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Wenn die Lehrer streiken

Sechs Momentaufnahmen im Kreis Bautzen zwischen Notbetreuung und Bio-Klausur.

© Matthias Schumann

Von Jana Ulbrich

Gesund und Fit

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08.00: Trubel am Bautzener Busbahnhof. Immer mehr Lehrer finden sich ein. Die Stimmung ist aufgekratzt. Fast die Hälfte aller Pädagogen aus den Schulen des Kreises will mitfahren zur großen Streikkundgebung nach Dresden. Die Gewerkschafter müssen noch Busse nachordern, so groß ist diesmal die Streikbereitschaft. Ursula Mittasch ist auch dabei. Die 59-Jährige ist Lehrerin an der Bautzener Förderschule am Schützenplatz. Der Job als Förderschullehrer ist anspruchsvoll und anstrengend. „Ich weiß nicht, ob ich das bis 65 noch alles so schaffe“, sagt sie ganz unumwunden. Sie würde gern in Altersteilzeit gehen. Dafür streikt sie heute und für die betriebliche Altersrente.

Öffentlicher Dienst im Ausstand: Tausende demonstrierten gestern in Dresden – nach GEW-Angaben auch fast jeder zweite Lehrer aus dem Kreis Bautzen. © Robert Michael

An ihrer Schule, erzählt Ursula Mittasch, sind drei Kollegen jünger als 40, die allermeisten schon über 50. Der Krankenstand ist hoch, der Unterrichtsausfall horrend. Am regulären Stundenplan ist schon von vornherein gekürzt. „Wir brauchen mehr junge Kollegen“, sagt Ursula Mittasch.

Einer der Jüngeren unter den Versammelten am Busbahnhof ist Peter Schulze vom Beruflichen Schulzentrum in Görlitz. „Ich bin für diejenigen hier, die mit mir in Dresden studiert haben und jetzt auch gern hier arbeiten würden, aber trotz guter Abschlüsse keine Stelle bekommen haben“, sagt der 32-Jährige und erzählt von zwei Kommilitonen, die jetzt bei Ikea jobben.

09.00: Streiktag an der Bautzener Curie-Grundschule. Von den 286 Schülern sind nur 24 zur Betreuung da. Die Kollegen sind – bis auf Schulleiterin Heidrun Reich-Schönwälder und eine junge Lehramtsanwärterin – geschlossen im Ausstand. Auch diejenigen, die zur Betreuung der Kinder an der Schule geblieben sind, streiken. Deshalb darf heute im Klassenzimmer gespielt und gesungen, gemalt und gebastelt werden. Es ist ja bald Ostern, da lassen sich 24 Kinder ganz gut beschäftigen. Die Eltern hätten alle sehr verständnisvoll reagiert, sagt die Schulleiterin. Elternsprecher André Bärtl kann das nur bestätigen: „Sachsen hat in Deutschland die mit Abstand am schlechtesten bezahlten Lehrer“, sagt er. „Und wir wundern uns, warum sich so wenige junge Absolventen für eine hiesige Schule entscheiden...“

10.00: Hofpause an der Grundschule in Burkau. Ein ganz normaler Unterrichtstag. Schulleiterin Marika Hüsni ist mit den Zweitklässlern zum Schwimmunterricht nach Kamenz gefahren. Es wäre schwierig gewesen, das Schwimmen einfach ausfallen zu lassen. Möglicherweise war das ja auch der Anlass für das Kollegium, sich diesmal nicht am Streik zu beteiligen. „Nur ein Kind hat gefragt, ob es denn heute in die Schule kommen muss“, erzählt eine der Kolleginnen. Für alle anderen spielt der Lehrer-Streik überhaupt keine Rolle. Es klingelt zum Unterrichtsbeginn. Die 3. Klasse hat jetzt Musik, die 4. Klasse Deutsch.

11.00: Ungewohnte Stille in der Oberschule Großröhrsdorf. „Das ist schon ein eigenartiges Gefühl heute in diesem leeren Haus“, gibt Schulleiterin Monika Maßwig zu. An einen derart ruhigen Arbeitstag kann sich die 62-Jährige in ihren ganzen 40 Dienstjahren nicht erinnern. Nur ein einziger Schüler ist da. Der junge Mann aus der 10. Klasse muss eine vierstündige Vorprüfung nachschreiben und nutzt dafür gleich den freien Vormittag. Alle anderen Schüler sind gar nicht erst erschienen, obwohl auch an der Großröhrsdorfer Oberschule für eine Betreuung gesorgt gewesen wäre. Auch das Praktikum der Achtklässler, das für diesen Mittwoch bei der Handwerkskammer in Dresden geplant war, haben die Kollegen abgesichert. Der Streik soll den Schülern ja nicht schaden, sagt Monika Maßwig. An den Oberschulen im Landkreis ist die Streikbereitschaft an diesem Mittwoch am höchsten.

12.00: Streikzeit und regulärer Unterricht am Kamenzer Lessing-Gymnasium. Die Zwölftklässler haben gerade ihre Klausuren in Bio und Geschichte geschrieben. Der Klausurenplan für die Oberstufe steht seit Schuljahresbeginn fest. Ihn einzuhalten ist wichtiger als der Streik. Überhaupt sind die Meinungen der Pädagogen am Lessing-Gymnasium geteilt. Wie an vielen anderen Schulen auch hat sich ein großer Teil der Lehrerschaft gegen eine Streikteilnahme entschieden.

So haben die 5. und 6. Klassen an diesem Tag ganz regulär Unterricht. Die 10. Klassen sind zur Exkursion gefahren, die Elft- und Zwölfklässler werden von den Kollegen unterrichtet, die nicht streiken. Nur die Schüler der Klassenstufen 7 bis 9 haben heute einen freien Tag. Es ist auch keiner von ihnen in der Schule erschienen, sagt Ina Meißner, die an diesem Vormittag die Aufsichtslehrerin ist. Ihre 5a hat gerade Kunst. Es geht um die Buchkunst im Mittelalter. Die Schüler staunen, wie die Mönche das damals gemacht haben mit dem Abschreiben. Die 5c nebenan probt noch mal für das Theaterprojekt am Nachmittag. Es wäre wirklich schade gewesen, wenn das ausgefallen wäre.

13.00: Die Busse mit den streikenden Lehrern kommen zurück. Die Stimmung ist noch aufgekratzter als am Morgen. Cathrin Schaad von der Lehrergewerkschaft Erziehung und Wissenschaft ist zufrieden mit der großen Resonanz auf den Streiktag. „Den meisten von uns geht es gar nicht um die 5,5 Prozent mehr Gehalt“, sagt sie, „sondern um eine gerechtere Bezahlung. Und dafür streiken wir auch noch weiter.“

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