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Wenn ein Land stirbt

Im Südsudan, wo seit Monaten ein grausamer Krieg tobt, verhungern Menschen. Helfer warnen, dass nur noch wenige Wochen bleiben, um eine Katastrophe zu verhindern.

© Cedric Rehman

Von Cedric Rehman

Am Himmel über der Stadt Wau ziehen die Raubvögel ihre Kreise. Über ihnen ballen sich dunkle Wolken. Sie hängen wie eine Drohung über der Stadt. Noch wirbelt nur ein heißer Wind Staub zwischen den Hütten auf, und oft taucht die Sonne auf. In zwei oder drei Wochen werden Regentropfen den Staub in Schlamm verwandeln. Wo im Moment noch Lastwagen mit Lebensmitteln aus Kenia oder Uganda rollen, werden die Straßen im Morast versinken. Wau wird einer Insel gleichen, die niemand mehr auf dem Landweg erreichen kann.

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Noch ist alles staubtrocken in der südsudanesischen Stadt Wau. In der Regenzeit aber werden die Straßen im Morast versinken. Wau wird einer Insel gleichen, auf dem Landweg nicht mehr erreichbar. Und schon jetzt gibt es nicht genug zu essen.
Noch ist alles staubtrocken in der südsudanesischen Stadt Wau. In der Regenzeit aber werden die Straßen im Morast versinken. Wau wird einer Insel gleichen, auf dem Landweg nicht mehr erreichbar. Und schon jetzt gibt es nicht genug zu essen. © Cedric Rehman

Aber auch die Flugzeuge der UN mit ihren Hilfsgütern werden nicht mehr regelmäßig landen. Mal werden die Unwetter zu stark sein, oder die Rebellen nutzen die Regenzeit für eine Offensive. Denn auch die Panzer der Regierung versinken in den kommenden Monaten im Schlamm. Der Regen wird auf Menschen niederprasseln, die schon seit einem Jahr nicht mehr regelmäßig gegessen haben.

Sie haben zwei Jahre lang keine Vorräte angelegt. Denn die Bauern von Wau fuhren in diesem und im vergangenen Kriegsjahr keine Ernte ein. Auf ihren Feldern außerhalb der Stadt lauern marodierende Kämpfer und der Tod. Die Aasgeier am Himmel über Wau müssen vielleicht nur noch warten bis zum Ende der Regenzeit. Dann könnte es ein Festmahl für sie geben. Nicht nur in Wau, sondern im ganzen Südsudan.

Achol Amman kümmert es nicht, dass die Regenzeit ihrem Land den Tod bringt. Sie ist zu sehr damit beschäftigt, dass ihre Kinder schon jetzt Hunger leiden. Die Mutter wiegt den dreijährigen Majok auf dem Schoß, als sie vor dem Eingang des Saint Mary`s Hospital in einem Dorf unweit von Wau auf einer Mauer sitzt. In ihrer Hütte einige Kilometer entfernt bleiben Majoks Geschwister mit leeren Bäuchen zurück. Ammans Mann ist in irgendeiner Schlacht des endlosen Krieges gefallen, und die Südsudanesin hatte in den vergangenen Wochen nichts als Brennholz zu verkaufen, um ihren Kindern vom Erlös etwas Hirse zu kaufen.

Aber vielleicht hatten Ammans ältere Kinder etwas mehr Fleisch auf den Rippen, weil sie noch bessere Zeiten erlebt haben. Majoks Kopf wirkt riesig im Vergleich zu dem ausgezehrten Rest seines Körpers. An Ärmchen und Beinchen ist kein Fleisch mehr, sondern nur noch Haut an den Knochen. Was wird die Mutter tun, wenn sie den nach Erdnussbutter schmeckenden Kalorienkuchen aus UN-Beständen von den Helfern erhält?

Die Ärzte werden verlangen, dass sie die Kalorienmahlzeit Majok gibt. Denn der Junge ist dabei zu verhungern. Dann bekommen aber seine Geschwister auch weiterhin nur Hirse zu essen. Teilt sie den Kuchen unter ihren Kindern auf, wird es Majok nicht besser gehen. Die Mutter muss sich entscheiden.

Achol Amman gehört zum Volk der Dinka. Die Dinka sind der größte Stamm im Südsudan. Sie leben von der Viehhaltung und haben noch nie in ihrer Geschichte einen Pflug über ein Feld gezogen. Die Dinka-Frauen aus dem nördlichen Umland kauften vor dem erneuten Kriegsausbruch im Sommer 2016 ihre Lebensmittel von Bauern, die südlich der Großstadt Wau lebten und zu anderen Stämmen gehörten.

Doch nachdem in der Hauptstadt Juba im vergangenen Juli erneut Kämpfe ausbrachen, zogen die Dinka-Männer plündernd durch die Bauerndörfer und vertrieben, wen sie nicht töteten. Die Bauern hatten mit den Rebellen überhaupt nichts am Hut – aber die Dinka sahen in den wieder aufgeflammten Kämpfen die Chance, deren Ackerland zu erobern und für ihre Kühe zum Weiden zu nutzen.

Das Scheitern des Friedensabkommens zwischen den herrschenden Dinka des Präsidenten Salva Kiir und dem zweitgrößten Stamm der Nuer im Juli 2016 ließ einer Bestie freien Lauf: Der ethnische Hass, von den regierenden Dinka und dem aufständischen zweitgrößten Stamm der Nuer geschürt, frisst sich jetzt durch jeden Winkel des ostafrikanischen Landes.

Kein Stamm kann sich aus den Kämpfen zwischen Dinka und Nuer heraushalten. Denn wer nicht Partei ergreift, wird beschuldigt, dem Feind zu helfen. Die Fronten lösen sich auf und machen einem einzigen Schlachtfeld Platz. Und die Vertriebenen berichten Furchtbares: In vielen Regionen würden ganze Stämme von den Dinka ausgelöscht. Weite Teile des Landes sind weder für Helfer noch Journalisten zugängig. Das Grauen im Busch spielt sich ohne Zeugen ab. Ein hochrangiger Diplomat nimmt das Wort „Genozid“ in den Mund. Alle Kriegsparteien würden im Moment kämpfen, um dem gegnerischen Volk die Lebensgrundlage zu entziehen, meint er. Er will sich mit der Aussage aber nicht zitieren lassen.

Seither fraßen die Kühe der Dinka, was noch auf den verlassenen Feldern wuchs, während die Dinka anfingen zu hungern. Ihre Truppen vertrieben Stämme, die traditionell Landwirtschaft im Südsudan betreiben. Nun liegen die Felder brach oder die Kühe der Dinka fressen, was in der derzeit in ganz Ostafrika herrschende Dürre nicht verdorrt. Am Ende verhungern die Menschen und das Vieh.

Die Entscheidung der Regierung, ausgerechnet in der eskalierenden Hungerkrise die Visagebühren für internationale Helfer pro Person von 100 Dollar auf 10 000 Dollar zu erhöhen, verbittert viele Helfer. Ist das der Versuch eines verzweifelten Regimes, an Devisen heranzukommen? Oder will die Regierung, keine Beobachter im Land haben, wenn sie tut, was sie für nötig hält, um ihren Krieg zu gewinnen? Niemand weiß es. Aber die Vorahnungen sind mindestens so düster wie der wolkenverhangene Himmel über Wau.

Die Alten und Kranken siechen als Erste dahin. Unter einer Zeltplane im Flüchtlingslager rund um die Kathedrale von Wau stinkt es nach ihrem Fieber. Fliegen wandern über das Gesicht und die Arme einer älteren und einer jüngeren Frau. Beide liegen auf Matten und winden sich still in Krämpfen. Die Tiere fliegen davon, sobald sich die beiden Körper aufbäumen wie Marionetten, die an unsichtbaren Seilen hängen. Ein Junge nestelt an dem Hemd der jungen Frau herum. Es ist offenbar seine Mutter, denn das Kind greift nach ihrer Brust. Das Kind beginnt, an der Warze der Frau zu saugen, die mit dem Tod ringt.

Die Helfer der Malteser schauen betreten auf die Szene des Grauens. Eigentlich wollten sie den Gästen aus dem Ausland zeigen, wie sie in dem Camp rund um die Kathedrale den von den Dinka Vertriebenen Hilfe leisten. Manchmal kommt diese aber zu spät. Ein Malteser erklärt, dass die Organisation mit der Unterstützung des Nothilfebündnisses „Aktion Deutschland hilft“ Bohrlöcher auf dem Kirchengelände gegraben hat. Sie sind so tief, damit die Ausscheidungen der 8 000 Menschen nicht in das Grundwasser sickern. Die Organisation habe Latrinen angelegt und verteile Seife für die Hygiene im Lager. Mehr als eine medizinische Grundversorgung könnten die Malteser in dem Lager aber nicht gewährleisten.“Unsere Mittel sind begrenzt“, sagt der Helfer.

Wenn die indische Schwester Grace Albträume hat, weiß sie manchmal nicht, ob sie Bilder aus der Vergangenheit plagen oder ob sie die Zukunft voraussieht. Schwester Grace ist noch etwas schwach auf den Beinen. Ein Infekt hat sie einen Tag lang ans Bett gefesselt. Ein dummes Fieber, das sie außer Gefecht setzt, während draußen vor der Station der Mary Help Association in Wau die leeren Bäuche der Kinder schmerzen.

Die Schwester rührt in einer Tasse Tee, während sie ihre Geschichte erzählt. Als sie Ende der 90er-Jahre nach Wau kam, hungerte das Regime in Khartoum die aufständischen Dinka aus. Der Sudan ließ damals keine Hilfsorganisation in den rebellierenden Süden. Nur die Kirche blieb in der Region und baute unter anderem eine Krankenschwesterschule auf. „Gott sei Dank ist das heute anders“, sagt Schwester Grace. Von den Maltesern bis zu den Johannitern seien derzeit zahlreiche kirchliche und private Hilfsorganisationen in Wau tätig, um das Schlimmste zu verhindern.

Doch in einem Land, in dem über Monate alle Straßen überschwemmt sind, verschlinge allein der Transport von Hilfsgütern Unsummen, sagt die indische Schwester. Die internationale Gemeinschaft dürfe jetzt keine Zeit verlieren, sagt sie. „Bevor die Regenzeit richtig begonnen hat, muss genug Essen im Land sein – und zwar mindestens für ein Drittel der zwölf Millionen Einwohner Südsudans“, sagt sie.

Aber auch sie weiß: Außer der Hungersnot im Südsudan gibt es ja noch die Dürre am Horn von Afrika und die gleichfalls kriegsbedingten Krisen im Jemen und der Sahelzone. Die UN sprechen von der schwersten humanitären Krise seit 1945 mit fünf Epizentren, die gleichzeitig auftreten. Der Südsudan könne sich frühestens nach dem Ende der Regenzeit 2018 wieder selbst versorgen. „Wenn im kommenden Jahr die Waffen schweigen und die Bauern wieder auf ihre Felder können“ sagt Grace. Ansonsten werde es auch im kommenden Jahr keine Ernte im Südsudan geben.

Die graue Wolkendecke hängt auch über der zwei Flugstunden südlich von Wau gelegenen Hauptstadt Juba. Immer wieder gehen Regenschauer nieder. Aber die Tage, an denen der Himmel seine Schleusen öffnet, stehen auch Juba noch bevor. Angst und Hunger sind in jeden Winkel der Stadt gekrochen. Lehrer halten sich an ihren Pulten fest, um nicht vor den Schülern ohnmächtig zu werden. Sie beobachten, wie aus ihren Klassen täglich Schüler verschwinden. Einige halten die langen Schultage ohne Frühstück im Bauch nicht aus. Oder sie hoffen, irgendwo auf der Straße Geld aufzutreiben.

An einer Hotelbar in Juba trinkt Simon Wul (Name geändert) ein Bier nach dem anderen auf Kosten seines ausländischen Kollegen. Eigentlich besteht er darauf, dass sein wirklicher Name in der ausländischen Presse erscheint. Aber er redet sich um Kopf und Kragen. Was mit ihm geschehe, sei ihm egal, meint er. „Mein Land stirbt“, sagt er.

Nach der Unabhängigkeit 2011 leitete Wul eine große Tageszeitung. Auf dem Papier war die Presse nun frei. Wul wurde bekannt, und vielleicht schützt ihn sein Name bis heute. Die Regierung gab ihm nach kritischen Artikeln schließlich den freundlichen Rat, er möge in den Ruhestand gehen. Jetzt bleibt Wul nur der Alkohol, eine Rente, die täglich an Wert verliert und das Entsetzen über das, was aus dem Südsudan nach der Unabhängigkeit wurde.

Frieden, so meint Wul nach dem fünften oder sechsten Bier, werde es im Land erst dann geben, wenn sich ein Stamm gegen alle anderen durchgesetzt habe. „Und das bedeutet: Erst, wenn die anderen alle tot sind“, sagt er .

Diese Geschichte wurde ermöglicht durch eine Recherchereise der Aktion „Deutschland hilft“. Wenn Sie helfen möchten:

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