Merken

Wenn Kinder sterben müssen – wo bleibt der Wert des Lebens?

Zwei Nachrichten an einem Tag. Fünf Kinder in Schleswig-Holstein, drei in Plauen. Getötet. Möglicherweise von ihren Müttern.Als Großvater zweier kecker Mädchen zer-reisst es einem das Herz. So wird es...

Teilen
Folgen

Hans Eggert über die jüngsten Kindstötungen in Deutschland

Zwei Nachrichten an einem Tag. Fünf Kinder in Schleswig-Holstein, drei in Plauen. Getötet. Möglicherweise von ihren Müttern.Als Großvater zweier kecker Mädchen zer-reisst es einem das Herz. So wird es Millionen gehen, Eltern, Großeltern oder einfach Menschen, die glücklich sind, wenn Kinder Krabbelversuche unternehmen, das erste Wort brabbeln, ihren Weg ins Leben suchen. Dieser Weg ist acht Kindern brutal abgeschnitten worden. Die Justiz wird Umstände und Motive ergründen. Fest steht: Wir sind wieder ärmer geworden, ärmer an Menschlichkeit.

Kindstötung. Das hat es zu allen Zeiten gegeben. Oft sind es die Mütter, die nehmen, was sie geben – Leben. Von den Vätern ist selten die Rede. Es ist meist tiefste Verzweiflung, die die Täterinnen aller Sinne beraubt. Die Literatur liefert reichlich Beispiele dafür. Heute reagiert auf Kindstötung allerdings nicht nur der Dichter, sondern eine mediengetriebene Öffentlichkeit. Weshalb, regelungsgewöhnt, wie wir sind, bei jedem neuen Fall nach neuen Gesetzen und besserer Kontrolle gerufen wird.

Sicher ist es das Recht der Öffentlichkeit, nach Schuld und Versagen zu fragen. Tatsächlich „begleiten“ oft Oberflächlichkeit oder gleichgültiges Verwalten die Fälle. Zuweilen drängt sich aber der Eindruck auf, der Ruf nach Konsequenzen beruhige vor allem das öffentliche Gewissen. Um Missverständnissen vorzubeugen: Jedes Vergehen gegen eine Verordnung ist schlimm, jede (neue) Verordnung, die auch nur ein Leben retten könnte, muss umgesetzt werden. Ja: Sozial- und Jugendämter müssen kontrollieren; es ist notwendig, sie personell gut auszustatten; es ist richtig zu diskutieren, ob – zum Beispiel – Kindergeldzahlungen gebunden werden an regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen. Nur: Ist das alles, was zu tun und zu bedenken bleibt?

Unsere Gesellschaft ist beileibe nicht grundsätzlich krank. Aber sie krankt: an fehlender Zuwendung, an Vereinzelung, auch an mangelndem Interesse für das Schicksal des Mitmenschen. Und die Gefahr wächst, dass der Wert des Lebens von anderen Werten überwuchert wird.

Sich daran im Advent, in der Zeit der Hoffnung, zu erinnern, ist – zugegeben – eine eher schwache Reaktion auf die Grausamkeit ausgelöschten Kinderlebens. Aber diese Schwäche birgt Stärke. Lassen wir uns aufrütteln von der kommenden Weihnachtsbotschaft. Die hat sich allemal stärker erwiesen als starke Worte. Man muss sie nur hören – wollen.