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Wenn Fischer zum Gewehr greifen

An den Teichen ist Erntezeit. Auch für Kormorane. Die Vögel machen den Fischern nicht nur jetzt das Leben schwer.

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© Norbert Millauer

Von Sven Görner

Nebelschwaden wabern über dem Niederen Großteich. Am Ufer steht ein junger Mann. Er schaut zu den beiden Inseln hinüber. Es ist Henry Lindner, der Geschäftsführer der Teichwirtschaft Moritzburg. Doch anders, als man ihn sonst bei seiner Arbeit an und in den Teichen kennt, hat er keine wasserdichte Wathose an. Nicht einmal ein paar lange Gummistiefel. Stattdessen hält der 37-Jährige ein Gewehr in seinen Händen. Denn seit ein paar Monaten ist Henry Lindner nicht nur Teichwirt, sondern auch Jäger.

Ein Kormoran mit ausgebreiteten Flügeln auf einem Ast. Des Vogelliebhabers Freund ist des Fischers Leid ...
Ein Kormoran mit ausgebreiteten Flügeln auf einem Ast. Des Vogelliebhabers Freund ist des Fischers Leid ... © dpa/dpaweb

Wie seine Kollegen Tilo Groß von der Teichwirtschaft in Schönfeld und Oliver Naumann von der AVD Angel-Service GmbH und Teichwirtschaft Zschorna hat er die Mühen und Kosten auf sich genommen, um einen Jagdschein zu bekommen. Auf die Pirsch nach Wildschwein und Co. will indes keiner der drei gehen. Ihr Jagd-Interesse gilt dem Kormoran. Der ist nicht nur schön anzuschauen, sondern hat auch einen mächtigen Appetit.

„Ein Kormoran frisst am Tag 450 bis 500 Gramm Fisch“, sagt Oliver Naumann. „Wenn sich über längere Zeit mehrere Hundert der Vögel an unseren Teichen aufhalten, geht der Schaden schnell in die Tausende.“ Weil es aber schon seit einigen Jahren dafür keine Ausgleichszahlungen mehr gibt, würden die Verluste durch die schwarzen Fischräuber von den Teichwirten kaum noch gemeldet, ergänzt er. Gert Füllner, Referatsleiter Fischerei im Sächsischen Umweltamt, hat dennoch eine belastbare Zahl über die Höhe der durch den Kormoran verursachten Schäden im Freistaat parat. „Im Jahr 2013 waren das 1,35 Millionen Euro.“ Diese Summe ist eine Hochrechnung auf Grundlage der an einem Stichtag an den Rastplätzen gezählten Vögel. Nach dieser gab es vor drei Jahren in Sachsen 3 049 Kormorane. Im Jahr 2000 waren es mit 1 397 noch nicht einmal halb so viele gewesen.

„Allerdings umfasst die genannte Summe nur die reinen Fraßschäden“, sagt Gert Füllner. Durch indirekte Schäden, die auf das Konto der Vögel gehen, dürften die Verluste für die Teichwirte noch um einiges höher liegen. „Zum Beutespektrum der Kormorane in unseren Teichen gehören neben Weißfischen auch die ein- und zweisommerigen Karpfen“, sagt Henry Lindner. Die älteren Karpfen seien zu groß. „Trotzdem haben wir auch in dieser Altersgruppe Verluste. Denn wenn die Kormorane in großer Anzahl in den besetzten Teichen jagen, bedeutet das für die Fische Stress.“ Und so würden selbst vier und fünf Kilo schwere Karpfen plötzlich aufhören zu fressen. Zudem versuchen große wie kleine Fische, sich an ruhige Orte zurückzuziehen. „Doch wenn sie ins Schilf schwimmen, kommt es oft zu Verletzungen und in deren Folge zu Pilzkrankheiten. Dann schaffen sie es kaum über den Winter.“

Damit die Teichwirte den durch europäisches Recht geschützten Vögeln wenigstens etwas Paroli bieten können, gibt es in Sachsen eine Kormoranverordnung. Diese ermöglicht den Teichwirten in Absprache mit den zuständigen Naturschutzbehörden, die gefräßigen Vögel von ihren Teichen zu verjagen. Diese sogenannte Vergrämung ist mit Gasdruckgeräten möglich, es darf aber auch scharf geschossen werden. Obwohl in den vergangenen zehn Jahren im Schnitt pro Jahr um die 2 000 Kormorane auf der Strecke blieben, weisen die Artenschützer im Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie darauf hin, dass es nicht darum gehe, den Bestand zu regulieren, sondern wirtschaftliche Schäden zu begrenzen. Angaben, welche Effekte auf die Fischbestände mit dem Abschuss von mehr als 21 000 Kormoranen seit 2006 erzielt wurden, lägen dem Artenschutzreferat indes nicht vor.

Über diese kann Oliver Naumann berichten. Wie sein Schönfelder Kollege setzt er bei der Vergrämung auf Gasdruck. Aber nicht allein. „An das Knallen gewöhnen sich die Vögel. Nach einiger Zeit fliegen die dann nicht mehr weg“, weiß er. „Sinnvoll ist daher nur eine Kombination mit scharfem Schießen.“ Wenn ab und an einer vom Himmel falle, würden die anderen merken, dass Gefahr droht, wenn es knallt.

Effektiver als das Verjagen der Vögel wäre eine Regulierung in den Brutkolonien. Die Kormoranverordnung ermöglicht, die Vögel am Brüten zu hindern. Allerdings gab es 2014 landesweit nur rund 170 Brutpaare. Notwendig wäre ein europäisches Management, da sich die großen Brutkolonien in Skandinavien, im Baltikum und in Norddeutschland befinden. „Da die Kormorane dort als Küstenvögel leben und anders als im Binnenland keinen spürbaren Schaden verursachen, ist das Interesse an einer Regulierung in diesen Ländern aber eher gering“, sagt ein Experte.