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Wenn die Oma den Weihnachtsmann enttarnt

©  SZ-Montage

Der Mythos vom Weihnachtsmann bleibt ungebrochen. Wie wichtig das gerade für junge Familien ist, erklärt Prof. Veit Rößner in seiner Kolumne.

Unsere fünfjährige Tochter eröffnete uns, dass ihr die Oma (meine Schwiegermutter) klipp und klar gesagt habe, dass es den Weihnachtsmann gar nicht gäbe, sondern dass er nur ein verkleideter Mann sei. Ich bin sehr empört, dass sie sich so einmischt. Oder ist das in Ordnung? Und wie kann ich reagieren?

Nicht selten glauben Kinder noch bis ins Grundschulalter an den Weihnachtsmann. Das hat in Deutschland eine lange Tradition und hat nicht zuletzt in vielen Familien auch eine erzieherische Funktion, in dem sich nach dem Verhalten der Kinder im vergangenen Jahr die Geschenke angeblich bemessen und kleine Ziele für das nächste Jahr formuliert werden.

In der Regel realisieren Kinder automatisch und eher fließend im Alter von sechs bis acht Jahren, dass es den Weihnachtsmann als die eine feste Person, die weltweit im Rentierschlitten gleichzeitig Geschenke verteilt, nicht gibt. Sind jüngere Geschwister in der Familie, werden ältere Kinder oft noch einige Jahre zum Geheimnisträger und Verbündeten der Eltern. In der sogenannten magischen Phase kleiner Kinder, die mit ca. drei Jahren beginnt, werden zweifelnd-verräterische Kommentare von größeren Kindern oder Bekannten oder ein bekannt anmutendes Weihnachtsmanngesicht sowieso meist (un-)bewusst einfach ignoriert oder können leicht durch die Bezugspersonen entkräftet werden. Diese Phase ist durch unsere Individualisierungs- und Mediengesellschaft leider sowieso schon bedroht, obwohl sie für uns alle und unsere Entwicklung sehr wichtig ist und uns meist ein Leben lang in sehr guter Erinnerung bleibt.

Zu einer Herausforderung wird die Aufrechterhaltung des Zaubers besonders, wenn eine so vertraute Bezugsperson, wie in Ihrem Fall die eigene Großmutter, vorschnell und entgegen den Vorstellungen der Eltern das Geheimnis lüftet. Natürlich können Sie niemandem vorschreiben zu flunkern. Und generell sind authentische, autonome Großeltern von großer Bedeutung, die mit ihrer eigenen Meinung – nicht zuletzt auch als Reibungsfläche – eine wichtige Funktion im Selbstfindungsprozess heranwachsender Enkel spielen. Dennoch besteht, insbesondere bei kleinen Kindern, ein Unterschied, ob man vermittelt: „Ich selbst glaube nicht an Gott, oder an den Weihnachtsmann…“ oder „Es gibt ihn nicht, weil dies und das…“. Zudem sind ganz eigene Familientraditionen ein wichtiger Findungsprozess einer zusammenwachsenden Kernfamilie.

Intuitiv würde ich also sagen, dass in fast allen Familien heutzutage die Auflösung einer solchen Tradition in der Verantwortung der Eltern liegen sollte. Etwas mehr Feingefühl und Absprache vonseiten Ihrer Schwiegermutter wäre also wünschenswert gewesen. Sprechen Sie Ihre Schwiegermutter auf jeden Fall bald auf diese Unstimmigkeit an. In manchen Familien scheint es sinnvoll, dass Probleme mit den Großeltern generell vom jeweils leiblichen Elternteil (Ihrem Mann) geklärt werden.

Bleiben Sie bei Ihrer kleinen Tochter bei „Ihrer“ Familienmeinung und erklären ihr Gründe, warum die Oma vielleicht nicht mehr an ihn glaubt (kein Geschenk bekommen, nicht das richtige Geschenk bekommen usw.). Sollte Ihre Schwiegermutter mit der Aufklärung aufhören, ist die Chance eher hoch, dass Ihre Tochter noch eine Weile an den Weihnachtsmann glauben wird. Glauben Sie dabei an Ihren größeren Einfluss als primäre Bindungsperson Ihrer Tochter. Ich wünsche Ihnen und Ihrer Tochter eine zauberhafte Adventszeit.

Haben auch Sie eine Frage an den Kinder- und Jugendpsychiater Prof. Dr. med. Veit Rößner vom Dresdner Uniklinikum? Schreiben Sie an die Sächsische Zeitung, Nutzwerk, 01055 Dresden oder eine Mail an [email protected]