.“ Tja, wenn die Bombe erst einmal Tick macht, da bleibt eben kein Auge trocken.