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Döbeln

Wenn eine Schule 150 wird

Das Lessing-Gymnasium feiert eine Woche lang sein Jubiläum. Sogar ein Film ist entstanden. Auch ein Geist spielt mit.

Schulleiter Michael Höhme mit der Festschrift zum 150. Jahrestag des Lessing-Gymnasiums. Sie und ein Film wurden bei der Festveranstaltung zum Auftakt der Festwoche in der Aula präsentiert.
Schulleiter Michael Höhme mit der Festschrift zum 150. Jahrestag des Lessing-Gymnasiums. Sie und ein Film wurden bei der Festveranstaltung zum Auftakt der Festwoche in der Aula präsentiert. © -Dietmar Thomas

Döbeln. Kaum ist Kunsterzieher Claus Vejrazka im Ruhestand, taucht er am Gymnasium wieder auf. Als Geist. Als Geist von Max Aßmann in einem Film, um genauer zu sein. Der Lehrer hatte 1947 den Vorschlag gemacht, das Gymnasium nach Lessing zu benennen. Dem Dichter und Denker, von dem der Satz überliefert ist: „Ohne die Geschichte bleibt man ein unerfahrenes Kind.“ 

Um Geschichte und ihre Bedeutung dreht sich auch der Film, der zum 150. Jahrestag der Schule entstanden ist. Am Freitag wurde er beim Auftakt der Festwoche zum ersten Mal gezeigt. In den Hauptrollen Philipp Hoffmann und Sarah Jedamzik, beide Schüler. Und noch ein Ruheständler taucht darin auf: Reinhard Zerge, ehemals Chef der Stadtwerke und Vorsitzender des Fördervereins, spielt einen Lehrer, der seine Schüler mit Geschichte langweilt. 

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In vier Tagen war der Film „Anton wacht auf“ abgedreht, sagte Philipp Schüller, Student für Kultur und Medienpädagogik an der Hochschule Merseburg, der mit seinem Kommilitonen Hans Höpfner das Drehbuch geschrieben und den 20-minütigen Film produziert hat.

Zu jedem Jubiläum hat man sich an der Schule etwas Besonderes einfallen lassen, Mit dem Film habe man die Messlatte ziemlich hoch gelegt, sagte Schulleiter Michael Höhme. Entstanden ist auch eine Festschrift zur Geschichte und Gegenwart der Schule. „Daran haben sich auch viele Lehrer mitgearbeitet. Es gibt darin eine Vielfalt an verschiedenen Textarten, auch Interviews und O-Töne. Die Festschrift sollte etwas Journalartiges sein“, sagte Höhme. Knapp 1000 Stück seien aufgelegt worden und sollen jetzt verkauft werden.

Was macht das Lessing-Gymnasium 150 Jahre nach seiner Gründung aus? Höhme machte es an den an den Buchstaben von Lessings Namen fest. Das „L“ stehe für Lernbereitschaft und Leistung. „Das Lessing-Gymnasium hat sich immer zu Leistung bekannt. Das hat ihm den Ruf eingebracht, dass es hier nicht leicht ist. Die Schüler lernen bei uns, dass Erfolg das Ergebnis von Fleiß und Leistung ist.“ Im „E“ sieht Höhme Empathie und das fast ausgestorbene Wort „edel“ und bringt den „Lauf mit Herz“ ins Spiel, bei dem jedes Jahr zehntausende Euro Spenden eingesammelt werden. „Die edle Gesinnung und Empathie ist hier mit Händen zu greifen. Emotionale Intelligenz lernt man an dieser Schule.“ 

Die zwei S stehen für sportlich und sprachbegabt. Schon vor 100 Jahren wurden an der Schule ein Turnverein und ein Verein für Leibesübungen gegründet. Unterrichtet werden fünf Sprachen. Es gibt bilingualen Unterricht und einen Austausch mit Schulen in Frankreich und Tschechien. „I“ wie Innovation gab es schon früher. 1900 beteiligte sich das Gymnasium, damals noch mit Landwirtschaftsabteilung, an der Weltausstellung in Paris. Das moderne Lernkonzept von Theorie und Praxis überzeugte. Die Sachsen bekamen eine Silbermedaille. Die Praxis spielt auch heute eine Rolle. Für das Engagement beim Einsatz der neuen Medien war die Schule im vorigen Jahr als erste in Sachsen als „Smart School“ ausgezeichnet worden.

Lessings „N“ lässt Höhme für „neugierig“ im Sinne von Wissensdrang stehen. Und das „G“ für Geduld, die jeder Schüler am Gymnasium lernt. „Es ist nicht leicht, Schülern Geduld auch mit sich selbst beizubringen. Aber Mathe lernt man nur mit fleißigem Üben. Geduld wird seit 150 Jahren gelehrt, auch wenn sie nicht im Lehrplan steht.“

Im Oktober 1868 hatte das sächsische „Cultusministerium“ beschlossen, in Döbeln eine Königliche Realschule 1. Ordnung mit landwirtschaftlicher Abteilung einzurichten. Döbeln brauchte eine weiterbildende Schule für das aufstrebende Bürgertum und die Söhne der Bauern in der landwirtschaftlich orientierten Gegend. Der erste Rektor zog mit fünf Lehrern und 81 Schülern vorübergehend mit in die nagelneue Bürgerschule auf dem Schloßberg ein. Im April 1871 konnte das neu gebaute Schulhaus bezogen werden. Dazu gehörten drei Hektar Versuchsfelder.

In ihrer wechselvollen Geschichte habe das Gymnasium eine schwierige Gratwanderung vollführt, sagte Höhme. In Diktaturen sei es immer für ideologische Zwecke ausgenutzt worden. 1938 wurden die beiden letzten jüdischen Schüler des Gymnasiums verwiesen. Im Ersten Weltkrieg waren 174, im Zweiten etwa genau so viele Schüler auf den Schlachtfeldern geblieben. Und auch in der DDR mussten junge Menschen die Schule verlassen, weil sie Mitglieder der Jungen Gemeinde waren. „Minderjährige wurden mit ihren Studienwünschen von der Stasi erpresst, damit sie ihre Mitschüler denunzieren“, sagte Höhme. Lehrer Max Aßmann hatte 1947 mit seinem Namensvorschlag eigentlich eine andere Idee. „Lessing sollte moralische Orientierung nach der ideologischen Verblendung geben.“