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Wenn modern hässlich ist

© Visualisierungen: Atelier ST/S 8

Die städtebauliche Entwicklung ruft immer mehr Kritiker auf den Plan. Der Vorwurf: Investoren bauen am Bürger vorbei.

Von Lars Kühl

Dresden. Bei den Königshöfen in der Neustadt ist vieles anders. Nicht nur der Name klingt traditionalistisch und kommt ohne Anglizismen oder neumodische Zusätze aus, auch die Entwürfe für die Neubauten neben der ehemaligen Brandversich-erungsanstalt am Palaisplatz setzen mit ihren barocken Elementen auf Altbewährtes. Architekt Sebastian Thaut bekam dafür viel Lob aus der Bevölkerung, von seinen Kollegen setzte es für das Rückbesinnen harte Kritik. Das deckt sich mit einer Bemerkung, die der Leipziger kürzlich fallenließ, als er seine moderne Barockversion für das Projekt der CG-Gruppe vorstellte: Das Erste, was ihm bei seinem Architekturstudium von den Professoren ausgetrieben worden sei, war die Vorstellung, dass früher schön gebaut wurde, und man sich daran orientieren könne. Buntes, Rundes, Verziertes sei heute nicht mehr zeitgemäß, stattdessen wäre Eintöniges, Flaches und Spartanisches das Nonplusultra.

Es ist nicht so, dass Thaut und seine Frau mit ihrem Atelier gegen den Strom schwimmen, wie einige ihrer Referenzobjekte zeigen. Doch das Paar ist auch offen für Alternatives – wie eben die Königshöfe. Dass ihre Entwürfe so positiv von den Bürgern aufgenommen werden, hat den Architekten dann aber doch überrascht. Torsten Kulke dagegen überhaupt nicht.

Er ist der Vorsitzende der allgegenwärtigen Gesellschaft Historischer Neumarkt. Dass manche in ihm einen Hardliner und den Verein als Sammelbecken Ewiggestriger erkennen, ärgert ihn. Denn Kulke sieht sich als Vertreter der überwiegenden Zahl der Dresdner. Die ziehen rekonstruierte, historisierende oder zumindest auffälligere Gebäude würfelförmigen, grauen Kästen vor, sagt er. Eigene Umfragen oder auch Abstimmungen der Sächsischen Zeitung geben ihm recht, auch wenn sie nicht repräsentativ sind. Diesen Anspruch hat die Studie des Instituts für Kommunikationswissenschaft im Auftrag der Dresdner Neuesten Nachrichten. Die Frage, ob in der Stadt zu viele alte Bauwerke stehen, beantworteten nur 19 Prozent mit „ja“, während 65 Prozent „nein“ ankreuzten.

Mit diesem Wissen lief bei Kulke und seinen Mitstreitern kürzlich das Fass über, als die Pläne für das Hotel der Wyndham-Marke „Super 8“ am Nordostfuß der Marienbrücke (SZ berichtete) vorgestellt wurden. Das Entsetzen über den lieblos-grauen Kastenbau-Entwurf teilte der Wächter über die baulichen Entwicklungen in Dresdens Innenstadt mit vielen. Auch von einigen Stadträten und Bürgerinitiativen, wie Stadtbild Dresden, gab es empörte Ablehnung. Besonders die Tatsache, dass die Gestaltungskommission die Fassade nicht verhindern konnte, die an dieser exponierten Stelle so wenig ins Stadtbild passen will, warf viele Fragen auf (SZ berichtete).

Die Neumarkt-Gesellschaft fordert ein Umdenken. Sie will jetzt selbst eine eigene Kommission aus Experten bilden, die vorschlägt, was gemacht werden könnte. Besonders in der Kritik steht bei Kulke das Stadtplanungsamt. Das würde es den Investoren, bei denen das Geld zurzeit besonders locker sitzt, zu einfach machen. Für diese gebe es zu wenigen Grenzen, in denen sie sich bei der Bauausführung bewegen dürften. Vieles, nach Kulkes Meinung zu vieles, sei über den Paragrafen 34 des Baugesetzbuches geregelt. Zwar erklärt der, dass sich, kurz gesagt, ein Vorhaben in die nähere Umgebung einpassen muss. „Trotzdem ermöglicht er alles.“ Aktuell bemängelt Kulke unter anderem Pieschen, wo die „Entwicklungen an der Rehefelder Straße nichts mehr mit dem Ursprung zu tun haben.“ Er fordert deshalb mehr Gestaltungssatzungen, wie beispielsweise in Blasewitz, und konkrete Bebauungspläne. Die sind aber aufwendig. Um sie aufzustellen, fehlt es in der Stadt an Geld, befürchtet der Vereinschef. Nur damit könnten mehr notwendige Stellen besetzt werden.

Außerdem ziehen solche Vorgaben längere Verfahrenswege nach sich. Investoren mögen so etwas nicht, sie wollen meist schnell und ohne strenge Auflagen bauen. Viel zu selten, erklärt Kulke, werden Wettbewerbe ausgelobt, die zu besseren Ergebnissen führen. Dazu komme, dass die Jurys zu einseitig besetzt seien, die Bürgerinteressen so zu wenig Beachtung finden.

Dabei zeigen Studien, sagt Kulke, dass sich Mieter viel lieber für alte Häuser oder Repliken davon entscheiden, einfach, weil sie die schöner finden als die aktuellen, minimalistischen Bauten des Spätrationalismus. Sogar mehr Miete würden sie dafür zahlen. Doch was ist ein schönes Haus? Kann diese Frage überhaupt objektiv und verallgemeinernd beantwortet werden?

Friedrich Thießen, Professor für Finanzwirtschaft an der TU Chemnitz, hat es kürzlich in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung getan – mit einem klaren „Ja“. Seine Stilstudien durch Vorlage von Fotos kommen zum Ergebnis, dass Menschen genau wissen, was für sie schöne Architektur ist. „Und diese Vorstellung ist bei allen gleich, egal, wie alt sie sind, wie einkommensstark, wie gebildet oder wo sie wohnen.“ Moderne, kubistische Würfel fallen genauso durch wie Bauwerke aus Waschbeton. Dafür gibt es einen überwältigenden Gewinner: die Gründerzeithäuser. Die haben verzierte Fassaden, umrandete Fenster und keine Flach-, sondern Spitzdächer.