Partner im RedaktionsNetzwerk Deutschland
Merken

Wenn Kirche auf Synagoge trifft

Am Sonntag gibt es in Zgorzelec ein Konzert auf der Görlitzer Synagogenorgel.

Teilen
Folgen
NEU!
© Pawel Sosnowski/80studio.net

Von Dr. Markus Bauer

Am Sonntag findet um 17 Uhr in der Kirche St. Bonifatius in Zgorzelec ein ungewöhnliches Konzert statt. Unter dem Titel „Shalom – Kirche trifft Synagoge“ spielen Torsten Laux, Orgel, und Semjon Kalinwosky, Viola, Werke kirchlicher und synagogaler Musik von Johann Sebastian Bach, Louis Lewandowski, Felix Mendelssohn-Bartholdy und anderen. Veranstalter sind der Förderkreis Görlitzer Synagoge und der Meetingpoint Messiaen. Ein weiteres Konzert geben die beiden Musiker bereits am Sonnabend, um 18.30 Uhr, in der Peterskirche.

Beim Konzert in Zgorzelec passt der Titel „Kirche trifft Synagoge“ auf besondere Weise. Denn die Orgel in dieser Kirche wurde ursprünglich für die Synagoge in Görlitz gebaut. Das 18-stimmige Instrument des renommierten Orgelbaubetriebes Schlag & Söhne aus Schweidnitz erklang zum ersten Mal bei der Einweihung der Synagoge am 7. März 1911. Die Verwendung von Orgeln im Gottesdienst war in den Jahrzehnten um 1900 ein Kennzeichen liberaler jüdischer Gemeinden.

Nach der Schändung in der Pogromnacht 1938 fanden in der Görlitzer Synagoge keine Gottesdienste mehr statt. Im Frühjahr 1939 wurde die jüdische Gemeinde gezwungen, das Gotteshaus unter dem geltenden Einheitswert an die Stadt Görlitz zu verkaufen. Zuvor bemühte sie sich, das Inventar zu veräußern. Das katholische Pfarramt Heilig Kreuz zeigte Interesse an der Orgel, um sie für die St. Bonifatius-Kirche in Görlitz-Ost zu verwenden. Nachdem man sich auf einen Kaufpreis von 1 800 Reichsmark geeinigt hatte, wurde die Orgel wohl noch im April 1939 abgebaut und im Herbst desselben Jahres in St. Bonifatius wieder aufgestellt. Bis auf den heutigen Tag begleitet sie dort den Gottesdienst.

Soweit es im Nachhinein beurteilt werden kann, waren die Umstände des Verkaufs fair. Pfarrer Alois Bollmann von Heilig Kreuz holte Gutachten von zwei Orgelbaufirmen ein, um den Wert der Orgel zu ermitteln. Zunächst hatte Fritz Cohn, der Vorsitzende der Synagogengemeinde, einen höheren Kaufpreis erwartet. Vom Wert der spielfertigen Orgel mussten aber die Kosten für einen neuen Orgelprospekt und für den Ersatz des nicht mehr tauglichen elektrischen Gebläses abgezogen werden. Auf Bitten von Fritz Cohn hat Pfarrer Bollmann die Gutachter noch einmal um eine zweite Stellungnahme gebeten, die die früheren Angaben bestätigten.

In der Pogromnacht 1938 wurden fast alle Orgeln in deutschen Synagogen zerstört. Lediglich etwa zehn Instrumente sind erhalten, alle nicht mehr an ihrem ursprünglichen Bestimmungsort. Das wieder aufkeimende jüdische Leben in Deutschland nach 1945 war von der orthodoxen Richtung des Judentums geprägt. Daher spielt die Orgel heute in deutschen Synagogen kaum mehr eine Rolle.

In den vergangenen Jahren zeigt sich aber wieder vermehrt eine Besinnung auf die große Tradition synagogaler Orgelmusik. So erhielt auch die 2001 eingeweihte Neue Synagoge in Dresden eine (elektrische) Orgel.

Der Autor ist Vorsitzender des Förderkreises Görlitzer Synagoge