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Wenn Eltern ihre Kinder nicht mehr erkennen

Für Menschen mit Demenz gibt es in Meißen eine eigene Wohngemeinschaft. Die SZ hat sich dort einmal umgesehen.

© Claudia Hübschmann

Von Stephan Hönigschmid

Meißen. Mit freundlich-gütigem Gesicht läuft die 87-jährige Irmgard D. durch die sonnendurchfluteten Räume der früheren Neumarktschule. Im zweiten Stock des Hauses lebt sie als eine von neun Bewohnern in einer Wohngemeinschaft, die es erst seit wenigen Jahren gibt. Was sich zunächst alltäglich anhört, ist es bei näherer Betrachtung nicht, denn alle Bewohner eint ein gemeinsames Schicksal: Demenz.

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Prominente Demenzfälle

Doch trotz der heimtückischen Krankheit strahlt die Seniorin viel Lebensfreude aus und fühlt sich in ihrer Umgebung sichtbar wohl. Neben der wohnlichen Gestaltung der Räume mit viel Liebe zu Details wie angeklebten Papierschmetterlingen an den Fenstern oder Tierbildern an den Wänden, freuen sich die Bewohner nicht zuletzt über das vielseitige Tagesprogramm.

„Für Menschen, die an Demenz erkrankt sind, ist ein strukturierter Tagesablauf sehr wichtig, weil sie oft kein Zeitgefühl mehr haben. Ohne diese Struktur wären sie hilflos“, sagt Dorit Birke, die das Meißner advita-Haus leitet, in dem sich die Demenz-WG befindet.

Kurz nach 9 Uhr hat Irmgard D. bereits gefrühstückt und nimmt jetzt an der Zeitungsschau teil. Dabei stellen die Pflegekräfte ausgewählte Artikel aus der Sächsischen Zeitung vor. „Wir geben sie mit eigenen Worten wider. Allerdings lassen wir die ganz traurigen Themen weg“, sagt Pflegekraft Gisa Köhler.

Besonders beliebt seien der Polizeibericht und Kuriositäten, so Köhler. Obwohl Irmgard D. aufgrund ihrer Erkrankung nicht mehr alles genau mitbekommt, genießt sie es, unter Menschen zu sein. „Für die Bewohner ist es gut, wenn sie immer wieder verschiedenen Reizen ausgesetzt sind. Das kann die fortschreitende Demenz zwar nicht aufhalten, aber verlangsamen“, sagt Birke. Aus diesem Grund stünden Aktivitäten wie Kegeln, Musizieren und Gedächtnistraining auf dem Programm. Bei dieser Gelegenheit werde auch auf die Biografie des jeweiligen Menschen eingegangen. „Wir schauen uns insbesondere an, was jemand früher gearbeitet hat. Eine Frau war beispielsweise eine leidenschaftliche Hausfrau, die gern gebügelt hat. Wir haben ihr deshalb ein Bügelbrett und Wäsche hingestellt. Am Ende war sie richtig glücklich darüber, was sie an dem Tag alles geschafft hat“, sagt Birke.

Zur Wahrheit gehört jedoch auch, dass die Menschen mehr und mehr in ihrer eigenen Welt leben. Für die Angehörigen, die jederzeit in der WG vorbeikommen können, ist das meistens nur schwer zu ertragen. „Für die Kinder ist es ein schwerer Schlag, wenn ihr Vater oder ihre Mutter sie plötzlich nicht mehr erkennt.“ Hinzu komme die Erkenntnis, dass der Zustand eher schlechter als besser werde, was für viele sehr belastend sei, sagt die Leiterin der Einrichtung und fügt an: „In dieser Situation ist es für sie ein Trost, dass Ihre Lieben bei uns gut aufgehoben sind.“

Für Miete und Lebenshaltungskosten müssen die Bewohner bzw. Angehörige extra bezahlen. Advita vermittelt die Wohnplätze für den Bauherren – die Volks- und Raiffeisenbank – vermietet aber nicht selbst. Pflegeleistungen können hinzugebucht werden und betragen etwa bei Pflegegrad 2 jeweils 689 Euro für Pflegesachleistungen und die Tagespflege.

Die Altersspanne der drei Männer und sechs Frauen, die in der WG leben, reicht momentan von 60 bis 90 Jahre. „Man vergisst schnell, dass auch verhältnismäßig junge Menschen von Demenz betroffen sein können“, sagt Birke. Nach Angaben der Alzheimergesellschaft Radebeul und Meißner Land leben im Landkreis Meißen etwa 4800 Menschen mit der Diagnose Demenz. Die Dunkelziffer sei jedoch höher, so der Verein.